Künstliche Intelligenz im Betrieb KI im Handwerk: Vom Hype in die Praxis

Ist Künstliche Intelligenz die eierlegende Wollmilchsau für alle lästigen Aufgaben in meinem Betrieb? Experten verneinen, ermutigen Handwerker aber zugleich, sich ihre Arbeit durch KI zu erleichtern. 4 Handwerksbetriebe erklären zudem, wie sie durch KI-Nutzung mehr Zeit für das Wesentliche finden.

KI ist im Handwerk angekommen. Einige Betriebe nutzen bereits intelligente Chatbots. - © KI-generiert/Chat-GPT

Künstliche Intelligenz entwickelt sich zu einer Schlüsseltechnologie, auch im Handwerk. Sie entlastet Betriebe bei Routineaufgaben, steigert die Produktivität und ermöglicht neue Geschäftsmodelle. "Die Bandbreite der Nutzung von KI ist beachtlich", weiß Robert Falkenstein, Projektmitarbeiter im Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk.

Den einfachsten Zugang und das größte Potenzial für Betriebe sieht er derzeit bei Büroanwendungen: "KI kann mich hervorragend von zeitfressenden und wiederkehrenden Tätigkeiten entlasten, damit ich mich mehr auf mein eigentliches Handwerk konzentrieren kann." Ein weiterer Vorteil sei, dass KI emotionslos agiert. "Auch bei einem schwierigen Kunden, der ständig Termine verschiebt oder seinen Auftrag ändert, bleibt die KI stets ruhig, höflich und professionell."

Erst digitalisieren, dann KI nutzen

Einige Betriebe setzen bereits KI-Chatbots oder -Anrufbeantworter ein, um Anfragen zu bearbeiten und Kontakte automatisiert zu dokumentieren. "Damit können Handwerker Unterbrechungen während der Arbeitszeit vermeiden und sich am Tagesende eine geordnete Übersicht aller Anfragen ansehen. Nur weiterführende und wichtige Gespräche müssen persönlich geführt werden."

"Damit KI möglichst effizient eingesetzt werden kann, sollten Betriebe jedoch zunächst ihre Prozesse digitalisieren", empfiehlt Alexander Naumann, Betriebsberater bei der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. "Jedes Unternehmen muss erstmal die Grundlagen bewältigen und seine digitalen Baustellen im Betrieb analysieren. Nur weil mein Wettbewerber schon eine KI-Anwendung verwendet, heißt das noch lange nicht, dass sie auch für meinen Betrieb sinnvoll ist." Ohne passende Datengrundlage helfe auch die beste KI nichts.

Dem pflichtet Anja ­Gieske-Helmsen vom Heinz-Piest-­Institut für Handwerkstechnik (HPI) bei: "Es ist nur ein kleiner Teil der Betriebe, der wirklich KI-ready ist. Wer seine Prozesse nicht gut strukturiert, der kriegt sie auch mit KI nicht besser hin." Robert Falkenstein beobachtet zudem, dass viele Betriebe überzogene Erwartungen haben und zu viel auf einmal wollen. "Die KI ist kein Allheilmittel, das auf einen Schlag alle Probleme lösen kann." Ein strukturiertes Vorgehen sei entscheidend, um erfolgreich zu sein.

Beratung bei der Kammer und Workshops zu KI

Für das Handwerk stehen viele Angebote bereit, um sich auf KI vorzubereiten und ihr Potenzial zu nutzen. Neben der kostenlosen Betriebsberatung der Handwerkskammern für ihre Mitglieder widmen sich Workshops dem Thema. Ein Beispiel ist die "KI-Werkstatt", die vom Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk gemeinsam mit der Elektro- und SHK-Gemeinschaft "e-masters" und "DAISEC", einem digitalen Innovationshub für KI und Cybersicherheit, durchgeführt wurde. "Wir haben in jedem teilnehmenden Betrieb eine KI-Strategie entwickelt und konkrete Fragen beantwortet: Welche Maßnahmen sind wichtig und was ist ihr Ziel? Wie groß ist das Gesamtpaket? Bis wann soll das fertig sein?", erklärt Projektleiter Walter Pirk vom HPI. Letztlich müsse KI einen realen Produktivitätsgewinn und eine Verbesserung der Prozesse bringen.

