Ruhestandsplanung "Fürs Ausgeben haben die Rentner schließlich gespart"

Martin Weber forscht über die menschliche ­Psyche in finanziellen Situationen. Ein Gespräch über unsere Abneigung gegenüber Verlusten, wie Ruhestandsplanung aussehen sollte, ­warum wir Gefühle schlecht von den Finanzen trennen können und was das große T mit uns macht.

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Viele Rentnerehepaare investieren ihr Geld in Reisen. - © luciano - stock.adobe.com

Herr Professor Weber, ist ­Entsparen nicht eigentlich gegen unsere Natur?

Martin Weber: Weggeben ist eine Sache, die uns generell nicht gefällt. Wir wollen keine Verluste. Wir wollen Gewinne. Das ist in uns drin. Verluste sind einfach eine negative Sache.

Haben Sie empirisch erforscht, dass die Leute innere Widerstände haben?

Dazu gibt es Umfragen ganz berühmter Wissenschaftler – Kahneman und Tversky. Ergebnis ist, dass ein Euro Verlust als doppelt so schlimm empfunden wird wie die positive Wertung eines Euros Gewinn. Das Phänomen nennt sich Verlust­aversion und lässt sich am besten auf dem Spielplatz beobachten. Gibt man einem Kind ein Förmchen, ist es glücklich. Nimmt man es ihm weg, fängt es an zu toben. Das ist in uns sehr ausgeprägt. Der Verlust an der Börse wird als ähnlich stark empfunden und kommt bei sehr vielen Studien immer wieder heraus.

"Um es mal klar und deutlich zu sagen: Solche Regeln wie '100 minus Alter ist gleich Risikoquote' sind ökonomisch in keiner Weise begründbar."

Wozu führt das in letzter ­Konsequenz?

Das führt dazu, dass viele Leute das Thema nicht angehen. Die sagen mir, dass sie ein paar Hunderttausend Euro auf dem Konto liegen haben, aber einfach nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Ich rate dann immer dazu, sich damit auseinandersetzen, denn dafür haben sie ja letztlich gespart.

Gegen Sparen an sich ist doch nichts zu sagen.

Sparen ist zwar ökonomisch betrachtet okay, aber das Einzige, was wir maximieren sollten, ist unser Konsum. Nur aus dem Konsum kann man Nutzen ziehen. Dafür ist das Geld ja da. Die Herausforderung besteht darin, die Lücke nach dem aktiven Arbeitseinkommen zu schließen. Heute wird aktiv gefordert, dass das Sparen Teil der Altersvorsorge ist, und deswegen müssen sie irgendwann wieder entsparen. Das ist neu und gab es vor 10 oder 20 Jahren für den normalen Durchschnittsbürger kaum.

Professor Martin Weber
Martin Weber ist Seniorprofessor für ­Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und forscht unter anderem zu ­Behavioral Finance und der menschlichen ­Psyche in finanziellen Situationen - © Weber/Uni Mannheim

Unsere Zielgruppe sind ­selbst­ständige Handwerker, die normalerweise keine gesetz­liche Rentenversicherung haben, sondern ­privat vorsorgen. Müssten sich diese Leute dann noch ­ausführlicher damit auseinandersetzen?

Menschen Ihrer Zielgruppe haben in der Regel unterschiedliche Alterseinkünfte, zum Beispiel aus einem Versorgungswerk oder aus Lebensversicherungen. Neben den daraus zu beziehenden Rentenzahlungen gibt es eventuell angespartes Vermögen. All das muss man letztlich irgendwie in einen für sich optimalen Kuchen umwandeln.

"Die Frage ist immer: In welchem Rahmen will ich entsparen und was will ich jetzt konsumieren?"

Ab wann sollte man sich denn grundsätzlich mit dem Thema Entnahme ­be­­schäftigen?

Ab 50 Jahren muss man sich schon mal Gedanken machen. Die Frage ist ja, wie viel soll ich denn von 50 bis 67 Jahren noch sparen? Und welche Wünsche, etwa eine große Reise, will ich mir jetzt schon erfüllen oder später erst. Dann jedoch hat man in aller Regel zu wenig Geld. Die Frage ist also immer: In welchem Rahmen will ich entsparen und was will ich konsumieren beziehungsweise was will ich jetzt konsumieren? In der Theorie nennen wir das Lebenszyklus-Konzept. Man muss ungefähr wissen, wann im Leben man welches Geld verdienen kann und wann man es ausgibt.

Welche Faktoren spielen denn für die Entnahme eine Rolle?

