Handwerk im TV "Sterben für Beginner": Packende Tragikomödie mit viel Handwerk

Heute um 20:15 Uhr zeigt das ZDF einen der besten deutschen Fernsehfilme der letzten Jahre – und das mit einem angehenden Bestatter als Hauptfigur. Warum der Film so sehenswert ist und welche zwei Schönheitsfehler es dabei zu verschmerzen gilt, erfahren Sie in unserer Filmkritik.

Eric (Edin Hasanovic) schminkt unter den kritischen Blicken seiner schweigsamen Kollegin Anita (Luna Jordan) einen Verstorbenen (Komparse).
Nicht nur hier ist Fingerspitzengefühl gefragt: Eric (Edin Hasanovic) pudert unter strenger Aufsicht von Anita (Luna Jordan) eine Leiche im Bestattungsbetrieb. - © ZDF / PaW / Hardy Spitz

Das Bestatterhandwerk boomt! Aber nicht etwa, weil heute deutlich mehr gestorben würde als früher – vielmehr ist der Ausbildungsberuf bei jungen Menschen (insbesondere bei Frauen) so beliebt wie nie zuvor. Neben reichweitenstarken Influencern in den sozialen Netzwerken rücken auch immer mehr fiktive Formate in Film und Fernsehen die Menschen aus diesem Handwerk und das Drumherum in den Blickpunkt – sei es die seichte ARD-Heimatkrimireihe "Die Bestatterin", der kürzlich in seine zweite Staffel gegangene Netflix-Hit "Totenfrau" oder die im Mai auf Amazon Prime Video startende Comedyserie "Drunter und drüber", die von Chaos und Turbulenzen auf einem Friedhof erzählt.

Auch der ZDF-Film "Sterben für Beginner", der am 5. Mai 2025 um 20:15 Uhr seine TV-Premiere im Zweiten feiert und als 15 Minuten längerer Director’s Cut in der Mediathek des Senders abrufbar ist, rückt einen jungen Bestatter ins Rampenlicht – besser gesagt einen Ex-Musikmanager, der sein Leben neu ausrichtet und auf Probe in einem Bestattungsbetrieb anheuert. Die prominent besetzte Tragikomödie, die beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen 2024 den Publikumspreis abräumte, meistert die Gratwanderung zwischen tieftraurigem Sterbedrama und lebensbejahender Komödie mit Bravour und illustriert das Bestatterhandwerk so ausführlich wie selten ein Fernsehfilm vor ihm. Zwei herbe Wermutstropfen schmälern das tolle Gesamtbild allerdings.

Darum geht es in "Sterben für Beginner"

Der Berliner Musikmanager Eric (Edin Hasanovic) hat die Schnauze voll: Nach einem Streit mit einer PR-Kollegin wirft er seinen Job in der Musikindustrie hin  und orientiert sich beruflich um. Durch ein Online-Video und eine pfiffige Stellenanzeige mit dem Queen-Zitat "Who wants to live forever?" wird er auf das Beerdigungsunternehmen von Volker Mutz (Peter Kurth) aufmerksam, der gerade eine neue Bestattungsfachkraft sucht. Obwohl er keine Vorkenntnisse mitbringt, tritt Eric unter strenger Aufsicht von Mutz und dessen im Betrieb angestellter Nichte Anita (Luna Jordan) den Dienst an und stellt schon bald fest, wie facettenreich der Beruf des Bestatters ist.

Parallel dazu entspinnt sich in "Sterben für Beginner" eine tragische Abschiedsgeschichte, in der Erics Job eine zunehmend wichtige Rolle spielt: Bei seinem Freund Alex (Max Hubacher), der in einem Hausboot lebt und mit seiner Freundin Karla (Svenja Jung) ein Kind erwartet, wird ein bösartiger Tumor im Kopf diagnostiziert. Dass Alex noch wenige Wochen zu leben hat, ahnen weder Karla noch seine Eltern Birgit (Steffi Kühnert) und Paul (Wolfram Koch). Eric hingegen weiß früh Bescheid, muss in seine Rolle als Sterbebegleiter und potenzieller Bestatter aber erst noch hineinwachsen…

Muss noch viel lernen: Eric (Edin Hasanovic) löchert seinen erfahrenen Chef Volker Mutz (Peter Kurth) auch auf dem Friedhof mit Fragen. - © ZDF / PaW / Hardy Spitz

Vom Grufti zum Betriebsübernehmer

"Ich war mal Grufti", antwortet der schlagfertige Eric grinsend, als ihn Betriebsinhaber Mutz beim spontanen Vorstellungsgespräch nach seinen Qualifikationen für die Bewerbung als Bestattungsfachkraft fragt – und erntet als Antwort zu Recht nur eiskaltes Schweigen und eine versteinerte Miene. Die größte Naivität im Drehbuch von Benedikt Gollhardt liegt anschließend in dem Glauben, man hätte den Beruf des Bestatters schon erlernt, wenn man ein paar Wochen im Betrieb mitangepackt hat: Dass die reguläre Ausbildungsdauer drei Jahre beträgt und mit einer Abschluss-/Gesellenprüfung endet, klammert "Sterben für Beginner" großzügig aus. Für jede ausgebildete Bestattungsfachkraft ist das ein Schlag ins Gesicht. Eric ist hier allenfalls als eine Art Hilfsarbeiter und Praktikant unterwegs, den Mutz eigentlich gar nicht gesucht hat.

