Die Camping-Branche verzeichnet auch Jahre nach der Corona-Pandemie ungebremstes Wachstum. Davon profitiert "VanEssa mobilcamping". Aus handelsüblichen Vans und Sprintern werden Reiseträume auf vier Rädern.

Wenn Hubert Vollert von seinem ersten selbst ausgebauten Lieferwagen erzählt, schwingt in seiner Stimme eine alte Leidenschaft mit. Es war in den Achtzigern, ein Sprinter, den er für seine Schreinerei nutzte. "Wie ein Schiff hat das ausgeschaut", sagt er und meint das Mahagoni-Holz, mit dem er den Laderaum verkleidet hatte.
Damals war es eine private Bastelei, geboren aus dem Wunsch, Arbeit und Freizeit zu verbinden, einfach losfahren zu können, ohne an einen festen Ort gebunden zu sein. Diese Idee, die vor über 40 Jahren in einer kleinen Werkstatt in Oberbayern entstand, war der Ausgangspunkt für ein Geschäftsmodell, das heute den Traum vom freien und unabhängigen Reisen mit den Bedürfnissen des Alltags verbindet.
Vom klassischen Schreiner zum Camping-Spezialisten
Die Geschichte von "VanEssa mobilcamping" beginnt nicht mit Camping, sondern mit klassischem Handwerk. 1980 gründet Hubert Vollert seine Schreinerei in Großhöhenrain. Ein kleiner und eher unscheinbarer Betrieb. "Treppen, Küchen, Schlafzimmer, alles, was man von einem Schreiner eben so kriegt, haben wir gemacht", erinnert er sich. Aber die Werkstatt in einem ehemaligen Bauernhof wird über die Jahre zu klein. Ein großer Auftrag kommt herein: Vollert und sein Team bauen Shopsysteme für eine bekannte Jeans-Marke, fertigen die Ladeneinrichtungen für Geschäfte in ganz Europa. Das sorgt für wachsende Umsätze.
Doch die Abhängigkeit von einem einzigen Großkunden stört Vollert zunehmend. "Ich habe mir Sorgen gemacht, was passiert, wenn dieser Auftrag plötzlich wegbricht", sagt er. Das Grübeln über den Drang nach Unabhängigkeit führt ihn zurück zu seiner alten Idee: dem Ausbau von Fahrzeugen.
Im Jahr 2000 kauft er sich ein kompakteres Auto und verfeinert das Konzept, das er Jahre zuvor im Sprinter erprobt hatte. Er entwickelt eine Heckküche, die sich mit wenigen Handgriffen ein- und ausbauen lässt. Ein Modul, das ein Alltagsauto im Handumdrehen in ein kleines Reisemobil verwandelt. Im Urlaub wird ihm klar, dass er etwas Besonderes geschaffen hat. Immer wenn er die Heckklappe öffnet, bleiben Leute stehen. "Hey, was ist denn das? Wow, das ist ja richtig gut!", hören er und seine Frau von anderen Campern. "Da hab ich gemerkt, dass ich daraus ein Geschäftsmodell machen muss."
Vier Jahre später wagt er den Schritt und stellt seine Erfindung auf einer Messe vor. Der Anfang ist bescheiden. Sieben Küchen verkauft er im ersten Jahr. "Da war ich froh, dass ich nicht mehr verkauft hab, weil da hätte ich draufgezahlt", erzählt er heute lachend. Die Konstruktion war noch zu kompliziert, die Fertigung zu aufwendig. Es ist der Beginn eines langen Weges. Ein Kollege aus der Branche hatte ihm einst gesagt, eine Erfindung brauche sieben Jahre, bis man mit ihr Geld verdiene. "Und das stimmt, das ist wirklich so", bestätigt Vollert. "Jedes Produkt braucht eine gewisse Zeit, bis es sich etabliert."

