Der vogtländische Musikwinkel rund um Markneukirchen gilt als Mekka des Orchesterinstrumentenbaus. Ein Ortsbesuch.

Ein Anruf aus Schweden, in der Leitung ein Kunde. Dieses Mal hatte er keinen Auftrag, sondern einen Tipp. Bei einer Auktion sei eine historische Geige im Angebot, gebaut von einem gewissen Hans Adam Kretzschmann. Für Udo Kretzschmann ein Glücksfall.
So konnte er ein Instrument ersteigern, das vom Begründer der Geigenbautradition in seiner Familie stammt. Eine Tradition, die bis ins Jahr 1738 zurückreicht, sich um 1880 verlor und drei Generationen später von Udo Kretzschmann wiederbelebt wurde – in Markneukirchen, dem Mekka des Orchesterinstrumentenbaus im Herzen des vogtländischen Musikwinkels.
76 Handwerksbetriebe fertigen allein in der rund 7.300 Einwohner zählenden Kleinstadt Instrumente. Mehr als 100 sind es in der gesamten Region. Abgesehen vom Schlagwerk könnten sie ein ganzes Sinfonieorchester ausstatten, inklusive des nötigen Zubehörs wie Bogenfrösche, Kinnhalter oder Mundstücke. Welchen Stellenwert die Branche hier genießt, können Besucher an vielen Details erkennen. Prächtige Villen erinnern an den ehemaligen Ruf Markneukirchens als die deutsche Stadt mit der größten Dichte an Millionären, reich geworden mit dem Handel von Musikinstrumenten. Die Handwerker lebten bescheidener.
Geigenmacher legen Grundstein für den Musikwinkel
Noch heute verstecken sich viele ihrer Werkstätten wie die von Udo Kretzschmann in einfachen Bürgerhäusern. Nur ein kleines Messingschild weist darauf hin, dass hinter der Fassade auf wenigen Quadratmetern handgefertigte Geigen in Anlehnung an berühmte italienische Meister wie Stradivari oder Guarnieri entstehen. "Ich habe kein eigenes Modell, sondern orientiere mich an historischen Vorbildern", sagt der Obermeister der Innung des vogtländischen Musikinstrumentenhandwerks Markneukirchen.
Gegründet als Geigenmacher-Innung 1677 kann sich die Handwerkergemeinschaft heute als älteste noch existierende Musikinstrumentenbauer-Innung Deutschlands rühmen. "In zwei Jahren feiern wir unser 350-jähriges Bestehen. Darauf können wir stolz sein", freut sich Udo Kretzschmann auf das bevorstehende Jubiläum.
Der Ursprung des Musikinstrumentenbaus im Vogtland liegt in Böhmen im heutigen Tschechien. Im 17. Jahrhundert flohen protestantische Handwerker aus Graslitz (Kraslice) und Schönbach (Luby) vor der Gegenreformation nach Sachsen. Mit der Geigenmacher-Innung legten sie den Grundstein für eine Tradition, die seither das Selbstverständnis von Markneukirchen prägt.
Die große Bandbreite an Instrumenten, die im Laufe der Jahrhunderte im Musikwinkel entstanden sind, kann im örtlichen Museum bewundert werden. Unter den rund 1.600 ausgestellten Exponaten – mehr als 4.000 zählt die Sammlung insgesamt – befindet sich mit einer 1685 gebauten Viola eines der ältesten erhaltenen Instrumente aus der Region. Die Bratsche stammt von Johann Adam Pöpel, einem Mitbegründer der Geigenmacher-Innung.
Der lange Weg zur eigenen Meisterwerkstatt
Ihr aktueller Obermeister ist zum Geigenbau gekommen, weil ihm als Christ in der DDR aus politischen Gründen ein Mathematikstudium verwehrt wurde. "Schon während der Lehre habe ich gemerkt, wie schön es ist, aus einem toten Stück Holz etwas Lebendiges zu erschaffen", blickt Udo Kretzschmann zurück. Aber die industrielle Arbeit im VEB Musima, seinem Lehrbetrieb, befriedigte ihn nicht wirklich.
Udo Kretzschmann suchte den Weg ins Handwerk, machte seinen Meisterbrief, arbeitete drei Jahre lang beim kürzlich verstorbenen Erfurter Geigenbaumeister Wilhelm Brückner und ging mit Mitte 30 noch einmal auf Wanderschaft. "Da habe ich meinen Beruf ein zweites Mal gelernt." 1994 eröffnete Kretzschmann seine eigene Werkstatt und ließ damit die Geigenbautradition in seiner Familie wieder aufleben.
