Zuhörer, Seelsorger, Handwerker Schreiner trifft Zeitgeist in der Trauerkultur

Die Holzurnen von Martin Mayer folgen dem Wandel der Trauerkultur. Ihr Inneres formt der Schreiner zu einem individuellen Erinnerungsstück als Trostspender für Hinterbliebene.

Schreiner Martin Mayer in seiner Werkstatt
Voll ausgelastet: Schreiner Martin Mayer in seiner Werkstatt am Ulmer Hauptfriedhof. - © Andreas Reiner

Wenn ein Mensch geht, bleiben Erinnerungen. Sie helfen durch die Trauer. Gedanken, Orte oder Gegenstände halten sie wach, können Trost spenden. Der Holzkünstler und Schreiner Martin Mayer fertigt Urnen, deren Innenleben er zu einem Erinnerungsstück für Hinterbliebene verwandelt. Für die sinn­liche Ästhetik seiner Holzurnen und die Idee dahinter wurde er im Februar in Frankfurt mit einer Goldmedaille beim German Design Award 2025 ausgezeichnet.

Mayers Werkstatt liegt versteckt zwischen zwei Steinmetzbetrieben direkt am Ulmer Hauptfriedhof, dem drittgrößten in Baden-Württemberg. Im Ofen knistert Holz, jener Werkstoff, der für ihn zum Lebenselixier geworden ist. "Bäume sind einzig­artige Zeitzeugen. Sie arrangieren sich mit allen Widrigkeiten des Lebens", sagt der 53-Jährige. Bäume verkörpern für ihn die gewachsene Weisheit der Natur. Das möchte er sicht- und berührbar machen. Und das spiegelt auch der Name seines kleinen Unternehmens: Impulse in Holz.

Trauerkultur mit Ankerpunkt für das Gedenken

Mit seinen Holzurnen trifft Mayer den Zeitgeist in der Trauerkultur. Immer mehr Menschen wünschen sich einen Ankerpunkt für ihr Gedenken, der immer da ist, nicht nur auf dem Friedhof. Für seine Urnen schneidet der Schreiner einen Zylinder aus einem Holzblock. Der Hohlraum bietet Platz für die Aschekapsel. Versehen mit einem Deckel und einer Bodenplatte, in der ein Apfelkern steckt als Symbol für neues Leben, wird die Urne später auf einem Friedhof beigesetzt.

Den Zylinder formt Mayer zu einem individuellen Kunstwerk, das Angehörige zur Erinnerung an den Verstorbenen bei sich zu Hause aufstellen können. Die Inspiration dafür schöpft er aus den Gesprächen mit seinen Kunden. Hinterbliebene, die sich ein kleines Kunstwerk zum Ge­denken an den Verstorbenen wünschen. Menschen, die sich schon zu Lebzeiten eine Urne mit Erinnerungsstück für ihre Angehörigen aus­suchen. "Auf Basis dieser Gespräche entstehen Unikate, die dem Verstorbenen gerecht werden und den Hinterbliebenen ein sehr persönliches Erinnern ermöglichen", sagt Mayer.

Urne mit Erinnerungsstück
Urne mit Kunstwerk: Goldprämiert beim German Design Award 2025 - © Andreas Reiner

Sein Einfühlungsvermögen, das in dem Erinnerungsstück zum Ausdruck kommt, speist sich aus seiner Biografie. Einem Lebensweg, der von der Kindheit auf einem oberschwäbischen Bauernhof über die Hauptschule, zwei Berufsausbildungen in Industrie und Handwerk zum Theologiestudium führte. Der ihn als Mönch ins Kloster leitete, danach zum Ju­gendpfarrer und Berufsschullehrer machte. "Heute bin ich Zuhörer, Seelsorger und Handwerker in Personalunion", beschreibt sich Martin Mayer, der auch als Trauerredner Menschen Trost spendet.

Von der Hauptschule zum Theologiestudium

Wenn er von seinem früheren Leben erzählt, dann deutet nichts darauf hin, dass er als kleiner Junge kein Wort Hochdeutsch über die Lippen brachte. Später wurde der Duden zu seinem wichtigsten Buch neben der Bibel. Beim Theologiestudium entdeckte er seine Liebe zur Sprache, die dem ehemaligen Bauernjungen den Zugang zur Welt der Akademiker er­­öffnete. Die Arbeitswelt hatte er da schon aus verschiedenen Perspektiven kennengelernt.

