Bräu z'Loh trotzt Preisverfall, Großkonzernen und sinkendem Alkoholkonsum: In Zeiten von Billigbier und Brauereisterben sucht der Betrieb neue Wege, um die Familiengeschichte weiterzuschreiben.

Es ist das Jahr 1928. Michael Lohmeier braut zum Eigenbedarf für sich und seine Mitarbeiter am Hof Bier. Fast täglich kommen seine Freunde und Bekannten aus der Nachbarschaft vorbei, um die Gerstensaft-Kreationen zu probieren. Rund um den Biertisch verbringen sie gesellige Abende, sie werden immer beliebter und belebter. Aber irgendjemandem gefällt das nicht. Lohmeier wird angezeigt wegen illegalem Bierausschank. Anstatt klein bei zu geben, macht er das Bierbrauen zum Geschäft. Lohmeier gründet seine eigene Brauerei – ganz offiziell. Damit legt er den Grundstein für Bräu z’Loh – einen Handwerksbetrieb, der fast ein Jahrhundert später noch besteht.
Bräu z’Loh befindet sich am Ende einer schmalen Straße, bergabwärts und von Bäumen umgeben, in Loh nahe der oberbayerischen Kleinstadt Dorfen bei Erding. Vom Parkplatz aus lassen sich alle Gebäude mit einem Blick erfassen: Links ein Einfamilienhaus, in der Mitte ein Hofladen neben der großen Lagerhalle, rechts das Sudhaus. An diesem Montagnachmittag ist es ruhig auf dem Gelände der Familienbrauerei. Der Sud ist fertig, die Kessel geputzt, am Mittwoch wird das fertige Bier in Flaschen abgefüllt.
Stolpersteine von Anfang an: Brauerei überlebt die Pandemie
Die dörfliche Idylle lässt nicht erahnen, was Barbara Lohmeier, Brauerin und seit 2020 Geschäftsführerin von Bräu z’Loh, derzeit bewegt. Die Zeiten sind hart für Kleinbrauereien. Energiepreise schießen in die Höhe, große Betriebe fahren unschlagbare Angebote, kostspielige Investitionen wie in ein neues Malzlager scheinen unmöglich. "Im Moment ist es ein Überlebenskampf", sagt die Chefin. Aufzugeben ist für sie aber genauso wenig eine Option wie damals bei ihrem Urgroßvater.

Schon mit 14 Jahren hilft die heute 47-Jährige aktiv im Tagesgeschäft der Brauerei mit: Getränke ausliefern, Leergut schleppen, kassieren. Später ist sie die einzige von vier Geschwistern mit dem Wunsch, das Unternehmen in vierter Generation weiterzuführen. In der Erbfolge ist sie die erste Frau an der Spitze des Unternehmens – mit ihr sind in den grüngefliesten Produktionsräumen drei Frauen am Werk. Als weibliche Brauerin möchte Barbara Lohmeier ein Vorbild für junge Frauen sein, die sich für das Handwerk interessieren. Lohmeier betont: "Frauen können das genauso gut wie Männer." Wichtig seien vor allem gutes Teamwork, Auffassungsgabe und Fleiß – nicht das Geschlecht.
Die Startbedingungen hätten für Lohmeier kaum ungünstiger sein können. Kurz nach ihrer Geschäftsübernahme beherrscht die Corona-Pandemie ihr ganzes Leben. Lockdowns und Veranstaltungsverbote läuten harte Zeiten ein. Manche Brauereien müssen ihren Betrieb schließen. Auch bei Bräu z’Loh bricht der Ausschank bei örtlichen Vereinsfesten als wichtiger Absatzweg schlagartig weg. Aber Lohmeier kämpft weiter. Wie ihr Urgroßvater, der den Betrieb gründete, gibt sie nie auf. Mit mehreren Standbeinen und einem vielseitigen Geschäftsmodell möchte sie zukunftsfähig bleiben und die Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiter sichern.
Tief verwurzelte Tradition und regionale Verbundenheit
Neben dem Direktverkauf im Brauereiladen links der großen Scheune liefert der Betrieb seine Biersorten und Limonaden an Privatkunden und Getränkemärkte. Der Heimdienst ermöglicht den direkten Kontakt zu den privaten Kunden, die einen Großteil der Getränke von Bräu z’Loh kaufen. Alle zwei Wochen fahren Mitarbeiter zu den Stammkunden bis vor die Haustür, um sie mit Hellem, Dunklem, Märzen oder Weizen zu bedienen. Aufgrund hoher Nachfrage gehören auch Limonaden seit den 80er Jahren zum Sortiment der Brauerei.
Die persönlichen Begegnungen waren es, die damals schon Barbara Lohmeier für das Geschäft begeisterten. Bis heute sind die Brauereiführungen, Bierverköstigungen und das jährliche Brauereifest an Pfingsten Höhepunkte, die Lohmeier mit ihrem achtköpfigen Team motivieren, weiterzumachen. Damit will Bräu z’Loh Traditionen und regionale Werte bewahren: mit Volkstänzen, Schuhplattler und Volksmusik des Trachtenvereins, Blasmusik der regionalen Kapellen und Speisen vom "Wirt z’Loh", der Gaststätte nebenan. Ein Fest für die Gemeinschaft – und für die Idee hinter Bräu z’Loh: handwerkliches Bier, regional verwurzelt.
Den Ort Loh selbst prägt eine lange Biergeschichte. Im Jahr 1910 steigen die Bierpreise drastisch an. In der benachbarten Kleinstadt Dorfen entfacht ein Bierkrieg: Eine Gaststätte brennt, und es kommt zu wilden Ausschreitungen. Seitdem ist Dorfen und die umliegenden Orte in der Region eng mit dem Gerstensaft und den lokalen Brauereien verbunden.
Als Besitzerin einer kleinen Brauerei inmitten der "Bierhochburg Oberbayerns" setzt auch Lohmeier alles daran, in die Kultur vor Ort eingebunden zu sein. Offenbar mit Erfolg, denn Bräu z’Loh versorgt in diesem Jahr nun schon zum dritten Mal in Folge Feiernde des Dorfener Volksfestes mit dem eigenen Festbier. 13 Prozent Stammwürze und gebraut mit Hersbrucker Aromahopfen, das für sein feines Aroma verwendet wird.
Konkurrenz unter kleinen und großen Betrieben
Für Lohmeier ist der Auftrag eine Wertschätzung für handwerkliche Qualität, die in einem schwierigen Marktumfeld wichtiger denn je wird. Denn große Betriebe drücken nicht nur die Preise, manche Konzerne böten Gastronomen sogar Geld, um exklusiv deren Bier zu verkaufen. Mittlerweile würden etwa 50 Prozent des Bieres über günstige Angebote verkauft. Ein Kasten Bier für weniger als zehn Euro, Lohmeier spricht von Preisunterschieden von teilweise 100 Prozent. "Egal, welches Bier, Hauptsache günstig", sagt sie. Heutzutage seien Familienbetriebe angewiesen auf die Kunden, die für ihr Bier ein, zwei Euro mehr bezahlen. Auch kleine Brauereien stechen sich untereinander aus: "Das sind üble Aktionen, auch hier in der Region."
Aktuelle Branchendaten
Mehr Infos zur Entwicklung der Brauereien, des Bierabsatzes oder dem Alkoholkonsum gibt es beim Verband Private Brauereien Bayern e.V. unter: www.private-brauereien.de
Mit Blick in die Geschichte Richtung Zukunft

