Im Hinblick auf den Arbeitsschutz sind Digitalisierung, KI und Robotik ein zweischneidiges Schwert. Sie entlasten bei vielen Arbeiten. Gleichzeitig entstehen neue Gefährdungen. Worauf Handwerker achten müssen.

KI verändert die Arbeitswelt rasant. Das hat auch Auswirkungen auf die Gesundheit und den Arbeitsschutz. "Einerseits kann KI körperlich entlasten – etwa durch Robotik, die schwere oder monotone Arbeiten übernimmt. Andererseits entstehen neue psychische Belastungen", fasst es Anja Cordes vom Institut für Betriebsführung im Handwerk zusammen. Im Rahmen des Projekts KomKI - Kompetenzen über Künstliche Intelligenz aufbauen – hat die Wissenschaftlerin gemeinsam mit Kollegen auch die gesundheitlichen Folgen von KI und Co begutachtet.
Erwerbstätige hinsichtlich KI gespalten
So zwiespältig die Auswirkungen der KI auf die Gesundheit sind, so gespalten sind auch die Einschätzungen der Beschäftigen zum Thema. Eine repräsentative Umfrage von Forsa im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zeigt, dass 42 Prozent der Befragten KI-gesteuerten Maschinen und Fahrzeugen vertrauen, allen voran Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe. 40 Prozent dagegen äußerten ihr Misstrauen. Tendenziell stehen Männer und Jüngere KI positiver gegenüber als Frauen und Ältere.
Ein knappes Drittel der Befragten sieht für die persönliche Arbeit Chancen durch KI, elf Prozent aber fühlen sich davon eher gestresst und verunsichert. In der Realität hatte zum Zeitpunkt der Befragung allerdings mehr als die Hälfte der Befragten noch keinerlei Kontakt zu KI bei der Arbeit gehabt.
Auswirkungen der KI auf den Arbeitsschutz
Deutliche Vorteile bringt KI, wo sie hilft, körperliche Belastungen auf Muskeln und Gelenke zu reduzieren, zum Beispiel mithilfe von Robotik oder intelligenten Exoskeletten. Technologien wie Drohnen können außerdem die Gefahr von Arbeitsunfällen reduzieren, weil niemand mehr in die Höhe steigen muss, um den Zustand des Dachs und den Arbeitsbedarf dort zu ermitteln.
Trotz der offensichtlichen Entlastungen können auch Belastungen entstehen: "Solche Technologien einzuführen, ist meistens Chefsache. Die Mitarbeiter sorgen sich dann oft, was das mit ihrer Position im Betrieb macht, ob sie ihr Standing verlieren oder sogar ihre Arbeit", beschreibt Anja Cordes psychische Folgen.
Diese Befürchtungen sind nicht unbegründet. Um die Technologie anwenden zu können, ist in der Regel eine ganz andere Art von Wissen nötig. Die Anwender müssen verstehen beziehungsweise lernen, welche Daten sie in die KI einspeisen müssen, wie sie Diagnosen der KI bewerten und wie sie Fehler umgehen. Anja Cordes erinnert sich an einen Tischler, der in seinem Betrieb einen komplexen Roboter eingeführt hatte. "Er sagte zu uns, die Belastung sei von der Hand in den Kopf gegangen."
Veränderte Prozesse erhöhen psychische Belastungen
Neue Lerninhalte, neue Prozesse und auch neue Zuständigkeiten innerhalb des Betriebs können zu psychischen Belastungen führen: "Das mischt im Unternehmen natürlich die Karten neu. Eventuell erklärt dann der Junggeselle dem älteren Meister, wie er vorgehen muss", so Cordes. Das erzeuge Unsicherheit und Stress.
Die Ängste der Mitarbeiter ernstzunehmen, sei essentiell. "Der Chef muss klarstellen: Wir führen das nicht ein, um euch zu ersetzen, sondern damit ihr es leichter habt und wir effizienter arbeiten können", empfielt Cordes. Gute Gebrauchstauglichkeit, transparente Kommunikation, Beteiligung der Mitarbeitender und Schulung seien der Schlüssel, um KI-Systeme erfolgreich einzuführen.
KI entlastet von Routinearbeiten
Psychischer Stress kann auch noch auf andere Weise entstehen, wenn KI genutzt wird. Übernimmt die KI im Büro einfache Routineaufgaben, so besteht die Gefahr, dass für den Menschen vermehrt nur noch die sehr anspruchsvollen Arbeiten übrigbleiben. Ohne einen Wechsel zwischen anspruchsvollen und weniger intensiven Arbeiten drohe aber wiederum Überlastung.
