In ihrem Koalitionsvertrag kündigen Union und SPD einen Mutterschutz für Selbstständige an. Bislang fehlt es an Möglichkeiten zur Absicherung und die bürokratischen und organisatorischen Hindernisse sind groß – auch beim Elterngeld oder wenn es um die Betreuung geht. Zwei selbstständige Handwerksmeisterinnen berichten aus ihrem Alltag.

Karolin Werkmeister liebt ihre Flexibilität. Trotz eigenem Betrieb kann sie für ihre zehnjährige Tochter da sein, wenn diese aus der Schule kommt. Sie nimmt sich bewusst diese Zeit am Nachmittag und verschiebt anstehende Bürotätigkeiten auf den Abend. Diese Flexibilität hat aber auch ihren Preis: lange Arbeitstage, denn die Sattlermeisterin aus Schwedt in Brandenburg ist alleinerziehend und organisiert ihren beruflichen und privaten Alltag alleine.
Dennoch sagt sie: "Selbstständig sein heißt nicht automatisch ‚selbst‘ und ‚ständig‘. Diesen Spruch kann ich nicht mehr hören." Auch wenn sie alleine die Verantwortung trägt für ihr Kleinstunternehmen, sieht sie eine Balance zwischen Beruflichem und Privatem als wichtig an. Die gesellschaftliche Erwartung, dass sie als Alleinunternehmerin immer in dieser Rolle auftreten müsse, empfindet sie als überholt. Als Mutter würde sie sich von ihrem Umfeld oftmals mehr Verständnis und auch mehr Unterstützung wünschen.
Selbstständig mit Kind: Mutterschutzzahlungen und Elterngeld – schwierig
Als ihre Tochter noch sehr klein war, konnte bzw. musste Karolin Werkmeister sie oftmals mit zu den Kunden nehmen – manchmal auch mit in die Pferdeställe. Eine lange Auszeit war nicht drin, denn auf Mutterschutzzahlungen und Elterngeld konnte die selbstständige Handwerksmeisterin nicht setzen. Als Privatversicherte bekam sie nach der Geburt nur ein Krankentagegeld von etwas über 200 Euro im Monat. Dann folgte das Elterngeld mit dem Mindestsatz von 300 Euro. Rücklagen waren schnell aufgebraucht und so stand die Sattlermeisterin schnell wieder in der Werkstatt.
Auch wenn das Bundesfamilienministerium – in seiner bisherigen Besetzung – zum Start des Jahres 2025 einige Erleichterungen angekündigt hat, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern und dabei auch auf die aufwendige und komplizierte Antragstellung bei der Elterngeldbeantragung für Selbstständige eingegangen ist, gibt es hierbei noch viele Hindernisse. Durch das starke Engagement der Initiative "Mutterschutz für Alle!" sind die großen Versorgungslücken in diesem Bereich öffentlich stärker in den Fokus gekommen – und auch auf der politischen Agenda gelandet.
In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und SPD jetzt einen Mutterschutz für Selbstständige "analog zu den Mutterschutzfristen für Beschäftigte" angekündigt. Hierfür wollen sie "zeitnah umlagefinanzierte und andere geeignet Finanzierungsmodelle" prüfen – und gemeinsam mit der Versicherungswirtschaft Konzepte für die Absicherung betroffener Betriebe entwickeln. Zudem soll es eine Aufklärungskampagne zum Mutterschutz geben. Auch beim Elterngeld sind Verbesserungen geplant.
Karolin Werkmeister hätte sich sehr gewünscht, schon viel früher gewusst zu haben, was auf sie zukommt als Selbstständige mit Kind. "Zur Gründung meines Betriebs hatte ich sehr viel Unterstützung von Beratungsstellen und der Handwerkskammer, zu Steuerthemen, Förderungen und mehr", sagt sie. In Sachen Familienplanung sah das ganz anders aus. Dass man als selbstständige Unternehmerin mit einem eventuellen Kinderwunsch finanziell vorsorgen und zur richtigen Zeit, die richtigen Versicherungen abgeschlossen haben muss, sagte ihr keiner.
Aufklärung über die finanziellen Folgen fehlt
Zwar kann kaum einer das gesamte Leben durchtakten und auch ein Kinderwunsch ist nicht immer planbar, doch mehr Aufklärung – eventuell wirklich bei einer Gründungsberatung – über die finanziellen Folgen empfinden viele Selbstständige als wichtig. Das zeigt sich auch in der Debatte für einen "Mutterschutz für Selbstständige". Mit dieser Initiative sind Themen mit in die politische Diskussion gekommen, die bisher kaum derart stark in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Das betrifft weit mehr als nur die Gesetzeslage um den Mutterschutz. Die Initiative hat mittlerweile verschiedenste Kanäle, über die sie über den Fortgang der zentralen Forderung und vieles mehr informiert. Unterstützung bekommt sie vielfach auch aus dem Handwerk.
So hat erst kürzlich auch die Konditormeisterin Anne Blatter-Miredin – als Frau des Monats auf dem Instagram-Kanal von "Mutterschutz für Alle!" – ihre persönliche Geschichte zur Vorbereitung auf die Selbstständigkeit mit Kind erzählt. Zwar ist sie viel geplanter und mit einem Wissen rund um die Schwierigkeiten bei der Absicherung in die Schwangerschaft und die Zeit danach gestartet, doch auch sie spürt, dass es nicht einfach ist, Job und Kind miteinander zu vereinbaren.
