Rund um die Küchenmöbelindustrie in der Region Ostwestfalen-Lippe hat sich eine ungewöhnlich hohe Dichte an Tischlereien entwickelt. Als Möbelbauer, Innenausstatter oder Zulieferer haben sie sich immer wieder auf neue Marktbedingungen eingestellt. Doch nun steht das traditionsreiche Handwerk erneut vor einem tiefgreifenden Wandel.

Auf die Frage seines Lehrers, was er denn einmal lernen wolle, hat Frank Grimm schon in der 10. Klasse geantwortet, er werde einmal eine Tischlerei haben. Als ihn der Lehrer habe verbessern wollen, dass er wohl meine, den Beruf des Tischlers lernen zu wollen, wiederholte Grimm: "Nee, ich habe mal eine Tischlerei." Grimm war schon mit 16 Jahren felsenfest überzeugt davon, einen Betrieb führen zu wollen, auch wenn sein Vater keine eigene Firma besaß.
Heute ist Grimm Eigentümer eines Betriebs für Innenausstattung in Gütersloh. Der Tischlermeister kommt aus dem beschaulichen Ostwestfalen – Heimat großer Firmen wie Miele, Schüco oder Dr. Oetker. Neben der Haushaltsgeräte- und Lebensmittelindustrie wuchs in der Region ähnlich lang das Tischlerhandwerk. Gilt doch die Gegend um den Teutoburger Wald und das Land zwischen Hermanns- und Kaiser-Wilhelm-Denkmal mit seinen ehemaligen Bundesligisten Arminia Bielefeld und SC Paderborn als Möbelbude Deutschlands.
Nach dem Zweiten Weltkrieg löste die Möbelindustrie, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts mehr und mehr in OWL angesiedelt hatte, die im Niedergang befindliche Tabakindustrie als großen Wirtschaftsfaktor der Region ab. Das betraf vor allem Küchenmöbel. Noch heute stammen 70 Prozent der deutschen Küchenmöbelproduktion aus Ostwestfalen-Lippe. Der in Verl ansässige Hersteller Nobilia etwa ist einer der größten Produzenten Europas. Rund um die Industrie entstanden viele Tischlerbetriebe, die vor allem Zulieferer sind und waren.
Tief verwurzeltes Handwerk
Doch das Handwerk ist laut Grimm, der seit vier Jahren auch Innungsobermeister ist, tiefer verwurzelt – über den Markt der Großabnehmer hinaus. Jeder Ort habe mehrere Tischlereien. "Es gibt hier keine Familie, die nicht irgendwo mit dem Tischlerhandwerk verbunden ist", sagt er. Auch Grimm kommt aus einer Tischlerfamilie: Opa, zwei Onkel – alle Tischler. Heute stelle sich die Lage zwar etwas differenzierter dar. Aber allein der Kreis Gütersloh beherberge mit 128 Tischlereien eine der größten Einzelinnungen Deutschlands, verdeutlicht Grimm.
Nach Auskunft des Fachverbandes NRW gab es in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2023 5.335 Tischlerbetriebe. Von diesen waren rund 3.300 Mitglied in der Landesinnung. Die Zahl der Betriebe ist zwar seit 2005 um rund 1.400 gesunken, doch der Markt wird keineswegs kleiner. Stieg doch die Zahl der Beschäftigten um rund 1.100 auf 51.946, der Umsatz um 3.356.600 Euro auf 8.186.600. Zum Vergleich: In der Landesinnung Bayern sind 3.100 Betriebe organisiert. "Es sind tendenziell auch eher die kleineren Betriebe, die vom Markt verschwinden, weil sie keinen Nachfolger oder keine Nachfolgerin finden", sagt Jens Südmeier, Pressesprecher des Landesverbandes.
"Es gibt hier keine Familie, die nicht irgendwo mit dem Tischlerhandwerk verbunden ist."
Frank Grimm, Tischlermeister
Regional betrachtet, hat sich der Markt ein wenig aufgeteilt. Zum größten Teil arbeiten die Betriebe im Raum Gütersloh als Möbelbauer und Innenausstatter – die größeren Betriebe dabei fast alle deutschlandweit. In Richtung Osten im Paderborner, Mindener oder Herforder Raum sähe das schon wieder ganz anders aus. Dort produzieren viele Küchenhersteller. Viele Tischlereien konzentrierten sich somit auf Zulieferung. Für Frank Grimm, der genau zehn Jahre vom ersten Lehrtag bis zur Firmenübernahme brauchte, ist der Erfolg der Tischler allerdings ganz eng mit der Mentalität der Kunden verknüpft. "Hier hat keiner Angst vorm Tischler", scherzt er. Große Händler dominierten den Möbelmarkt nicht so deutlich wie anderswo. Privatkunden lassen sich eher zwei, drei Angebote vom Tischler machen, als wahllos zum Handel zu rennen. Die Wertschätzung für den Handwerker sei dort definitiv verwurzelt.
