Doppeljubiläum in Berlin mit großer Bühne fürs Ehrenamt, Selbstverwaltung und ein starkes Zeichen gegen Bürokratiewahnsinn.

125 Jahre Kammerwesen, 75 Jahre Zentralverband des Deutschen Handwerks – wenn das kein Grund für ein großes Fest ist. Rund 400 Gäste aus Handwerk und Politik feierten im Tipi am Kanzleramt in Berlin das Doppel-Jubiläum. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt die Festrede und betonte das breite Engagement im Handwerk: "Die Handwerkskammern leisten hochprofessionelle Arbeit. Aber wir können heute nicht ihr 125-jähriges Bestehen feiern, ohne gleichzeitig daran zu erinnern, dass der Löwenanteil der Arbeit bei den Kammern und Verbänden ehrenamtlich geleistet wird", würdigte er den Einsatz vieler.
Keine Feier ohne Ruf nach Bürokratieabbau
Eines steht für den Bundespräsidenten fest: Ohne die Kammern wären heute Ausbildung und Qualität des Handwerks nicht auf dem hohen Niveau, auf dem sie sind. Und ohne den Zentralverband wäre die Stimme des Handwerks leiser, hätte weniger Gewicht. Er und seine Frau stammten beide aus Handwerkerfamilien, verfolgten die Entwicklungen mit Interesse und wüssten auch um die Probleme wie Fachkräftemangel und Bürokratie. "Die Politik ist gut beraten, dieser Aufgabe höchste Priorität einzuräumen", sagte er mit Blick auf den Abbau bürokratischer Pflichten. Da war ihm Applaus sicher.
Steinmeier macht sich für duale Ausbildung stark
Der Bundespräsident würdigte die Ausbildungsleistung des Handwerks. Es gelte die Gleichwertigkeit von akademischer Ausbildung und dualer Ausbildung herzustellen, auch wenn dies ein langer Weg sei. Das duale Ausbildungssystem gelte es zu erhalten, Berufsschulen zu stärken. Er würdigte die Leistung des Handwerks bei der Integration von Menschen aus der ganzen Welt. "Hetze gegen Menschen mit Migrationsgeschichte dürfen wir nicht dulden! Wir müssen ihr entschieden entgegentreten", forderte er. Sie schade dem Wirtschaftsstandort Deutschland, sie schade auch der Demokratie.
Selbstverwaltung zeichnet Handwerk aus
Handwerkspräsident Jörg Dittrich erinnerte an die zahlreichen Momente, in denen sich Deutschland auf das Handwerk verlassen konnte. "Die Epochen kamen und gingen, aber die Selbstverwaltung des Handwerks ist der stabile Anker geblieben, der er seit jeher war", sagte er mit Blick auf eine Zeitspanne vom Kaiserreich über die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg und der Wiedervereinigung bis heute. Er betonte den Wert der Selbstverwaltung. "Im Handwerk entscheiden die Menschen vor Ort in Innungen, Kreishandwerkerschaft und den Handwerkskammern."
Dittrich: Politisch neutral, aber nicht beliebig
Diese "Handwerksfamilie", wie er sie gerne nennt, sei eine gesellschaftliche relevante Gruppe. "Politisch neutral, aber nicht beliebig, wenn es um Freiheit, Demokratie, Haltung und Solidarität geht", sagte er unter großem Beifall. Die Strukturen im Handwerk seien offen, plural, streitbar und durchlässig. "Sie sind das lebendige Beispiel für Subsidiarität", betonte er. Sprich, wo immer möglich, werden Probleme vor Ort – und nicht von oben gelöst.
Ein Prinzip, dass auch in Europa stärker Beachtung finden sollte. "Was bei uns seit Jahrzehnten funktioniert, hat das Potenzial, auch Europa zu stärken", erklärte Dittrich. "Die Selbstverwaltung ist kein deutsches Sondermodell. Sie ist Teil des europäischer Möglichkeitsraums. Wir fordern ein Europa, das nicht nur reguliert, sondern beteiligt."
Herausfordernde Zeiten: gestern, heute und morgen
Handwerksvertreter wie der frühere Generalsekretär Hanns- Eberhard Schleyer oder der ehemalige ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer erinnerten in kurzen Gesprächsrunden an herausfordernde Zeiten wie die Flüchtlings- oder die Corona-Krise. "Ich habe schnell gemerkt, schon im ersten Jahr, dass ich ein tolles Team hinter mir habe", sagte Wollseifer. Und mit Blick auf die Zeit der Wiedervereinigung erinnert sich Schleyer noch gut: Es sei die starke Identifizierung vieler Handwerker mit ihrem Gewerk gewesen, dass viele aus dem Westen ganz selbstverständlich ihre Kollegen aus dem Osten unterstützen ließen.
Und was die Zukunft betrifft? An der wird im Handwerk schon heute geschraubt, gehämmert, gesägt oder geplant, wie Steinmeier sagte. "Sie alle sind ein Grund dafür, dass wir in Deutschland selbstbewusst und zuversichtlich nach vorne schauen können", fügte er hinzu.