Seit rund einem Jahr gibt es eine Ausbildungsgarantie in Deutschland, flankiert von geförderten Praktika und Mobilitätszuschüssen für Azubis. Das Handwerk war anfänglich skeptisch. Wie die Bilanz heute aussieht.

Seit rund einem Jahr gibt es in Deutschland eine Ausbildungsgarantie. Bis Dezember 2024 sind allerdings die Zahlen der begonnenen außerbetrieblichen Ausbildungsmaßnahmen nur moderat gestiegen. "Wir sehen uns in unserer Einschätzung bestätigt, dass ein Bedarf für zusätzliche Ausbildungsplätze kaum gegeben ist", betont Dirk Palige, Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.
Die Handwerksorganisation hatte während des Gesetzgebungsprozesses die Sorge geäußert, außerbetriebliche Angebote könnten die ohnehin schwierige Nachwuchssuche für Klein- und Kleinstbetriebe zusätzlich verschärfen – Stichwort Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt. Daraufhin legte der Gesetzgeber im Sozialgesetzbuch III § 76 klare Kriterien für Regionen fest, in denen ein Rechtsanspruch auf einen außerbetrieblichen Ausbildungsplatz gilt, erläutert durch eine Weisung der Arbeitsagentur.
Einen Rechtsanspruch auf eine außerbetriebliche Ausbildung haben demnach nur diejenigen:
- die hinreichende Bewerbungsbemühungen nachgewiesen haben,
- die Angebote der Berufsberatung wahrgenommen haben
- bei denen, ungeachtet der Vermittlungsbemühungen der Agenturen für Arbeit die Aufnahme in einer betrieblichen Berufsausbildung auch mit ausbildungsfördernden Leistungen nicht zu erwarten ist
- und die in einer Region wohnen, in der die Arbeitsämter eine erhebliche Unterversorgung an Ausbildungsplätzen festgestellt haben.
Nur in 21 Regionen haben die Arbeitsagenturen für 2024 eine entsprechende Unterversorgung festgestellt, betont der ZDH. In diesem Jahr seien fünf Agenturbezirke hinzugekommen.
Die mit dem Gesetz eingeführten oder flexibilisierte ausbildungsfördernden Leistungen werden zunehmend genutzt:
- Berufsorientierungspraktika (BOP): Bis zum Februar 2025 zählte die Bundesagentur für Arbeit (BA) in dieser mit dem Gesetz geschaffenen Praktikumsform 2.600 Teilnehmer, Tendenz steigend. Vor allem junge Menschen mit eingeschränkten Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt nutzen die Praktika, um eine betriebliche Ausbildung zu finden oder hierüber in eine Einstiegsqualifizierung einzumünden. Ein Drittel der Teilnehmer hat laut BA im Anschluss eine Ausbildung aufgenommen. Die meisten Praktikanten sind im Handel, der Kfz-Technik sowie im Bau und im verarbeitenden Gewerbe.
- Einstiegsqualifzierung (EQ): Die EQ ist ein sozialversicherungspflichtiges Praktikum, dessen Dauer von sechs auf vier Monate verkürzt wurde. "Das ermöglicht es Betrieben, mehr junge Menschen bis zum Start des Ausbildungsjahrs im August/September auf eine Ausbildung vorzubereiten. Diese Änderung ist aus Sicht des Handwerks positiv", so Palige. Die Teilnehmerzahlen in der EQ sind seit der Flexibilisierung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um zehn Prozent gestiegen. Im Februar befanden sich in der Gesamtwirtschaft 5.500 Menschen in einer EQ, im Handwerk vor allem in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik, Mechatronik-, in Energie- und Elektroberufen sowie in Ausbauberufen. Etwa die Hälfte der Teilnehmer hat laut BA sechs Monate nach Ende der EQ eine sozialversicherungspflichtige Berufsausbildung aufgenommen.
- Mobilitätszuschuss: Wer sich überregional für einen Ausbildungsplatz bewirbt, kann bei der BA einen Mobilitätszuschuss beantragen. Die Zahlen sind bisher gering, nach Informationen des ZDH lagen sie 2024 bei 233 Förderungen.
Aus Sicht des Handwerks sollte es darüber hinaus ein Azubi-Ticket geben, denn die oft noch minderjährigen Auszubildenden fahren in vielen Fällen über Ländergrenzen hinweg zu Betrieb, Berufsschule oder überbetrieblicher Ausbildungsstätte. "Sie sind deshalb in besonderem Maße auf den öffentlichen Personennahverkehr angewiesen. Ein deutschlandweites Azubi-Ticket, vergleichbar zu den Studententickets, würde sicherlich dazu beitragen, Ausbildungsplätze im Handwerk zu besetzen", sagt ZDH-Geschäftsführer Palige.
Noch zu wenige Plätze im Jugendwohnen
Das Handwerk hatte in seiner Stellungnahme zum Gesetz außerdem darauf hingewiesen, dass eine Unterbringung von Auszubildenden im Jugendwohnen sicherzustellen sei. Nur so lasse sich eine überregionale Orientierung der jungen Bewerber unterstützen. Alissa Schreiber vom Verband der Kolpinghäuser sieht hier insbesondere in den größeren Städten einen riesigen Bedarf an zusätzlichen Einrichtungen, die Wartelisten auf Wohnplätze seien lang. "Aber es fehlen die personellen und finanziellen Kapazitäten, um aufzustocken."
Zwar sollen die Gelder für das Bundesprogramm "Junges Wohnen" laut Koalitionsvertrag verdoppelt werden. "Aber es ist immer noch so, dass bisher keine Einrichtung für Azubiwohnen mit sozialpädagogischer Begleitung erfolgreich einen Antrag auf Förderung gestellt hätte", sieht sie Probleme in der Umsetzung. Je nach Bundesland gelten unterschiedliche Kriterien. Mal scheitert die Förderung, weil Blockschüler ausgeschlossen sind, beispielsweise in Bayern und Baden Württemberg, mal scheitert die Förderung, weil die Einrichtungen auch über Förderrichtlinien der Kinder- und Jugendarbeit nach Sozialgesetzbuch VIII arbeiten und eine Kombination mit dem Programm "Junges Wohnen" in den meisten Bundesländern bisher nicht explizit verankert ist.
Nach wie vor würden außerdem Studenten bevorzugt. Im vergangenen Jahr flossen die Mittel laut Verband der Kolpinghäuser fast ausschließlich in studentisches Wohnen: 2023 wurden von 4.176 neu geschaffenen Wohnheimplätzen lediglich 52 für Auszubildende gefördert.