Lernen kennt keine Altersgrenzen Fürs Handwerk ist es nie zu spät: 3 Quereinsteiger berichten

Ein ehemaliger Pastor, eine frühere Akademikerin und eine einstige Köchin – sie alle beweisen, dass es nie zu spät ist, einen Neuanfang im Handwerk zu wagen. Ihre Geschichten zeigen, dass eine Ausbildung auch im späteren Lebensalter genau der richtige Schritt sein kann.

Philipp Züfle in der Zimmerei
Philipp Züfle hat den Talar eines Pastors mit der Kluft eines Zimmermanns getauscht. - © Jutta Nitschke

Philipp Züfle hat den Talar eines Pastors mit der Kluft eines Zimmermanns getauscht. Ein ungewöhnlicher Weg, doch der 36-Jährige bereut diesen Schritt nicht. Nach dem Abitur studierte der gebürtige Pforzheimer Theologie in Tübingen und Reutlingen und arbeitete anschließend acht Jahre als evangelisch-methodistischer Pastor. "Es war eine schöne, erfüllende Zeit, aber auch herausfordernd", erzählt er. Trotzdem reifte in ihm der Wunsch, seinem Leben nochmals eine Wende zu geben. Schon als Kind liebte er handwerkliche Arbeiten — vor allem mit Holz. Er besprach sich mit seiner Frau, überlegte und rechnete. Denn ihm war klar, dass bei einem Wechsel erst einmal finanzielle Einbußen auf ihn zukommen würden.

Einstieg als Praktikant

"Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Doch ich hatte einfach große Lust, den Beruf des Zimmerers zu lernen", sagt Züfle. Der Berufswechsel sei ein Privileg, "denn früher wäre dies bestimmt so nicht möglich gewesen". Vor gut einem Jahr machte er sich online auf die Suche nach Ausbildungsbetrieben. Und wurde recht schnell fündig. Die Firma Ihre Zimmerei mit Sitz in Metzingen war interessiert. Er durfte sich vorstellen und wurde gleich für eine Woche als Praktikant verpflichtet.

"Einen Auszubildenden mit 36 Jahren hatten wir noch nie. Aber darauf kommt es auch nicht an. Der Charakter und die Sozialkompetenz eines Menschen sind viel wichtiger. Und bei Philipp passt alles perfekt, er ist ein großer Gewinn für unser Team", erläutert Joscha Hohnberg, einer der beiden Geschäftsführer. Und wie geht der Azubi mit dem Rollenwechsel um – früher in leitender Funktion und nun in der Rangordnung doch eher am unteren Ende? "Es ist ein ganz anderer Blickwinkel. Doch ich sehe es als Bereicherung für mein Leben. Es war eine lang gewachsene Entscheidung. Doch es hat sich gelohnt. Ich wurde sehr gut aufgenommen und bin dankbar für jeden Tag, den ich hier arbeiten darf", sagt der angehende Zimmerer.

Olga Sedih-Rentschler
Mehrere Studienabschlüsse, keine Anerkennung: Olga Sedih-Rentschler hat Zahntechnikerin gelernt. - © Jutta Nitschke

Zwei Studienabschlüsse

Olga Sedih-Rentschler wurde zur Klassensprecherin gewählt – und sie ist stolz darauf. Denn mit 42 Jahren ist sie mit Abstand die Älteste unter ihren Mitschülern. "Wenn irgendetwas ist, werde meist ich gefragt. Vielleicht habe ich durch meine Lebenserfahrung für die jungen Leute eine gewisse Vorbildfunktion", erzählt die dreifache Mutter, die derzeit eine Ausbildung zur Zahntechnikerin absolviert. Sedih-Rentschler stammt aus Moldawien und kam vor 20 Jahren nach Deutschland. Im Gepäck hatte sie gleich zwei Studienabschlüsse, in Architektur sowie in Marketing und Management. Zudem noch das Abschluss-Zertifikat einer Kunstschule. Sie lebte sich gut in ihrer neuen Heimat ein und lernte die Sprache. Doch dann die Ernüchterung: Ihre Abschlüsse wurden in Deutschland nicht anerkannt. Und nun? Sedih-Rentschler wurde schwanger. Die nächsten Jahre widmete sie sich ihren Kindern, doch der Gedanke, irgendwann wieder zu arbeiten, beschäftigte sie weiterhin.