Und damit nicht genug: Als der Film nach Erics Probezeit auf die Zielgeraden einbiegt, steht nach wenigen Praxismonaten bereits eine Betriebsübernahme durch den angelernten Ex-Musikmanager im Raum – das ist einem Happy End natürlich dienlich, mit Blick auf Erics gefährliches Halbwissen und das Fehlen jeder offiziellen Qualifikation aber absurd. Dass man dem Film, der unter Regie von Christian Klandt auf Eric Wredes Sachbuch "The End: Das Buch vom Tod" basiert, diese Ausrutscher kaum übel nimmt, liegt daran, dass das Bestatterhandwerk ansonsten erfreulicherweise so stark im Blickpunkt steht wie in kaum einem anderen deutschen Fernsehfilm zuvor.

Bürokratie am Kneipentresen

Während eingangs erwähnte Fernseh- und Streamingformate wie "Die Bestatterin" das Handwerk eher am Rande und vordergründig Kriminalfälle erzählen, sind die so vielfältigen Tätigkeiten von Bestattungsfachkräften in "Sterben für Beginner" ein Herzstück der Geschichte. Der finale Clou des Drehbuchs resultiert sogar direkt aus einer wichtigen Tätigkeit beim Urnenbegräbnis. Anfänger Eric hilft nicht nur beim Verkaufen von Särgen, beim kosmetischen Aufbereiten von Toten oder bei einfühlsamen Trauergesprächen, sondern liegt auch schon mal im 3.700 Euro teuren Sarg Probe – und muss sich am Tresen seiner Lieblingskneipe, der als Reflexionsort eine wichtige Rolle zukommt, durch Papierkram wühlen. Rechtsgrundlagen, Arbeitsschutzverordnungen, Hygienerichtlinien: Hier schimmern auch bürokratische Hürden durch, mit denen sich so viele Handwerker konfrontiert sehen. "Beamtenjob", meckert der genervte Eric.

Ihre gemeinsame Zeit endet: Erics Freund Alex (Max Hubacher), der mit seiner Freundin Karla (Svenja Jung) ein Kind erwartet, hat nur noch wenige Wochen zu leben. - © ZDF / PaW / Hardy Spitz

Auch die Figuren überzeugen durch die Bank: Der in seiner Profitorientierung etwas überzeichnete, auf 45 Jahre Berufserfahrung zurückblickende Bestatter Volker Mutz zeigt sich im Schlussviertel des Films von seiner menschlichen Seite, die gewohnt charismatische Performance von Ausnahmeschauspieler Peter Kurth tut ihr Übriges. Auch Mutz‘ Nichte Anita emanzipiert sich vom ersten Eindruck einer gefühlskalten Gothicgöre – sie spielt vor dem Überstellen der Leichen ins Krematorium etwa liebevoll und individuell ausgewählte Abschiedsmusik ab und bezieht Eric in ihre Überlegungen mit ein. Der todgeweihte Rocker Alex und seine schwangere Freundin Karla sind schon eher Figuren vom Reißbrett, dafür reißt ihr aufwühlendes Schicksal umso mehr mit.

Ein Fernsehfilm zum Weinen – und auch zum Lachen

Wenngleich der heitere Auftakt noch einen anderen Erzählton suggeriert, ist "Sterben für Beginner" nämlich vor allem ein zu Tränen rührendes, aber nie rührseliges Abschiedsdrama. Aufgelockert wird es mit Erics oft komischen Verbesserungsvorschlägen im Bestattungsunternehmen, pfiffigen Dialogzeilen ("Der bringt dich noch ins Grab!") und humorvoll-beschwingten Momenten, die die melancholische Grundstimmung aber nie nachhaltig aus der Balance bringen. Am Ende ist der stark besetzte und nur selten geschönte ZDF-Film vor allem ein kraftvolles Plädoyer dafür, die Zeit voll auszukosten, die uns noch bleibt – denn die kann schneller vorbei sein, als es uns lieb ist.

TV-Termin: Montag, 5. Mai 2025, 20:15 Uhr im ZDF oder online in der ZDF-Mediathek