In ihren Forschungen hat Cordes aber auch das Gegenteil erlebt: "Wir hatten in unserem Projekt einen Malermeister, der seine Zettelwirtschaft durch KI ersetzt und dadurch fast zwei Tage pro Woche gewonnen hat", beschreibt Cordes. Vorher sei dieser Unternehmer massiv überlastet gewesen. Nun habe er weniger Stress und könne sich zudem strategischen Aufgaben widmen.
"Die Auswirkungen von KI sind also sehr ambivalent", resümiert Cordes. KI sei an sich weder gut noch schlecht für die Gesundheit. "Es kommt darauf an, wie sie genutzt wird, wie diese Nutzung ausgestaltet wird und wie die Nutzer darauf vorbereitet werden."
Mit KI zu besserer Gesundheit im Betrieb
Wer in seinem Betrieb KI einführt, sollte sich jenseits der rein technischen Fragen vorab einige Gedanken um organisatorische und soziale Aspekte machen. Durch frühzeitige Risikoanalysen, Schulungen, transparente Kommunikation und die Einbindung der Beschäftigten kann der Chef potenzielle Gefahren minimieren und die Gesundheit fördern:
- Frühzeitige Risikoanalyse: Vor der Einführung von KI sollten potenzielle Gefährdungen für Sicherheit, Gesundheit und Arbeitsabläufe systematisch identifiziert werden.
- Berücksichtigung von Belastungen: Analyse der Auswirkungen auf körperliche und psychische Belastungen, z. B. durch veränderte Arbeitsanforderungen oder Interaktionen mit KI-Systemen.
- Integration in Arbeitsschutzmaßnahmen: Präventive Maßnahmen sollten bereits in der Planungsphase der KI-Anwendung berücksichtigt werden.
- Sensibilisierung der Beschäftigten: Schulungen zu den Grundlagen von KI, deren Funktionsweise und Nutzen, um Ängste und Unsicherheiten abzubauen.
- Kompetenzaufbau: Vermittlung von Fähigkeiten im Umgang mit KI-Systemen, z. B. zur Fehlerbehebung oder zur sicheren Nutzung.
- Qualifizierung: Schulung von Chefs und Führungskräften, um strategische Entscheidungen zur KI-Integration zu treffen und die Beschäftigten zu unterstützen.
- Ergonomie und Benutzerfreundlichkeit: Sicherstellen, dass KI-Systeme intuitiv bedienbar sind und die Arbeitsabläufe der Beschäftigten unterstützen.
- Handlungsautonomie: KI-Anwendungen so gestalten, dass Beschäftigte weiterhin Entscheidungsfreiheit und Kontrolle über ihre Arbeit behalten.
- Transparenz: Klare Kommunikation darüber, wie KI-Systeme funktionieren und welche Daten verarbeitet werden.
- Einbindung in den Prozess: Beschäftigte sollten aktiv in die Auswahl und Einführung von KI-Systemen eingebunden werden, um ihre Perspektiven und Bedarfe zu berücksichtigen.
- Feedbackschleifen: Regelmäßige Rückmeldungen der Beschäftigten zur Nutzung der KI einholen, um Anpassungen vorzunehmen und Akzeptanz zu fördern.
- Datenschutzrichtlinien: Sicherstellen, dass personenbezogene Daten der Beschäftigten und Kunden geschützt sind.
- Ethische Grundsätze: Leitlinien festlegen, die sicherstellen, dass KI-Systeme fair und diskriminierungsfrei eingesetzt werden.
- Kontinuierliche Überwachung: Regelmäßige die Auswirkungen der KI auf Arbeitsprozesse, Sicherheit und Gesundheit überprüfen.
- Systeme anpassen: Optimierung der KI-Anwendungen basierend auf den Erkenntnissen aus der Praxis.
- Fehlerkultur: Ein Umfeld schaffen, in dem Fehler als Lernchancen gesehen werden, um die Nutzung von KI zu verbessern.
- Offenheit für Veränderungen: Förderung einer Kultur, die Innovationen und neue Technologien positiv aufnimmt.
- Beratungsangebote nutzen: Handwerkskammern und Kompetenzzentren unterstützen bei der Einführung von KI.
- Fördermittel: Staatliche Programme helfen finanziell bei der Implementierung von KI.