Martin Mayer als Mönch und Kloster­schreiner
Ora et labora: Martin Mayer als Mönch und Kloster­schreiner. - © privat

Ursprünglich wollte Martin Mayer Zimmermann werden, erprobte sich in Praktika, um dann doch lieber Industriemechaniker zu lernen. "Aber ich wollte nicht einer von zweitausend sein. Arbeiten nur um Geld zu verdienen, war nicht mein Ding", erinnert er an erste Zweifel am vorgezeichneten Lebensweg. Nach dem Zivildienst fand er im Handwerk seine berufliche Heimat, absolvierte eine Schreinerlehre in Bad Wurzach.

Aber Zweifel blieben. Mehr noch: Durch den frühen Unfalltod gleich mehrerer Freunde und Verwandter stellte sich für den Jugendlichen die Sinnfrage. Wie kann ein Leben zu Ende sein, ohne dass es zu Ende ge­­lebt wurde? "Ich suchte Halt, der über den Tod hinausreicht, und fand Antworten im christlichen Glauben", beschreibt Mayer seine Entscheidung, noch einmal von vorn zu be­ginnen.

Auf dem dritten Bildungsweg ins Priesterseminar

Der schwäbisch schwätzende Schreiner wollte katholischer Priester werden. Möglich wurde das über den dritten Bildungsweg, den bundesweit nur das Studienhaus St. Lambert im Landkreis Ahrweiler anbietet. Dort können junge Männer ohne Abitur das Priesterseminar besuchen, wenn sie mindestens 25 Jahre alt sind und eine abgeschlossene Berufsausbildung nachweisen.

Martin Mayer taucht ein in eine ihm fremde, faszinierende, geistige Welt, zentriert im Glauben an einen barmherzigen Gott. In der anderen Welt spielt er Schlagzeug, hat eine Freundin, die Eltern, die Geschwister. Vor dem jungen Mann liegen zwei Lebensentwürfe, aber es zieht ihn zu Gott, in ein spirituelles Dasein, ganz bei sich und ohne jeden Besitz.

Aus Martin Mayer wird Bruder Josef – so sein zweiter Vorname – in einem Karmeliterkloster in der Pfalz. Ora et labora. Der Tagesablauf wechselt zwischen Gebet und Arbeit, die Bruder Josef als Klosterschreiner wieder zu seinen handwerklichen Wurzeln führt. "Das Leben als Mönch ist eine große Freiheit. Wer wenig hat, muss sich wenig sorgen, kommt dem Leben näher. Ich habe damals etwas in mir entdeckt, wovon ich er­zählen wollte", erklärt Mayer seinen Entschluss, das Kloster nach dreieinhalb Jahren wieder zu verlassen. Er wird zum Priester geweiht, arbeitet als Vikar und Jugendpfarrer, aber letztlich ist die Liebe zu seiner heutigen Frau stärker als das Band mit der katholischen Kirche, die ihn in den Laienstand versetzt.

Schreiner Martin Mayer
Erinnerungsarbeit: Aus dem Kern der Urne wird später ein individuelles Kunstwerk. - © Daniel Martini

Trauerkultur rückt ins Blickfeld

Mayer wird Berufsschullehrer an der Robert-Bosch-Schule in Ulm, wo er angehende Elektriker und Lehrlinge in Metallberufen unterrichtet. Die Jugendlichen können sich bei Sorgen ihm aber auch als Schulseelsorger anvertrauen. So wie jener Azubi im dritten Lehrjahr, der ihm von seiner todkranken Freundin erzählte. Als das Unfassbare eintrat, wurde Martin Mayer gebeten, die Trauerfeier für die 23-jährige Lisa zu gestalten und eine Urne zu fertigen – der nächste Wendepunkt in seinem Leben. Plötzlich rück das Thema Trauerkultur ins Blickfeld.

"Bis dahin hatte ich mich noch nie mit dem Bau einer Urne befasst", ge­steht Mayer. Aber seine Idee und ihre Umsetzung stießen auf großes Interesse, weil sie dem Trend in der Trauerkultur folgen. Inzwischen verfügen die Holz­urnen mit Erinnerungsstück neben der Goldmedaille beim German Design Award auch über Gebrauchsmusterschutz.

Den Schuldienst hat er 2023 quittiert und sich selbstständig gemacht. Die Nachfrage nach den Urnen ist riesig. Und so sucht Mayer nach Partnern. "Mir schwebt eine Art Netzwerk vor – mit Handwerkern in anderen Regionen, die sich mit Trauerkultur be­fassen und meine Idee aufgreifen möchten. Denn ich bin voll ausgelastet", sagt der Schreiner, für den Geburt und Tod nicht Anfang und Ende sind, sondern ein Weg der Verwandlung. Einmal sei ein Schmetterling durch seine Werkstatt geflattert. "Das hat mich tief be­­rührt." Ein Symbol für Transformation, während er an einer seiner Holz­urnen arbeitete.