Immer mehr Unternehmen geraten unter Druck: Insolvenzen steigen, Rücklagen schrumpfen. Warum klassisches Sparen nicht mehr reicht – und wie Betriebe ihre Liquidität heute sichern müssen.

Kaufzurückhaltung der Kunden im Neuwagengeschäft, dazu stark gestiegene Kosten für Personal, Energie und Kraftstoffe: Im April eröffnete das Amtsgericht Dresden das Insolvenzverfahren für das Autohaus Löbau. Der Ford-, Land Rover- und Volvo-Händler sucht nun händeringend nach Investoren: "Unser Ziel ist es, mit Interessenten ins Gespräch zu kommen und nach Möglichkeit eine Übernahmevereinbarung zu erreichen, um das Autohaus Löbau erhalten zu können", sagt Insolvenzverwalter Dirk Herzig.
Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. Die deutsche Wirtschaft steckt seit langem in der Krise. Viele mittelständische Unternehmen trifft die anhaltende Flaute hart: Im vergangenen Jahr rutschten hierzulande 21.964 Unternehmen in die Insolvenz – ein Plus von 23,1 Prozent im Vorjahresvergleich, zeigt eine Analyse der Wirtschaftsauskunftei CRIF. Die anhaltende Wachstumsschwäche belaste dabei zunehmend die Stabilität der Unternehmen, warnt Frank Schlein, Geschäftsführer von CRIF Deutschland. "Die Unternehmen in Deutschland sehen sich weiterhin mit erheblichen Problemen konfrontiert, darunter insbesondere hohe Energiekosten, Herausforderungen in der Lieferkette und geopolitische sowie politische Unsicherheiten." Die finanzielle Lage vieler Unternehmen werde zudem negativ durch gestiegene Produktionskosten, Auftragsmangel und höhere Personalausgaben beeinflusst.
Der klassische Notgroschen ist überholt
Noch vor wenigen Jahren galten klassische Rücklagen als ausreichender Schutzschild. Doch diese Denkweise ist inzwischen überholt. "Heute reichen solche Reserven in vielen Betrieben nicht mehr aus, um dauerhaft stabil und unabhängig zu bleiben", warnt Klaus Tenbrock, Geschäftsführer der Praemium Gruppe. Die wirtschaftlichen Risiken hätten sich verändert: "Energiepreis-Schocks, Lieferkettenprobleme, plötzliche Fachkräfteausfälle oder politische Unsicherheiten sind keine Ausnahmen mehr, sondern Realität im Betriebsalltag", so Tenbrock.
In dieser Situation können Rücklagen schnell schrumpfen, während gleichzeitig neue Investitionen notwendig werden. Zudem verlieren klassische Rücklagen durch Inflation kontinuierlich an Wert. Hinzu komme, dass die Anforderungen an moderne Unternehmensführung gestiegen seien: "Es reicht nicht mehr, nur Rücklagen zu haben – sie müssen gezielt verfügbar, steuerlich optimiert und strategisch einsetzbar sein", so der Experte. Genau hier würden traditionelle Ansätze an ihre Grenzen stoßen.
Aktives Management: Liquidität gezielt steuern statt nur sparen
Wer als Handwerksbetrieb krisenfest wirtschaften will, muss Liquidität nicht nur vorhalten, sondern systematisch sichern und laufend aktiv managen. "Das bedeutet: Puffer aufbauen, Kapital freihalten und Zahlungsströme aktiv steuern", sagt Tenbrock. Es gelte, gezielt Kapital freizusetzen – etwa durch schlankere Lagerhaltung, Leasing statt Kauf oder flexible Zahlungskonditionen mit Kunden und Lieferanten. Zudem sei es wichtig, sich nicht nur von einem Geldgeber abhängig zu machen. "Wer heute nur auf die Hausbank setzt, verschenkt Optionen", betont Tenbrock. "Liquidität lässt sich auch durch gezielte Förderkredite, Bürgschaften oder Sale-and-Lease-back-Modelle absichern." Der richtige Mix erhöhe die Handlungsspielräume.
Wichtig in diesem Zusammenhang sei neben stringenter Kostendisziplin eine professionelle Investitions- und Liquiditätsplanung, sagt Markus Eismann, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Commerz Real Mobilienleasing. "Mit einer Excel-Tabelle stoßen auch Mittelständler schnell an Grenzen. Der Einsatz von Software zur Liquiditätsplanung setzt sich auch im Handwerk immer mehr durch." Dadurch könne man ein effizientes Cash-Management betreiben und für kurzfristige Liquiditätssicherheit sorgen.
Moderne Werkzeuge für finanzielle Stabilität
Komplementär könnten dann Sale-and-Lease-Back-Modelle zum Einsatz kommen, so Eismann. "Gebundenes Kapital wird durch den Verkauf von Vermögenswerten an eine Leasinggesellschaft freigesetzt, während deren Nutzung durch Rückmietung durch den Abschluss eines Leasingvertrages gesichert wird. So verschaffen sich Mittelständler auch für strategisch wichtige Vorhaben den erforderlichen Spielraum."