Umbruch in den 70er-Jahren
Tischlermeister Udo Knake aus Herford findet dagegen schon, dass das klassische Handwerk an Bedeutung verloren hat. Sein Betrieb etwa sei inzwischen eine Rarität. Urgroßvater Otto Knake hatte das Unternehmen 1914 gegründet. Knake hatte damals vor allem mit Schlafzimmern angefangen. Schon zu jener Zeit war die Zahl der Betriebe in der dortigen Gegend überproportional gewachsen, sodass die Innung nach der Zusammenlegung von Kreis und Stadt Herford 541 Mitglieder zählte bei rund 210.000 Einwohnern – damals die größte Tischler-Innung Deutschlands. Noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg zählte die Innung mehr als 200 Mitglieder. Seitdem haben viele Firmen aufgegeben. Die Zahl der Mitglieder liegt inzwischen bei rund 40.
Den Schwenk Richtung Küchenmöbel, für die die Möbelindustrie in Ostwestfalen vor allem bekannt ist, vollzog sein Vater Werner Knake nach dessen Übernahme. Anfang der 1970er-Jahre habe sich die Möbelbranche in einem dramatischen Umbruch befunden, erläutert Udo Knake. Die Nachfrage nach Einbauküchen sei explodiert. Neue Materialien hielten Einzug in den Küchenbau, vor allem Kunststoffe und Beschichtungen. Die Entscheidung, auf dem Weg der Zulieferung weiterzugehen, sei letztlich überlebenswichtig gewesen. "Wenn mein Vater die Entscheidung nicht getroffen hätte, gäbe es den Betrieb so jedenfalls nicht mehr", sagt Knake.

Neue Produkte sorgen für hoch entwickelte Produktion
Mit Siematic konnte Knake damals ein renommiertes Unternehmen gewinnen, das auch heute noch zu seinen Kunden zählt. Heute sei der Betrieb aufgestellt für vier, fünf Küchenmöbelhersteller aus der unmittelbaren Nachbarschaft und biete eine hohe Qualität mit nachhaltiger Ausrichtung. Das belegen zahlreiche Preise. Erst im vergangenen Jahr etwa erhielt Knake den Nachhaltigkeitspreis von Siematic. So sorgt die Produktentwicklung in der Industrie auch beim Handwerk für eine technisch hoch entwickelte Produktionsweise und moderne Materialien.
Umgekehrt wirken sich aber auch wirtschaftliche Turbulenzen in der Möbelindustrie negativ auf die Zulieferer aus. Jan Kurth, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie berichtet, dass die heimischen Möbelproduzenten im Jahr 2024 ein Umsatzminus von 7,4 Prozent hinnehmen mussten. Diese Nachfragedelle hätten auch die Zulieferer zu spüren bekommen. Die Nach-Corona-Zeit und die derzeitige von viel Unsicherheit geprägte Konjunktur sorgen dafür, dass die Kunden ihr Geld lieber im Portemonnaie lassen.
Kurth würde es bedauern, wenn dadurch die Vielfalt der zugelieferten Produkte abnehmen würde. Die Unternehmen könnten sich dafür natürlich im weiteren Umkreis orientieren und sich womöglich aus anderen Regionen bedienen. Von der Häufung jedoch, die Ostwestfalen an entsprechenden Betrieben biete, habe die Möbelindustrie immer profitiert. Das habe sie im internationalen Wettbewerb stark gemacht. Allein im Segment Küchenmöbelindustrie liegen 100 Prozent der Produktion in Deutschland, mit dem Schwerpunkt Ostwestfalen. Aktuell zählt die Region 155 Möbelhersteller mit 20.000 Beschäftigten und knapp sechs Milliarden Euro Umsatz im Jahr.
Jan Kurth sieht für die Industrie perspektivisch wieder Wachstumschancen. Konjunkturell hätten die Unternehmen die Talsohle erreicht. Bei den Zulieferern stellt Kurth insgesamt so etwas wie eine weitere Spezialisierung der Betriebe fest.