Man muss sich eben vorher schon Gedanken darüber machen, was man eigentlich mit 70 Jahren machen will. Das ist insofern schwierig, weil es den sogenannten Projection Bias oder Vorhersage-Bias gibt. Das ist eigentlich kaum möglich. Wir haben Umfrageteilnehmer gefragt: "Wann wollen Sie in Rente gehen?" Darauf antworten viele Leute „sehr früh“. Wenn es dann auf die 65 Jahre zu­geht, wollen die meisten jedoch weitermachen. Vorherzusagen, was ich in der Zukunft denke und fühle, ist unheimlich schwierig. Helfen kann der Blick von außen, also ein Ge­­spräch mit dem Partner eventuell. Auch wenn man sich andere Leute anschaut, bekommt man ein wenig das Gefühl dafür, wann man wie viel Geld brauchen könnte.

"Wie lege ich das Geld an? Damit muss man ja nicht mit 67 aufhören."

Was für äußere Faktoren sind dabei ­wichtig? Spielt auch eine Rolle, wie ich das Geld vorher ­angelegt habe oder ist das im Grunde egal?

Nehmen wir mal an, 67 Jahre sei wirklich der Zeitpunkt, wo man aufhört zu arbeiten. Eigentlich ist egal, wie die 200.000 Euro zustande ­ge­kommen sind. Die liegen auf dem Konto im Depot und haben einen Wert. Dann muss man zwei Sachen entscheiden. Das Erste ist: Wie lege ich das Geld an? Damit muss man ja nicht mit 67 aufhören. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei rund 84 Jahren beim deutschen Mann, der schon 67 geworden ist. Das heißt, das Geld lässt sich immer noch 17 Jahre lang anlegen. Die zweite Seite ist die Auszahlung. Beides hängt natürlich voneinander ab.

Welche psychologischen Motive spielen eine Rolle?

Die Risikobereitschaft. Das ist im Alter genauso wie in jüngeren Jahren. Man sagt ja, dass die Leute im Alter kein Risiko in Form von Aktien mehr haben wollen. Unsere Befragungen bestätigen das nicht. Um es mal klar und deutlich zu sagen: Solche Regeln wie „100 minus Alter ist gleich Risikoquote“ sind ökonomisch in keiner Weise begründbar. Es ist also eine individuelle Einstellung. Wenn ich weiß, dass ich das Geld je zur Hälfte auf den Kopf hauen will und meinen Enkeln geben, dann ist es sogar sinnvoll, das Geld für die Enkel riskant anzulegen, weil es ja um den Zeithorizont der Enkel geht, nicht um meinen. Auch hier muss man also überlegen, wofür ich das Geld brauche. Habe ich 100.000 und brauche davon die Hälfte auf jeden Fall für ein Altersheim, würde ich das Geld natürlich deutlich weniger riskant anlegen. Ist meine Grundversorgung gedeckt durch Versorgungswerke zum Beispiel, kann ich vielleicht ein bisschen mehr ins Risiko gehen.

"Viele Leute haben Angst, dass das Geld nicht reicht, und stellen sich die Frage, wie sie den Tod in die ­Planung einbinden können. Aber davon muss man sich lösen."

Sie forschen zu Behavioral Finance, betrachten also mensch­liches ­Verhalten in Finanzfragen. Warum tun wir uns so schwer damit, Gefühle und Geld zu trennen?

Gefühle spielen überall eine Rolle, also wäre es erstaunlich, wenn sie beim Geld nicht dabei wären. Letztendlich will ich mein Einkommen maximieren. Das soll nicht kapitalistisch klingen, aber die Maximierung ist ja ein rationales Verhalten. Dazu kommen dann diese psychologischen Fallen, die einfach in uns drin sind. Zum Beispiel können wir mit dem Faktor Unsicherheit generell nicht umgehen. Wenn einem der Arzt sagt, zu 95 Prozent gibt es keine Komplikationen, zu vier Prozent eine kleine, zu einem Prozent ist der Kopf ab, dann sagen viele Leute, Herr Doktor, können Sie es nicht genauer sagen. Diesen Umgang mit Wahrscheinlich­keiten als Maß, als Abbildung für die Unsicherheit sind wir nicht gewohnt. Die zweite Sache ist der Verlust. Panik­artig zu reagieren, wenn die Börse runtergeht, ist einfach ökonomisch falsch, aber völlig verständlich.

Wie binde ich den Faktor Lebenserwartung in meine Planung ein?

Wir nennen das das große T, also die Frage, wann ich sterbe. Das große T steht für das Ende. Wann darf das Geld alle sein? Viele Leute haben Angst, dass das Geld nicht reicht, und stellen sich die Frage, wie sie den Tod in die Planung einbinden können. Aber davon muss man sich lösen. Man kann eventuell für 25 Jahre 80 Prozent verplanen und dann ein kleines Polster übriglassen. Wenn man mit Ende 80 merkt, dass man super fit ist, kann man eventuell auch die Ausgaben etwas kürzen. Es ist in jedem Fall eine Herausforderung, die man nicht so einfach lösen kann.