Manfred Weber kann es nicht lassen: Mit 98 Jahren steht er noch täglich in seiner Werkstatt in Friedersdorf an der Spree. Seit über 75 Jahren widmet sich der Schuhmacher- und Orthopädieschuhmachermeister seinem Handwerk. Seinen ersten Berührungspunkt mit Schuhen hatte er als Laufbursche in einer Hausschuhfabrik.

Manfred Weber geht auch im hohen Alter noch immer dem nach, was er am liebsten tut: seinem Handwerk. "Seit 74 Jahren sitze ich Tag für Tag in meiner Werkstatt", erzählt der 98-Jährige stolz und glücklich.
Berufswunsch Offizier
Dabei war es keineswegs ausgemacht, dass der Oberlausitzer einmal zwischen Leisten, Leim und Leder sein Glück finden würde. Denn Manfred Weber – eines von 13 Kindern eines Stellwerkers und seiner Frau – wollte eigentlich Offizier werden. Nur das Schicksal verschlug ihn in das Handwerk, das ihm heute so viel bedeutet.
"Nach dem Krieg musste ich schauen, wie es weitergeht", erzählt er. "Vor dem Arbeitsdienst und der Wehrmacht hatte ich in der Hausschuhfabrik in Neusalza-Spremberg als Laufjunge gearbeitet, später dort auch schon die ersten Schuhe aufgezwickt. Also habe ich mir gedacht, das wäre etwas für mich." Per Umschulung erlernte er das Schuhmacher-Handwerk. "Freitags wurde ich als Geselle freigesprochen. Schon am darauffolgenden Montag war ich auf der Meisterschule in Siebenlehn", erzählt der 98-Jährige noch heute selbstbewusst.
Meisterprüfung 1950
Ende der 1940er Jahre war das. Während im Land die Folgen des Krieges noch allgegenwärtig waren, suchte Manfred Weber, wie so viele, für sich eine neue Zukunft. Am 20. Juli 1950 war es so weit. An diesem Tag bestand der damals 23-Jährige vor dem Meister-Prüfungsausschuss der seinerzeitigen Handwerkskammer Sachsen seine Abschlussprüfung. 1951 meldete der junge Handwerker sein eigenes Gewerbe an. "Anfangs hatte ich meine Werkstatt in der Küche meiner Schwiegermutter", erzählt Weber und grinst. "Damals war alles vergleichsweise primitiv. Alles wurde zum Beispiel mit der Hand genäht." Doch seine gute Arbeit sorgte in der Nachbarschaft schnell für Aufsehen, sodass sich immer mehr Kundschaft einstellte. 1956 legte Manfred Weber auch den Meister im Orthopädieschuhmacher-Handwerk ab.
Mangelwirtschaft
Was folgt sind Jahrzehnte tätigen Wirkens. Wenn auch immer unter den Vorzeichen der allgegenwärtigen Mangelwirtschaft und Materialknappheit. "Wir hatten ja nichts. Es waren schlechte Zeiten. An allen Ecken fehlte es", erinnert sich Weber zurück. Doch mit Improvisationstalent und Organisationsgeschick gelang es ihm dennoch sich zu behaupten und als Selbständiger erstklassiges Handwerk abzuliefern. Inzwischen in seiner eigenen Werkstatt, im auch mit eigener Hände Arbeit neu gebauten Haus in Friedersdorf.
Anfang der 1980er Jahre trat Astrid in sein Leben. Als Lehrling begann sie 1981 bei Weber eine Lehre zur Orthopädieschuhmacherin. Heute sind die beiden verheiratet. Astrid Weber – seit 1998 selbst Handwerksmeisterin – führt inzwischen das kleine Unternehmen in Friedersdorf, das auch in Zeiten der Marktwirtschaft wie ein Fels in der Brandung besteht.
Erdrückende Bürokratie
"Von der früheren Materialknappheit ist heute natürlich nichts mehr zu spüren. Dafür erdrückt uns die Bürokratie. Die ständigen neuen Auflagen und Präqualifizierungsverfahren sind ein Graus", beschreibt Astrid Weber ihre aktuelle Lage. Sie ist es, die sich zusätzlich auch um die Papier- und Antragsflut kümmert. Für den Bürokram ist Manfred Weber inzwischen zu alt. "Manfred braucht seine Arbeit in seiner Werkstatt. Er wird mir krank, wenn es zu viele Feiertage hintereinander gibt", erzählt die Oberlausitzerin mit einem Lächeln. Zwar könne ihr Mann heute nicht mehr alle Arbeitsschritte ausführen wie einst, aber er sei weiterhin mit ungebrochener Leidenschaft dabei. "Das Handwerk ist sein Leben", betont Astrid Weber.
Im Oktober wird Manfred Weber 99 Jahre alt. Wahrscheinlich wird er auch an diesem Tag wieder in seiner geliebten Werkstatt sitzen, um an ein paar Schuhen für seine Kunden zu arbeiten. So wie er es seit einem dreiviertel Jahrhundert tut.