Wer KI in seinem Betrieb nutzt, profitiert von Chancen, muss aber auch die Risiken im Blick behalten. In der Studie "Meisterhaft im digitalen Wandel: Kompetenzaufbau über Künstliche Intelligenz (KI) im Handwerk haben Anja Cordes und Kollegen folgende Punkte identifiziert:
Chancen im Arbeitsschutz durch KI im Handwerk
- Entlastung durch Automatisierung: KI-gestützte Roboter und Exoskelette können körperliche Belastungen reduzieren.
- Betriebliches Gesundheitsmanagement: KI kann durch Tracking-Tools und Gesundheits-Apps präventiv eingesetzt werden, um Stress, Schlafprobleme und andere gesundheitliche Herausforderungen frühzeitig zu erkennen und zu adressieren.
- Digitale Ergonomie: Smarte Arbeitsmittel und Assistenzsysteme können ergonomische Arbeitsabläufe unterstützen und die Belastung durch ungünstige Körperhaltungen minimieren.
- Frühzeitige Fehlererkennung: KI-gestützte Qualitätssicherung und vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) können Sicherheitsrisiken durch defekte Maschinen oder Werkzeuge reduzieren.
- Technische Assistenzsysteme: Autonome Fahrzeuge und Roboter können gefährliche Aufgaben übernehmen, wodurch das Unfallrisiko für Beschäftigte sinkt.
- Optimierung von Arbeitsprozessen: KI kann Arbeitsabläufe effizienter gestalten, wodurch Zeitdruck und Überlastung reduziert werden. Dies fördert eine gesunde Arbeitsumgebung.
- Notfallmanagement: KI-Systeme können durch Echtzeitüberwachung und automatisierte Notfallpläne die Sicherheit am Arbeitsplatz erhöhen.
- Prospektive Gefährdungsbeurteilung: KI kann potenzielle Gefährdungen frühzeitig erkennen und präventive Maßnahmen vorschlagen.
- Gamification: Spielerische Ansätze zur Mitarbeiterbindung und Motivation können Stress abbauen und die psychische Gesundheit fördern.
- Entlastung durch Automatisierung: Die Übernahme monotoner Aufgaben durch KI kann die kognitive Belastung reduzieren und mehr Raum für kreative Tätigkeiten schaffen.
- Flexibilität und Individualisierung: KI ermöglicht eine bessere Anpassung der Arbeitsgestaltung an individuelle Bedürfnisse, was die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Beschäftigten steigert.
Gesundheitliche Risiken durch KI im Handwerk
- Psychosoziale Belastungen: Die Einführung von KI kann zu Stress und Unsicherheiten führen, insbesondere durch veränderte Arbeitsanforderungen und den Umgang mit großen Datenmengen.
- Digitale Sucht: Der verstärkte Einsatz von digitalen Tools und Apps kann zu einer Abhängigkeit führen, die sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt.
- Fehlfunktionen von KI-Systemen: Fehlerhafte oder unzureichend trainierte KI-Modelle können Sicherheitsrisiken erhöhen, z. B. durch falsche Entscheidungen bei der Steuerung von Maschinen.
- Abhängigkeit von Technologie: Ein Ausfall von KI-Systemen kann zu gefährlichen Situationen führen, wenn keine Notfallpläne vorhanden sind.
- Verlust von Handlungskompetenz: Die zunehmende Automatisierung kann die Autonomie der Beschäftigten einschränken und zu einem Gefühl der Entmündigung führen.
- Fehlende Transparenz: Entscheidungen von KI-Systemen sind oft schwer nachvollziehbar, was Unsicherheiten und Misstrauen bei den Beschäftigten hervorrufen kann.
- Unzureichende Integration: Wenn Aspekte des Arbeitsschutzes und der Gesundheitsförderung nicht von Anfang an in die Planung von KI-Anwendungen integriert werden, können Belastungen entstehen.
- Fehlende Schulung: Ohne ausreichende Qualifizierung der Beschäftigten im Umgang mit KI können Risiken durch Fehlbedienung oder Missverständnisse entstehen.
- Angst vor Arbeitsplatzverlust: Die Einführung von KI kann Ängste und Widerstände hervorrufen, insbesondere bei Beschäftigten, die sich durch die Technologie ersetzt fühlen.
- Steigender Arbeitsdruck: Die Automatisierung von Routineaufgaben kann zu einer Verdichtung anspruchsvoller Tätigkeiten führen, was psychische Ermüdung und Stress begünstigt.