Alltag und Freizeit in einem Fahrzeug vereint
Diese Zeit hat sich Vollert genommen. Heute ist seine Firma "VanEssa mobilcamping" aus dem oberbayerischen Voralpenland eine der ersten Adressen für modulare Campingausbauten in Deutschland und ganz Europa. Der Slogan "Wir vermöbeln deinen Van" bringt das Konzept auf den Punkt. Die Module, ob Küchen, Schlafsysteme oder Stauschränke, werden so konstruiert, dass sie ohne Werkzeug und ohne bauliche Veränderungen am Fahrzeug befestigt werden können. Dabei können die Originalsitze der Fahrzeuge meist im Auto bleiben. "Alltag, Freizeit, Urlaub: Drei verschiedene Einsatzzwecke in einem Fahrzeug zu verbinden, ist unser Ziel und macht unser Produkt so gefragt", erklärt Vollert. Ein teures Auto nur für Reisen zu nutzen, sei für viele Familien gar nicht erschwinglich.
Die Zufriedenheit der Kunden basiert auf penibler Vorarbeit. Sobald ein neuer Van auf den Markt kommt, leiht sich das Team ein Exemplar, vermisst den Innenraum auf den Millimeter genau und entwickelt die passenden Module. Statt aufwendiger Konstruktionen am Computer entsteht der Prototyp direkt am Fahrzeug. So kann das Team heute über 100 verschiedene Modelle ausstatten, wie VW T6, Caddy, den Mercedes Citan, Ford Tourneo Custom oder auch den Citroën Spacetourer.
Die Kunden können ihre Ausstattung online konfigurieren und bestellen. Etwa die Hälfte lässt sich die Möbel auf einer Palette zuschicken und baut sie selbst ein. Anleitungen und YouTube-Videos helfen dabei. Die andere Hälfte kommt persönlich nach Großhöhenrain, oft direkt auf dem Weg in den Urlaub. "In maximal einer Stunde ist der Einbau erledigt. Der Kunde hat bis zum Schluss ein Rücktrittsrecht", sagt Office Managerin Larissa Tatalovic, Vollerts Tochter. "Wenn es ihm nicht gefällt, lässt er es da und zahlt nichts. Aber das passiert eigentlich nie." Dieses gegenseitige Vertrauen sei Teil der Firmen-DNA.
Mit dem ausgebauten Sprinter Reiseträume erfüllen
Die Corona-Jahre waren für den Betrieb eine Zeit des extremen Wachstums. Der Camping-Hype spülte die Auftragsbücher voll. Bis zu 1.500 Küchen verkaufte die Firma pro Jahr. Doch der Boom hatte auch Schattenseiten: Materialengpässe, überlastetes Personal. "Das war sehr herausfordernd", meint Tatalovic. Nach der Pandemie kühlte sich der Markt ab. Die Fahrzeuge wurden um bis zu 30 Prozent teurer, die Unsicherheit bei den Verbrauchern stieg.
Doch Hubert Vollert hatte da schon das nächste Kapitel aufgeschlagen. Er spürte, dass der Markt sich veränderte, und baute ein zweites Standbein auf: den Komplettausbau von Kastenwagen wie dem Mercedes Sprinter. Hier geht es nicht mehr um modulare Lösungen, sondern um vollwertige Reisemobile. "Sie stehen funktional einem klassischen Campingwagen in nichts nach, bieten aber etwa den Vorteil, dass sie auf der Straße gar nicht als solcher erkannt werden. Das schätzen viele Kunden", weiß Vollert. Der Sprinter-Ausbau ist allerdings alles andere als trivial. Zeitaufwendiger, individueller und teurer. Um dies zu bewältigen, hat der Betrieb sein Personal auf inzwischen knapp 30 Mitarbeiter erweitert und einige Spezialisten wie Elektriker oder Polsterer eingestellt. "Ein Schreiner kann grundsätzlich vieles, doch vor allem die komplexe Elektrik erfordert Expertenwissen", erklärt Vollert.
Ein fertiges Fahrzeug inklusive Ausbau kostet schnell 150.000 Euro. Dafür bekommen Kunden ein hochwertiges Interieur mit Echtholzoberflächen und innovativer Technik. Der Innenraum hat das Flair eines stylischen Wohnzimmers. Im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern bringen die Kunden ihren eigenen Sprinter mit und kaufen diesen nicht als Komplettpaket inklusive Ausbau. Zu den Kunden zählen vorwiegend Rentner, die über entsprechende Ersparnisse verfügen, um sich ihren Traum von einem solchen Reisebegleiter erfüllen zu können. Die Fahrzeuge bleiben unter 3,5 Tonnen und lassen sich mit einem normalen Pkw-Führerschein fahren.