Neue Chancen

Durch Zufall kam sie vor einiger Zeit mit einer befreundeten Mutter ins Gespräch, die mit einem Zahntechniker verwandt ist. Genau mein Ding, dachte sich die Frau aus Kirchentellinsfurt und begann im Internet zu recherchieren. Sie schrieb zwei Bewerbungen und erhielt einen Anruf der Firma Dental-Technik Haselberger aus Reutlingen. Den Eignungstest bestand sie ohne Probleme. "Von Anfang an wurde ich im Kollegenkreis sehr gut aufgenommen und ich erhalte hier viel Unterstützung. Dies ist für mich sehr wertvoll, da ich ja Beruf und Familie unter einen Hut bringen muss." Manchmal sei es schon stressig, vor allem wenn in der Berufsschule Klausuren anstehen. Dann sitze sie gemeinsam mit ihren Kindern am Küchentisch, mache ihre Hausaufgaben und bereite sich auf Klassenarbeiten vor. Ehrgeiz spornt Olga Sedih-Rentschler an. "Dieser Beruf ist so spannend. Außerdem möchte ich meinen Kindern zeigen, dass es sich lohnt zu lernen und man etwas Neues anfangen kann", erklärt sie. Und was meint ihr Chef? "Olga ist extrem fleißig und sehr motiviert. Wir sind alle wirklich froh, dass sie zu unserem Team gehört", sagt Mario Dreher, einer von zwei Geschäftsführern der Firma.

Stefanie Straube
Endlich wieder im Beruf: Stefanie Straube hat ihre Ausbildung zur Hörakustikerin abgeschlossen. - © Jutta Nitschke

Stefanie Straube strahlt. Anfang Februar wurde der 52-Jährigen der Gesellenbrief überreicht — sie ist jetzt ausgebildete Hörakustikerin. "Ich bin so glücklich, dass ich das geschafft habe", sagt die gebürtige Reutlingerin. Es war ein langer Weg: Nach Haupt- und Gewerbeschule begann Straube eine Ausbildung als Bauschreinerin, die sie jedoch abbrechen musste. Es folgten mehrere Jobs, dann eine Lehre zur Köchin. Fast 15 Jahre arbeitete sie in diesem Beruf, der sie bis nach Neuseeland brachte. "Ich war mit Leidenschaft dabei", erklärt Straube. Doch nach und nach machten ihr gesundheitliche Probleme zu schaffen. 2012 musste sie ihren Beruf aufgeben. Stefanie Straube steckte den Kopf nicht in den Sand, stellte mehrere Anträge auf Umschulung, doch ohne Erfolg. In dieser Zeit erkrankte ihre Mutter. Straube übernahm mehrere Jahre die Vollzeitpflege bis zu deren Tod.

Zufall entscheidet über Berufswahl

Durch Zufall entdeckte Straube ein Plakat mit der Aufschrift "Hörakustiker gesucht". Und machte Nägel mit Köpfen. Sie stellte nochmals einen Antrag auf Umschulung, der dieses Mal auch bewilligt wurde, bewarb sich bei Kind Hörgeräte und wurde noch am selben Tag zum Probearbeiten eingeladen. Es passte und sie unterschrieb ihren Lehrvertrag. Ihr Alter wurde übrigens nie thematisiert. Zwei Jahre lernte sie den praktischen Teil in Filialen in Reutlingen und Tübingen, zur Berufsschule musste sie immer wochenweise nach Lübeck. "Das konnte ich mir nur leisten, weil die Kosten von der Deutschen Rentenversicherung übernommen wurden", so Straube.

Mit 52 Jahren ist sie nun angekommen. Der Job sei krisensicher, ist Straube überzeugt, allein schon wegen der steigenden Zahl älterer Menschen. Ihr Fazit: "Es hat sich gelohnt, denn ich fühle mich wirklich gebraucht. Das ist für mich ein Stück weit Glück. Es ist nie zu spät, eine Ausbildung zu beginnen."