Bräu z’Loh ist eine Brauerei, die "einmal um den Schornstein ihr Bier verkauft", wie Lohmeier selbst liebevoll ihren Betrieb bezeichnet. Für das Sortiment an Hellem, Dunklem, Märzen oder Weizen bezieht Bräu z’Loh Rohstoffe aus der Region, das Malz stammt aus der Nähe von Ingolstadt und der Hopfen kommt aus der Hallertau, einem der größten Hopfenanbaugebiete der Welt. Das Bier kommt nicht nur bei den Menschen in der Region gut an: 2022 erhält Bräu z’Loh für sein Hell Export beim Bierwettbewerb "European Beer Star" die Silbermedaille, Gold gewann eine österreichische Brauerei. "Wir hatten quasi das beste Export Deutschlands", sagt Lohmeier. Bei dieser Auszeichnung geht es um Geschmack, der Preis ist ein Qualitätssiegel.
Doch Lohmeier muss auch mit der Zeit gehen, um weiter am Markt zu bestehen. Als sie den Betrieb übernimmt, sind Anlagen veraltet und Wartungen überfällig. Stück für Stück modernisierte sie den Betrieb. Heute misst etwa ein Gärmonitor im Tank automatisch den Stand der Gärung – früher war das Handarbeit. Er überträgt die Informationen über den Gärungsgrad und alles, was im Tank vor sich geht, direkt auf Lohmeiers Handy. Sie arbeitet damit seit zwei Jahren, bisher hätten eine solche Technologie noch nicht viele.
Beim Gang durch die Halle, vorbei an Abfüllanlagen und Türmen von blauen Kastenstapeln erhalten Besucher einen Blick auf die kupfernen Sudkessel und Biertanks im Sudhaus rechts des Hofes. Vom Schalander aus, dem Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, führt eine Tür in eine Kammer, in der auf staubigen Holzbrettern Bierflaschen aufgereiht stehen, die aus Brauereien stammen, welche zum Teil heute nicht mehr existieren. Sie wurden von Lohmeiers Vater Nikolaus gesammelt. Grüne Literflaschen aus Glas mit Reliefprägung, akribisch geordnet nach dem Ort der jeweiligen Brauerei. Hier ein Fotoshooting? Das wäre doch eine Idee.
Lohmeier weiß: Sie muss mehr Menschen auf ihre Brauerei aufmerksam machen, die sich für handwerklich gebrautes Bier interessieren. Die wertschätzen, was sie trinken. Mehr Präsenz in den Sozialen Medien, das steht auf der Agenda des Teams von Bräu z’Loh. Lohmeier hat etwa für YouTube oder Instagram Ideen – den Betrieb mit seinen Mitarbeitern vorstellen, den Brauprozess erklären mit Bier kochen. Nichts soll unversucht bleiben, um an Sichtbarkeit und Zukunft für ihr Unternehmen zu gewinnen. Ihr Ziel: das bald hundertjährige Familienerbe zu bewahren. Damals wurde aus Protest Unternehmertum, und aus einem Hobby ein Beruf. Die heutige Chefin ist stolz auf den Kampfgeist ihres Urgroßvaters Michael Lohmeier. In seinem Zeichen führt Barbara Lohmeier nun die Tradition fort – mit Mut, Haltung und einem Herz für ihr Handwerk.
