Keine Harmonika klingt wie die andere – denn sie trägt die Handschrift ihres Musikers. Bei Öllerer Harmonikabau entsteht das traditionelle Instrument in Handarbeit. Sie prägt nicht nur die Volksmusik in der Region, sondern auch die, die sie herstellen.

Sie ist das Volksmusikinstrument schlechthin: die "Quetsch’n", "Ziach" oder "Zugin". So wird die Harmonika liebevoll in den unterschiedlichen Dialekten genannt. In vielen Ländern und Regionen gehört bis heute der Klang des Handzuginstruments zum Repertoire der traditionellen Volksmusik. In Österreich, Südtirol, Tschechien oder Slowenien.
In Deutschland wird die Harmonika vor allem in Teilen Bayerns gespielt. So auch in Freilassing: Die Stadt im oberbayerischen Landkreis Berchtesgadener Land liegt zwischen dicht bewaldeten Bergen, nur etwa drei Kilometer von Salzburg entfernt. Dort befindet sich die Firma Öllerer. Hier werden steirische und diatonische Harmonikas gebaut – in aufwendiger Handarbeit und individuell auf den Kunden abgestimmt. "Es gibt größere Unternehmen mit Industriecharakter, die vielleicht sogar einiges automatisiert haben. Aber unsere Qualität ist unvergleichbar", sagt Hans Kirchhofer, Produktionsleiter und Mitgeschäftsführer des Familienbetriebs.
Experten am Produkt
Das Instrument kann sehr individuell gestaltet werden. Die Auswahl reicht von Holzart und -farbe über den Faserverlauf bis hin zu Form und Material der Bass- und Diskantknöpfe. Das sind nur wenige der optischen Komponenten, die sich der Kunde beim Bestellen aussuchen kann.
Die Schreiner-Werkstatt ist im Erdgeschoss des Gebäudes. Hier stehen hölzerne Werkbänke neben Schleifmaschinen und Kreissägen, ums Eck führt eine geöffnete Tür in einen dunklen Raum. In den Regalen darin liegen Holzfurniere in sämtlichen Holzarten, Farbtönen und Maserungen – hauchdünn zugeschnitten und sorgfältig übereinandergestapelt. Aus diesen entscheiden sich Kunden zuerst für ein Holzfurnier und dann für Maserung und Muster eines bestimmten Abschnitts. "Das macht jedes Instrument einzigartig", sagt Hans Kirchhofer.
Leidenschaft als Wettbewerbsvorteil

Die meisten der Mitarbeiter in dem Freilassinger Herstellungsbetrieb spielen selbst Harmonika. Sie brennen für die Harmonika und machten aus ihrer Leidenschaft für das traditionsreiche Instrument ihren Beruf. Es spielen zu können, sei zwar keine Voraussetzung für eine Beschäftigung, aber für Kirchhofer hat das einen entscheidenden Vorteil: "Meine Mitarbeiter können sich viel besser mit dem Instrument identifizieren, wenn sie selbst spielen." Sie wissen, worauf es beim Bau der Harmonika ankommt. Das ist wichtig, denn ein Harmonikaspieler hat oft hohe Ansprüche an sein Instrument – im Aussehen und im Klang. Wer das traditionsreiche Instrument spielt, muss wissen, was er spielen will. Denn: Eine Harmonika ist auf bestimmte Tonarten beschränkt, der Kunde wählt auch sie individuell aus.
Erfinder einer speziellen Sorte
Jedes Stück wird von den Mitarbeitern überwiegend per Hand hergestellt. Dennoch ist der Betrieb auch für seine Innovationskraft bekannt. Georg Öllerer senior übertrug in den 90er Jahren das Prinzip des Akkordeons auf die Harmonika und erfand damit eine besondere Form der Harmonika: die Tonkammer. Sie unterscheidet sich von der normalen Harmonika durch eine komplexere Mechanik im Inneren des Gehäuses. 1989 wurde Öllerer senior dafür der Staatspreis der bayerischen Regierung für innovative Leistungen verliehen.
Begriffe erklärt
"Steirisch"
"Steirisch" bezeichnet nicht etwa das österreichische Bundesland, die Steiermark, wie man vielleicht vermuten könnte. Vielmehr bezieht sich der Begriff auf eine Form ländlicher Volksmusik, die traditionell auf der Harmonika gespielt wurde. Besonders in Wien, wo die Harmonika ihren Ursprung nimmt, bürgerte sich die Bezeichnung "steirisch" für diese Musikrichtung ein.
"Wechseltönig, diatonisch"
Die Harmonika ist ein wechseltöniges, diatonisches Instrument. Das heißt, beim Spielen erklingt auf Zug und Druck ein je anderer Ton. Das unterscheidet die Harmonika maßgeblich vom Akkordeon. Das muss ein Harmonikaspieler bei den einzelnen Sequenzen in seinen Stücken beachten.
Von der Reparatur zum ganzen Bau