Waren zur Wende 1989 in Markneukirchen noch drei Geigenmacher aktiv, so ist ihre Zahl inzwischen wieder auf 15 gestiegen. Ihr Gewerk hat die Tradition des Musikinstrumentenbaus einst begründet, aber bei den Geigenmachern ist es nicht geblieben. Es folgten Saitenhersteller, Bogenbauer, Metall- und Holzblasinstrumentenmacher, Zupf- und Handzuginstrumentenmacher.
Sonderausstellung im Musikinstrumentenmuseum
Seit 10. Mai würdigt das Musikinstrumentenmuseum in einer Sonderausstellung zwei Jubiläen traditionsreicher Holzblasinstrumentenmacher: 150 Jahre Gebrüder Mönnig und 300 Jahre Hammig.
Über zehn Generationen reicht die Geschichte der Firma Hammig zurück. Begonnen als Geigenbauer, verlagerte sich ihre Tätigkeit um 1780 auf den Bau von Holzblasinstrumenten aller Art. "Seither sind wir Pfaffenmacher, wie man bei uns im Vogtland die Pfeifenmacher bezeichnet", erklärt Geschäftsführer Philipp Hammig. Heute fertigen rund 20 Mitarbeiter verschiedene Flötenmodelle, die seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts von den Vorfahren im Familienbetrieb entwickelt wurden. Rund 70 Prozent gehen in den Export, vor allem nach Amerika und Japan.
Philipp Hammigs Großvater Johannes Gerhard musste in der DDR miterleben, wie der traditionsreiche Familienbetrieb zwangsverstaatlicht wurde. Eine Zäsur, von der viele Handwerker der Region betroffen waren. Nach der Wende konnte Johannes Gerhard Hammig seinen Betrieb zurückkaufen. Aktuell laufen die Geschäfte gut, wie Philipp Hammig versichert. "Wir haben wieder das Niveau wie vor der Corona-Krise erreicht", freut sich der Holzblasinstrumentenmachermeister über volle Auftragsbücher. Und seit die Nachweispflichten im Rahmen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens Cites für die Branche gelockert wurden, habe sich auch dieses Problem entspannt. Selbst um Berufsnachwuchs müssen die Pfaffenmacher nicht bangen. Vergangenes Jahr konnten zwei neue Lehrlinge eingestellt werden.
Breites Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten
Für eine solide Ausbildung bietet der vogtländische Musikwinkel ein breites Angebot, angefangen bei der Berufsfachschule für Musikinstrumentenbau in Klingenthal, über die Meisterkurse der Handwerkskammer Chemnitz bis hin zum Studium an der Fakultät für angewandte Kunst der westsächsischen Hochschule Zwickau. Meister- und akademische Ausbildung sind eng verzahnt. Alle Absolventen nutzen die Werkstätten in der Villa Merz, lernen bei den gleichen Dozenten, die oft selbst beide Ausbildungen absolviert haben – so wie Torsten Preuß.
Der Zupfinstrumentenmachermeister ist vor 20 Jahren aus Hannover ins Vogtland gekommen, um hier seine Lehre anzutreten. "Ich habe mit elf in einer Schülerband angefangen und immer wieder an meiner Gitarre rumgebaut. Später wollte ich wissen, wie es richtig geht", sagt Preuß, der seine Meisterwerkstatt Preuß Guitars in einer ehemaligen Fleischerei eingerichtet hat. Mehr als 20 eigene Modelle – akustische und elektrische ebenso wie Jazzgitarren und Bässe – fertigt er zusammen mit seiner Partnerin Friederike Preuß. Hinzu kommen Restaurierungen historischer Zupfinstrumente.
Immaterielles Kulturerbe
Seit 2014 gehört der Instrumentenbau im vogtländischen Musikwinkel zum immateriellen Kulturerbe. "Er ist das Aushängeschild der gesamten Region", betont Torsten Preuß, der sich auch als Vorsitzender im Förderverein des Museums für seine Wahlheimat engagiert. Markneukirchens Bürgermeister Toni Meinel stimmt ihm zu. "Wir möchten im zweiten Halbjahr 2026 unser Gewerbegebiet um reichlich zehn Hektar erweitern, um den lokalen Unternehmen Wachstumschancen zu bieten", sagt Meinel und verweist zugleich auf den touristischen Aspekt. Mit dem Werbespruch "Musik küsst Natur" will die Stadt Urlauber ins Vogtland locken.
In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Uhrmacherstadt Glashütte, Hutmacherort Lindenberg im Allgäu, Geigenbau im Mittenwald, Leitermacherdorf Weißenborn, Bürstenregion Schönheide, Stützengrün und Steinberg, Modeschmuck-Mekka Neugablonz, Genussregion Oberfranken, Bootsbau in Lübeck, Korbmacherstadt Lichtenfels und die Möbelbude Deutschlands in der Region Ostwestfalen-Lippe.