Die Nachfrage nach solcher Unterstützung ist groß, zeigt auch das zwölfmonatige Online-Projekt Digitalisierungswerkstatt "Künstliche Intelligenz – neuer Problemlöser im Handwerk", das bis 2026 läuft. "Rund 1.300 Handwerksbetriebe und -organisationen nehmen an der Werkstatt teil und setzen unter Begleitung durch Fachexperten Digitalisierungs- und KI-Projekte im eigenen Betrieb um", so Juliane Haase, stellvertretende Geschäftsleitung im Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk. Die Experten sind überzeugt: Die Nutzung von KI wird zum Wettbewerbsfaktor. Robert Falkenstein zieht Parallelen zum Siegeszug des Computers: "Heute kann und möchte niemand mehr auf ihn verzichten. Das dürfte uns auch bei KI erwarten."

4 Handwerksbetriebe erklären, wie sie durch KI-Nutzung mehr Zeit für das Wesentliche finden

Matthias Brack, Geschäftsführer von "Brack Wintergarten"

Matthias Brack kann sich nicht mehr vorstellen, ohne KI zu arbeiten: "Ich bin zu faul, um nicht zu digitalisieren. Mich nervt alles, was repetitive Tätigkeiten sind oder sture bürokratische Listen auszufüllen. Die KI nimmt mir diese Bullshit-Jobs ab." Sein Betrieb, spezialisiert auf den Bau von Wintergärten, ist schon lange komplett papierlos. Die Automatisierung von Rechnungserfassung, Zahlungsverkehr und Buchhaltung war nur der Anfang.

Der entscheidende Durchbruch kam mit der Entwicklung einer eigenen KI-Anwendung – noch bevor der große Hype um ChatGPT begann. "Wir haben mit KI eine Kundenampel programmiert, die Anfragen priorisieren kann. Dieses System prognostiziert mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent, ob es zum Auftrag kommt oder nicht." Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der systematischen Datenerfassung über Jahre hinweg. Dabei werden nicht nur Adresse und Name erfasst, sondern auch Informationen wie andere Angebote, Gebäudetyp, Zeitrahmen oder Budget des Kunden.

Die KI erkennt in diesen Daten Muster, die mit menschlichem Verstand allein nicht mehr zu erfassen wären. Wichtig war Brack, die gesamten Prozesse rund um die KI neu zu gestalten: "Aus einem schlechten analogen Prozess lässt sich auch mit KI kein guter digitaler Prozess abbilden."

Für die Umsetzung holte sich das Unternehmen Experten ins Haus. Doch Brack betont, dass die Ideen und Daten von einem selbst kommen müssen. Potenzial für die KI sieht Brack auch im Wissensmanagement: "Wir wollen die Kompetenz der Mitarbeiter, die irgendwann in Rente gehen, mit KI bewahren und strukturieren." Seine Vision ist eine Art Wikipedia für handwerkliches Know-how. Mitarbeiter sollen darauf überall Zugriff haben, etwa per Spracheingabe direkt auf der Baustelle.

Andere Betriebe ermutigt er, keine Scheu vor der KI zu haben: "Sie nimmt uns Arbeiten ab, auf die wir eh keinen Bock haben. Und wir können uns auf das Wesentliche konzentrieren: unser Handwerk."

Peter-Finsterer, Geschäftsführer der Schreinerei Finsterer

Der Hype um ChatGPT hat Schreinermeister Peter Finsterer angesteckt. Auch mit 57 Jahren ist er innovationsfreudig. Sein Ziel: Mithilfe der KI wirtschaftlicher zu arbeiten, Abläufe zu automatisieren, aber auch neue Ideen zu entwickeln. Den größten Nutzen der Technologie sieht er in der Erstellung von Texten für Angebote und Marketing, etwa in sozialen Medien. Besonders geeignet sei die KI für Videos zu Produkten und Maschinen: "Das interessiert die Leute und bringt Klicks."

Dabei agiert ein KI-Avatar als Sprecher. Die Ideen für die Texte und Fotos kommen von Finsterer selbst. Vollständig KI-generierte Videos hätten sich hingegen nicht bewährt. Auch für Patentanmeldungen testet Finsterer derzeit den schlauen Helfer: "Wir haben die Zeichnungen gemacht, beschrieben, was wir haben möchten, und die KI erstellt die Anmeldung für uns."