Anne Blatter-Miredin hat sich neben ihrer Konditorei mittlerweile noch ein zweites Standbein aufgebaut und sie ist sozusagen Torten-Influencerin geworden. Bekannt als "babobaker_konstanz" kann sie über die sozialen Medien Marketing und mehr organisieren und damit auch vieles zeitlich und örtlich etwas unabhängiger managen. Doch auch sie berichtet von gesellschaftlichen Erwartungen in Bezug auf ihre verschiedenen Rollen als Mutter und Unternehmerin, die sie oftmals unter Druck setzen.
Selbstständig mit Kind: Keine Heldentaten
Bei einem Telefongespräch erzählt sie, dass sie zwar sechs Monate Mutterschutz bzw. eine Auszeit genommen hat, aber dafür haben sie und ihr Partner gezielt gespart. Anne Blatter-Miredin ist gesetzlich versichert und hatte auch eine Zusatzabsicherung abgeschlossen. Doch diese hätte finanziell nicht ausgereicht. Außerdem kam es auch in dieser Zeit vor, dass sie – wenn auch nur kurz – ein der Backstube eingesprungen ist. Babobaker steht für ein ganz besonderes Tortendesign und diese Handschrift kann so schnell keiner ersetzen. Dass sie auch hochschwanger gearbeitet hat, empfindet die 30-Jährige allerdings nicht als Heldentat, wie es gerne auch gesehen oder medial dargestellt wird. "Das ist es keineswegs. Ich beneide zwischenzeitlich andere Mütter, die sich in der Zeit der Schwangerschaft und in den ersten Jahren nur mit dem Kind beschäftigen können und nicht auch immer an die Arbeit denken müssen", sagt sie.
Missen möchte aber auch sie den Schritt in die Selbstständigkeit nicht – trotz der finanziellen Hürden. Denn auch die Konditormeisterin empfindet den bürokratischen Aufwand für die Beantragung von Elterngeld und Co. als nicht gerechtfertigt für das, was man dann als Unternehmerin bekommt. Das Elterngeld und viele andere staatliche Leistungen seien auf den Ausgleich von privaten Kosten ausgelegt. "Aber nicht auf das, was man als Selbstständige kalkulieren muss: Miete für Verkaufsräume, Backstube und mehr", berichtet sie. Die laufenden Kosten müssten ja auch gedeckt werden und somit könne man sowieso nicht pausieren.
Kinderbetreuung: Zu wenig Kita-Plätze und viel Unsicherheit
Somit hilft auch hierbei nur eine gute Planung und Organisation auf eigene Faust. Und das gilt auch bei der Kinderbetreuung. Zwar haben Selbstständige im Prinzip denselben Anspruch auf einen Krippenplatz und später einen Kindergartenplatz. Doch wenn es in den Gemeinden nicht genügend Plätze gibt und auch nur wenige oder gar keine Tagesmütter, bleibt nur übrig, sich selbst zu kümmern. Auch zum Ausbau der Kinderbetreuungsplätze gibt es Ankündigungen der Bundesregierung, die mehr Geld für eine bedarfsgerechte Betreuung und dessen Qualität bereitstellen möchte. Doch die Praxis zeigt, wie schwierig die Suche sein kann.
Beide hier beschriebene Unternehmerinnen haben die Säuglingszeit oftmals mit Kind und Job verbracht und sind dann in eine Kombination von Hilfe aus der eigenen Familie und einer offiziellen Kinderbetreuung umgestiegen. Karolin Werkmeister hat einen Krippenplatz bekommen, als ihre Tochter neun Monate alt war. Heute schaut sie ein wenig wehmütig auf die Zeit zurück. "Meine Tochter war damals schon noch sehr klein, aber es ging nicht anders", sagt sie. Anne Blatter-Miredin hat sehr viel Unterstützung durch ihre Eltern und mittlerweile eine Tagesmutter, die ihren knapp ein Jahr alten Sohn vormittags für ein paar Stunden betreut. Die Nachmittage wechselt sie sich mit ihrem Ehemann in der Backstube oft ab – je nachdem, welche Aufgaben anstehen. Da Jessy Miredin ebenfalls Konditor ist, ist dies möglich. Eine gute Organisation ist aber auch hierbei notwendig.
Transparenz ist wichtig
Dennoch erlebt das Paar, dass nicht immer alle Kunden Verständnis haben, wenn privat etwas dazwischenkommt. Die Konditormeisterin versucht dennoch so transparent wie möglich zu sein und berichtet auch auf Instagram und Co., wenn sie eine schlechte Nacht hatte oder ihr Sohn zahnt oder wenn sie einfach mal das Gefühl hat, dass gerade alles viel zu viel ist. "Ich möchte da offen mit umgehen, denn ansonsten ändert sich ja nie etwas, dass das als normaler angesehen wird", sagt sie. Manches Mal teilt sie auch die Gründe für eine verspätete Antwort auf eine Kundenanfrage direkt in einer Mail mit.
Auch Anne Blatter-Miredin wünscht sich mehr Aufklärung darüber, dass man als Selbstständige in Deutschland gut planen und möglichst auch schon lange vorher etwas zurücklegen muss, wenn man einen Kinderwunsch hat. Unter dem Post bei "Mutterschutz für Alle" hat sie einige Nachrichten bekommen. Darunter waren auch Berichte von Frauen, die sich nicht in die Selbstständigkeit trauen, weil sie ein Kind haben und Berichte darüber, dass Selbstständige kein zweites Kind planen, weil sie sich das finanziell nach den ersten Erfahrungen nicht mehr zutrauen.