Das Familienunternehmen entwickelte sich erst über die Jahre zu einem Fertigungsbetrieb. 1948 gründete Georg Öllerer senior, der Großvater von Hans Kirchhofer und des heutigen Eigentümers, Georg Öllerer junior, zunächst eine Reparaturwerkstatt für Harmonikas und Akkordeons, damals noch in der Freilassinger Altstadt gelegen. Öllerer senior selbst war zuvor als leidenschaftlicher Musiker tätig, bis er mit 46 Jahren die Werkstatt eröffnete. Aufgrund ihrer wachsenden Expertise fing er an, ganze Harmonikas zu bauen, und vergrößerte damit in den darauffolgenden Jahren die Geschäftsbereiche. Er zog mit der Firma in das Gewerbegebiet der Stadt um, und aus der Reparaturwerkstatt wurde ein Herstellungsbetrieb. In welche Richtung sich die Geschäftsbereiche entwickeln sollten, war laut Kirchhofer damals nicht geplant. "Das wurde schleichend mehr", sagt er.
Als Hans Kirchhofer die Werkstattleitung übernommen hatte, war das Stimmen der Instrumente die Kompetenz, mit der er sich von den anderen, langjährigen Mitarbeitern abheben konnte. Außerdem ist das für ihn ein weiteres Qualitätsmerkmal: "Die Harmonika individuell zu stimmen, hat uns den Namen in der Musikbranche eingebracht", sagt er. "Öllerer Harmonikas klingen besonders fein."
Neben der zweistöckigen Werkstatt im einen Gebäude gehören heute noch zwei andere Häuser zu dem Betrieb. Hier werden Schlagzeuge, Gitarren und Blasinstrumente als Handelsware verkauft – vor Ort und online. Der digitale Vertriebsweg wurde aufgebaut, um Einbußen aufgrund fehlender Kundenbesuche während der Corona-Pandemie aufzufangen, und ist heute eine wichtige Säule. Bei den Harmonikas gibt es jedoch so gut wie keinen Online-Handel, die Kunden bevorzugen eine persönliche Fachberatung.
Erfahrung und Sorgfalt durch altes Wissen

Oben im ersten Stock befindet sich die Montage, hier werden die einzelnen Bauteile sorgfältig zusammengesetzt. In metallenen Regalen auf der einen Seite des Raumes sind Werkzeugkästen und Schachteln voll mit Schrauben einsortiert, an der Fensterwand auf der anderen Seite stehen mehrere Werkbänke hintereinander. Es riecht nach Holz und heißem Wachs. Ganz vorne ist Andrea Wimmer gerade dabei, die Stimmen aufzuwachsen. Das heißt, sie befestigt die fertigen stählernen Stimmen mit Flüssigwachs auf dem Stimmstock und baut sie danach in das Gehäuse der Harmonika ein. Die Österreicherin stammt aus einer Musikerfamilie – die Liebe zur Musik hat sie immer schon gehabt. "Ma kann mit der Harmonika so a super Musi machen", sagt sie.
Wimmer ist, abgesehen von einer Elternzeit-Unterbrechung, seit den 90er Jahren bei Öllerer tätig und zählt zu den wenigen Urgesteinen im Betrieb. Ein paar Werkbänke hinter ihr sitzt Stefan Zehentner, der Mann mit dem freundlichen Lächeln ist seit 42 Jahren im Unternehmen. Er hatte noch "beim Senior" gelernt und ist heute damit beschäftigt, die Mechaniken einzubauen. Dazu bestückt er die Tastatur mit Klappen und lötet die Metallstäbe daran, die innerhalb des Kasteninstruments für den Ton sorgen. "Der Hansi, der Stefan und ich, mehr sind wir nicht, die schon länger hier sind", sagt Wimmer.
Mit Quereinsteigern den Beruf des Harmonikabauers am Leben erhalten
Die anderen Mitarbeiter sind noch nicht so viele Jahre im Unternehmen tätig. Kirchhofer freut sich über das sehr hohe Interesse junger Menschen, das es am Beruf des Harmonikabauers gibt. Aber trotzdem bildet er bei Öllerer derzeit nicht aus. Denn ihm zufolge deckten die Berufsschulen die Ausbildungsinhalte nicht spezifisch genug ab, und viele der früheren Auszubildenden kamen von weiter weg, um den Beruf zu lernen. Die meisten von ihnen gingen nach ein paar Jahren wieder zurück in ihre Heimat, sie zu halten gestaltete sich schwierig.
Deshalb setzt Kirchhofer heute auf Quereinsteiger: Für alle Interessierten gibt es die Möglichkeit, das Handwerk des Harmonikabauers direkt im Betrieb zu lernen und nach viereinhalb Jahren die Gesellenprüfung abzulegen. "Quereinsteiger verströmen eine unglaubliche Motivation", sagt Kirchhofer. Und das ist für ihn das Wichtigste. Timo Reuther hat das so gemacht. Er ist ein Quereinsteiger im Unternehmen und hat gerade frisch seine Gesellenprüfung abgelegt. Der junge Harmonikabauer spielt ebenfalls selbst Harmonika und bestätigt Kirchhofers Einschätzung: "Wegen dem Geld sind wir nicht da. Es geht ums Handwerk und um die Leidenschaft für das Instrument."
Mit der Leidenschaft seiner Mitarbeiter versucht Kirchhofer nicht nur die Qualität der Instrumente zu erhalten, sondern auch den Beruf des Harmonikabauers. Denn auch wenn das Interesse insgesamt hoch ist, sieht er eine große Herausforderung in der Fluktuation der Mitarbeiter. Für Andrea Wimmer ist das aber ein Beruf, in dem man bleiben sollte. Sie äußert sich optimistisch: "Ich glaube nicht, dass der Beruf irgendwann ausstirbt", sagt die erfahrene Mitarbeiterin. "Die Harmonika passt hier im Alpenraum einfach so gut her. Man kann zusammen, aber auch alleine spielen. Ich kann Leute unterhalten und ihnen eine Freude bereiten. Ohne uns würde es keine Harmonikas mehr geben."
Kirchhofer und seine Mitarbeiter in der Werkstatt bauen ein Instrument, mit dem Tradition aufrechterhalten wird. Ein Instrument, das so individuell ist wie der, der es spielt. Die Harmonika ist nicht nur das Herzstück der Volksmusik, sondern ein Kulturgut. Und das, was das Team in Freilassing verbindet. Büromitarbeiterin Lisa Kirnstedter spielt ebenfalls selbst und resümiert: "Die Ziach ist für mich ein Stück Lebensfreude."