Eine hohe Flexibilität und eine effiziente Liquiditätssteuerung – das sind auch für Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt der IKB, die wesentlichen Faktoren. "Bei der Liquiditätsabsicherung geht es nicht nur um die absolute Höhe der Rücklagen und Puffer, sondern vor allem um eine hohe Flexibilität und effiziente Steuerung." Es müsse also der Zugang zu Liquidität für Phasen von Engpässen gesichert werden, anstatt grundsätzlich höhere Liquidität vorzuhalten. "Leider sind Finanzinstitute oftmals weniger bereit, diese genau dann zu geben, wenn sie für das Unternehmen notwendig sind", so Bauknecht. Daher gelte es, in guten Zeiten den Liquiditätszugang zu sichern.
Eine weitere Möglichkeit ist dem Finanzexperten zufolge das sogenannte Factoring, also der Verkauf von Forderungen. "Auch hier sollten Unternehmen nicht erst beim Eintritt von Engpässen handeln." Grundsätzlich gehe es darum, sein Unternehmen wirklich zu kennen. "Man sollte die Liquidität immer im Fokus haben, nicht erst, wenn sie zu einem potenziellen Problem werden könnte", sagt Bauknecht.
Zukunftsinvestitionen mit Augenmaß finanzieren
Das gilt auch für die Finanzierung von Investitionen in Zukunftstechnologien. In volatilen Zeiten sei es entscheidend, dass Liquidität nicht verschwendet wird, mahnt IKB-Experte Bauknecht. "Gefragt sind vor allem kurzfristige Investitionen beziehungsweise solche, die eine kurzfristige Rendite mit einer hohen Wahrscheinlichkeit versprechen." Allerdings dürfe die Zukunft des Unternehmens auch nicht durch eine zu kurze Sicht gefährdet werden. "Gerade strategische Investitionen brauchen eine langfristige Sicht, belasten aber zunächst einmal die Liquidität", so Bauknecht.
Hier könne es daher hilfreich sein, "schrittweise und mit Augenmaß vorzugehen", rät Praemium-Geschäftsführer Tenbrock. "Statt das komplette Budget in ein einzelnes Großprojekt zu stecken, empfiehlt es sich, mit einem konkreten Anwendungsfall im kleinen Rahmen zu starten, etwa bei der Angebotskalkulation, der Baustellenplanung oder der Lagersteuerung." Wenn sich ein messbarer Nutzen zeige, könne man das Projekt strategisch skalieren. Zusätzlich sollten auch Förderprogramme von Bund, Ländern und EU genutzt werden.
Gerade mit Blick auf die Investition in Zukunftstechnologien sei auch Leasing ein bewährtes Finanzierungsinstrument, so Commerz Real-Geschäftsführer Eismann. "Leasing ist in der Regel bilanzneutral und bei ausgeschöpften Investitionsbudgets oftmals die einzige Möglichkeit, um bei sich ungeplant bietenden Geschäftschancen die dafür erforderlichen Investitionen zu tätigen." Dann bleiben die Rücklagen unangetastet – und Zukunftsinvestitionen lassen sich trotzdem tätigen.
Mit Rücklagen steuerliche Vorteile nutzen
Die Bildung von Rücklagen dient nicht nur der Sicherheit, sondern schafft auch steuerliche Vorteile. "Richtig strukturiert lassen sich Investitionen vorbereiten und Liquidität erhalten, ohne dass das Finanzamt gleich mitverdient", erklärt Klaus Tenbrock, Geschäftsführer der Praemium Gruppe. Das Steuerrecht bietet dafür eine Reihe effektiver Möglichkeiten, die im Mittelstand allerdings häufig ungenutzt bleiben:
1. Investitionsabzugsbetrag (IAB): Kleine und mittlere Unternehmen können geplante Investitionen schon Jahre im Voraus steuermindernd geltend machen. Bis zu 50 Prozent der voraussichtlichen Investitionskosten (etwa für Maschinen, Fahrzeuge oder IT) dürfen als Betriebsausgabe angesetzt werden – selbst wenn das Geld noch gar nicht ausgegeben wurde.
2. Rückstellungen: Bilanzierende Unternehmen dürfen für künftige Verpflichtungen, etwa für Gewährleistung oder Prozessrisiken Rückstellungen bilden. Diese wirken gewinnmindernd und verschieben Steuerzahlungen in spätere Jahre.
3. Thesaurierungsbegünstigung (§ 34a EStG): Einzelunternehmer und Personengesellschaften können nicht entnommene Gewinne auf Antrag mit einem reduzierten Einkommensteuersatz versteuern. Diese sogenannte Thesaurierung mindert die Steuerlast und ermöglicht den Aufbau von Rücklagen. Bei einer späteren Entnahme werden diese nachversteuert.
4. § 6b-Rücklage: Unternehmer können Gewinne aus dem Verkauf von Anlagevermögen steuerfrei in eine Rücklage überführen, wenn sie innerhalb von vier Jahren in neue Wirtschaftsgüter reinvestieren. Das verhindert, dass Veräußerungsgewinne sofort besteuert werden.
5. Innenfinanzierung über Vorsorgebeiträge: Eine pauschaldotierte Unterstützungskasse für die betriebliche Altersvorsorge, wie sie die Praemium Gruppe anbietet, ist ein weiteres Instrument: Arbeitgeberfinanzierte Vorsorgebeiträge werden dabei in eine soziale Einrichtung ausgelagert. Diese ist steuerlich anerkannt (§ 4d EStG), bleibt aber vollständig Unternehmens-gesteuert. Die Dotierungen reduzieren den Gewinn – und damit die Steuerlast – sofort, die Mittel bleiben aber im Unternehmen und können der Innenfinanzierung dienen.