Qualität und Zusammenhalt ist wichtiger als Wachstum
Trotz des Wachstums ist"„VanEssa mobilcamping" ein Familienbetrieb geblieben und das soll auch so bleiben. Hubert Vollert ist der Tüftler und Entwickler, seine Tochter Larissa Tatalovic ist das Organisationstalent und Sohn Daniel Vollert, wie der Vater Schreinermeister, leitet die Produktion. Und alle drei sind selbst leidenschaftliche Camper. Jedes Produkt, das sie verkaufen, testen sie zuvor auf eigenen Reisen. So war Hubert Vollert etwa kürzlich mit dem ausgebauten Sprinter mehrere Wochen in Island unterwegs. "Wir sind keine Verkäufer, sondern beraten Kunden aus eigenen Erfahrungen. Diese Authentizität macht uns erfolgreich", sagt Larissa Tatalovic.
Die familiäre Atmosphäre ist im ganzen Betrieb zu spüren. Die Hierarchien sind flach, alle sind per Du. "Bei uns packt jeder mit an, wo es brennt. Niemand ist sich für etwas zu schade. Alle arbeiten für die gemeinsame Sache", betont sie. Viele der Beschäftigten sind schon lange im Unternehmen dabei. Einer begleitet Hubert Vollert seit 40 Jahren.
An dieser Philosophie soll sich nichts ändern. "Deshalb wollen wir auch nicht um jeden Preis wachsen. Sonst wird es unpersönlich, es bilden sich Grüppchen und das schadet dem Betriebsklima", ist Tatalovic überzeugt. Vorrangiges Ziel sei es, die Qualität hochzuhalten, damit die Kunden zufrieden und treu bleiben. Gleichzeitig werden im Unternehmen bereits die Weichen für die Zukunft gestellt. Der Bau einer neuen Produktionshalle, nur wenige hundert Meter vom jetzigen Standort entfernt, befindet sich in Planung. Hubert Vollert möchte seinen Kindern ein modernes Unternehmen hinterlassen, wenn er sich in ein paar Jahren aus dem aktiven Geschäft zurückzieht. "Dann habe ich hoffentlich noch mehr Zeit mit meinem Camper die Welt zu erkunden", sagt er mit einem Lächeln im Gesicht.
Wissenswertes zum Camping-Trend
Camping ist längst kein Nischenphänomen mehr – der Trend zum mobilen Reisen hat sich in Deutschland und weltweit gefestigt. Mit 42,9 Millionen Übernachtungen auf deutschen Campingplätzen im Jahr 2024 (nach 42,3 Millionen im Vorjahr) wurde ein neuer Höchststand erreicht. Seit der Pandemie, in der andere Formen des Urlaubs stark eingeschränkt waren, eilt die Branche von Rekord zu Rekord.
Entsprechend zufrieden zeigt sich Frank Schaal, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Campingwirtschaft in Deutschland (BVCD): "Die aktuelle Camping-Saison ist hervorragend angelaufen, wie wir von allen Seiten aus der Branche hören. Wir sind deshalb sehr zuversichtlich, dass wir nach dem Rekordjahr 2024 – das wiederum das Rekordjahr 2023 übertroffen hatte – das Niveau mindestens halten, wenn nicht sogar erneut verbessern können." Doch nicht nur die Campingplätze sind ein Profiteur. Die Nachfrage nach komfortablen Reisefahrzeugen steigt ebenso. "Die Zulassungen von Freizeitfahrzeugen für Camping-Reisen steigen kontinuierlich. So wurde kürzlich die Marke von einer Million Fahrzeugen im Bestand überschritten", weiß Schaal.
Camping ist längst ein Milliardengeschäft geworden. Für 2024 wird der weltweite Umsatz in diesem Markt laut BVCD auf mehr als 44 Milliarden Euro beziffert. Bis 2028 wird eine Steigerung des Umsatzes auf knapp 60 Milliarden Euro erwartet. Gleichzeitig soll die Zahl der Camper auf rund 400 Millionen ansteigen. Offenbar wird die Begeisterung auch nicht durch steigende Kosten für Übernachtungen und Reisefahrzeuge gebremst.