Betriebe sind heute Allrounder
Während im Nachgang der Konjunkturkrise sich der ein oder andere Zulieferer noch mehr auf bestimmte Produkte konzentriert, entwickelt sich die Firma Grimm nach und nach zum Allrounder. In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Tischlerei, so Frank Grimm, zu einem kleinen Architekturbüro gewandelt. Vom Aufmaß über Konstruktion, Absprachen bis zu fotorealistischen Zeichnungen – "Diese Aufgaben liegen mittlerweile alle beim Tischler." Grimm beschäftigt 27 Mitarbeiter und hält neben der Produktion folgerichtig ein kleines Planungsbüro vor, um den Kunden entsprechende Entwürfe anbieten zu können. Die Aufgaben in der Arbeitsvorbereitung seien deutlich gewachsen. Wie wohl in den kommenden Jahren diese Art Betriebe weiter wachsen werde.
Grimm erwartet in den nächsten 20 Jahren einen Umbruch. Alles werde größer oder aber spezialisiere sich. Die Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern in Nordrhein-Westfalen machen derzeit einen Anteil von 12,5 Prozent aus, berichtet er. Der Umsatzanteil, den diese Betriebe erwirtschaften, liege jedoch schon bei 30 bis 40 Prozent. Das stellt andererseits hohe Anforderungen an die betriebliche Ausstattung. Das reicht vom Maschinenpark bis hin zu der Frage, welche Vorschriften, Verordnungen zu Emissions- und Staubschutz etwa vorzuhalten sind. All das, so Grimm, mache den Betrieb einer solchen Tischlerei natürlich unheimlich teuer. Die Fixkosten steigen fortlaufend. Kein Wunder, dass Nachfolgen immer schwieriger zu realisieren seien. Seinem Sohn könne er eine Übernahme deshalb nur empfehlen, wenn er es wirklich mit ganzem Herzen machen möchte. Sich bei dieser Marktdichte dann auch noch durchzusetzen, sei eine große Herausforderung.
Und dann gebe es da noch die kleinen Betriebe, die weiter spezialisieren: nur Türen, nur Montage oder nur Zukaufmöbel. Aus der Glaskugel könne er nichts lesen, aber die Prognose sage, dass es in zehn Jahren insgesamt bis zu 18 Prozent weniger Tischler geben werde als jetzt. Diejenigen, die dann noch da sind, seien dann Gesamtdienstleister oder Spezialisten. Den Kleinbetrieb, der mal eben beim Nachbarn um die Ecke die Türen neu einstellt, werde es nicht mehr geben.
In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Uhrmacherstadt Glashütte, Hutmacherort Lindenberg im Allgäu, Geigenbau im Mittenwald, Leitermacherdorf Weißenborn, Bürstenregion Schönheide, Stützengrün und Steinberg, Modeschmuck-Mekka Neugablonz, Genussregion Oberfranken, Bootsbau in Lübeck und Korbmacherstadt Lichtenfels.
Ursprünge der Möbelproduktion in OWL
Die industrielle Möbelproduktion begann in Ostwestfalen-Lippe (OWL) in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Unternehmer Gustav Kopka gründete 1861 in Herford die erste Möbelfabrik. In der Folge entstanden allein im Raum Herford rund 100 Möbelfabriken und viele weitere im gesamten Kreisgebiet. Ursache war vor allem der große Bedarf an Möbeln der Arbeiterschicht im benachbarten Ruhrgebiet. Die Fabriken fertigten preiswerte Möbel für die Arbeiterfamilien. Ein großer logistischer Vorteil war die Lage Herfords an der Cöln-Mindener-Eisenbahn, die die Auslieferung der Möbel über die Grenzen OWLs hinaus in industrielle Ballungszentren begünstigte. Im Zuge dessen wuchs auch die Zahl der Tischlereien, die auch heute noch als Zulieferer, Spezialisten für Einzelanfertigungen und im hochwertigen Innenausbau tätig sind. Gleichzeitig gründeten sich Spezialisten für die Fertigung von holzverarbeitenden Maschinen sowie speziell auf die Ausbildung von Fachkräften ausgerichtete Bildungseinrichtungen. Bereits 1893 wurde in Detmold die Tischlerfachschule eröffnet. Heute sind in der Region 53 Prozent aller Betriebe und rund 67 Prozent aller Beschäftigten der nordrhein-westfälischen Möbelindustrie konzentriert.