Auf der Baustelle sieht Finsterer hingegen noch wenig Nutzen der KI, insbesondere für kleine Betriebe. "Technisch aufwendige Lösungen wie automatisierte Aufmaßsysteme mit Punktwolken kosten schnell 20.000 Euro. Der Nutzen steht in keinem Verhältnis zu den Kosten." Dennoch überwiegen für ihn klar die Vorteile der Künstlichen Intelligenz.

Andreas Fickenscher, Geschäftsführer von Fickenschers Backhaus

Bäckermeister Andreas Fickenscher hat schon vor einigen Jahren die Weichen für den Einsatz von KI gestellt. Um steigenden Personalkosten und dem zunehmenden Fachkräftemangel zu begegnen, wurden Prozesse digitalisiert und automatisiert. "Durch die Optimierung haben wir in der Produktion einen Produktivitätsgewinn von real zehn Prozent erreicht." Dies sei das Fundament, um im nächsten Schritt KI überhaupt mit Daten füttern zu können. "In der Praxis nutzen wir KI bisher vor allem zum Erstellen von Bildern und Motiven für Social Media, aber auch für Texte und Verträge", berichtet der Geschäftsführer.

Schon jetzt erkennt er einen deutlichen Zeitgewinn. Aber das soll erst der Anfang einer umfangreichen KI-Strategie im Unternehmen sein. Dabei setzt Fickenscher auf Kooperationen: "Wir analysieren, bringen unsere Ideen aufs Papier und tauschen uns mit Partnern aus, was daraus erwachsen kann, auch mit der Handwerkskammer."

Besonderen Wert legt Fickenscher auf die Einbindung seiner Mitarbeiter. "Wenn wir sie ins Boot holen, schafft das Akzeptanz und fördert praktikable Lösungen. Das ist uns wichtiger als der größtmögliche wirtschaftliche Nutzen." Viel Potenzial sieht er in der Planung des Einkaufs mit KI, die aus der Kundennachfrage den künftigen Bedarf voraussagen kann.

Auch die Personaleinsatzplanung und die Robotik für Kleinserien seien vielversprechende Anwendungsfelder: "Wenn ich einfache Tätigkeiten nicht mehr anlernen muss, sondern stupide Aufgaben wie das Zusammenlegen eines Plunderhörnchens oder einer Quarktasche von einem intelligenten Roboter übernommen werden, setzt das ­Ressourcen frei, die für Qualität und Kreativität genutzt werden können."

Anke Freund, Geschäftsführerin der Tischlerei "Dein Freund"

Digitale Prozesse sind auch für Anke Freund, Geschäftsführerin der Tischlerei "Dein Freund", längst selbstverständlich. Alle Mitarbeiter arbeiten mit Handys und Tablets und greifen auf digitale Akten zu. Der Star im Unternehmen ist der selbst entwickelte KI-Chatbot. "Wir verbringen in unserer Tischlerei viel Zeit damit, zu beraten und zu visualisieren, weil der Kunde Bilder sehen muss, um zu verstehen, wie sein Möbel sein wird."

Die Lösung ist der "Smart Advisor", der mit dem Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik entwickelt wurde. Er ermöglicht Kunden, mit der KI ihre Wunschmöbel zu gestalten und ein generiertes Bild der Möbel zu erhalten. "Dies hat den Beratungsprozess extrem verkürzt", sagt Freund. Auch, weil der Chatbot in der Lage ist, die Fachsprache des Handwerkers für den Kunden so zu übersetzen, dass er sie versteht.

Der KI-Einsatz bringt der Schreinerei schöne Nebeneffekte: "Die Kunden verweilen länger auf unserer Website. Das heißt, ich generiere Leads und werde besser auffindbar." Auch die Arbeitgebermarke profitiert: "Ich habe Bewerbungen von Leuten, die ich sonst wohl nie erreicht hätte. Die schicken ein generiertes Bild aus unserem Chatbot mit ihrer Bewerbung mit." Inzwischen ist der KI-Helfer zum Geschäftsmodell geworden und wird unter eigener Marke an andere Betriebe verkauft. Die Kosten seien überschaubar und in Relation zum Zeitgewinn "praktisch nichts", wirbt Anke Freund.