Bauen im Bestand Orange Liste – eine Initiative gegen schleichenden Verfall

Über die Online-Plattform orangeliste.com können Bürger leerstehende Gebäude melden. Danach kümmert sich ein Experten-Netzwerk um eine Perspektive.

Hackathon zur Denkmalmesse in Leipzig
Hackathon zur Denkmalmesse in Leipzig: In kurzer Zeit eine Sanierungs­lösung für Schloss Steinbach in Bad Lausick entwickelt. - © DenkMalRegenerativ

Leerstehende Gebäude fristen oft ein Schattendasein. Die "Orange Liste" soll vom Verfall be­drohte Häuser ins Licht der Öffentlichkeit rücken und ihnen zu einer Perspektive ohne Abriss verhelfen. Entwickelt wurde die Initiative vom Unternehmen "DenkMalRegenerativ" (DMR), das sich der Bewahrung historischer Bausubstanz verschrieben hat, darin aber eine Aufgabe für die ge­samte Gesellschaft sieht.

Die Idee hinter der gemeinnützigen Online-Plattform OrangeListe.com: vom Verfall bedrohte Gebäude identi­fizieren und begutachten, Fachleute vernetzen, Perspektiven entwickeln, Lösungen aufzeigen. "Jedes Gebäude ist erhaltenswert, nicht nur Denkmale", sagt DMR-Geschäftsführer Matthias Binninger.

"Orange Liste" baut auf vier Säulen 

1. Unter www.orangeliste.com können engagierte Bürger oder Haus­eigentümer bundesweit leerstehende Gebäude melden.

2. Das Team von OrangeListe.com be­­wertet die Gebäude nach dem Ampelsystem (rot: nicht mehr zu retten – gelb: Rettung relativ einfach umsetzbar – grün: be­­reits sanierte Objekte als Inspirationsquelle). Die Kategorie orange steht für höchste Dringlichkeit. Hier ist es sozusagen fünf vor zwölf. Bei so eingestuften Gebäuden besteht der größte Handlungsbedarf, um sie zu erhalten.

Julia Stein, Projektleiterin "Orange Liste"
Julia Stein, Projektleiterin "Orange Liste". - © DenkMalRegenerativ

3. Mit dem Experten-Netzwerk aus Planern und Handwerkern vor Ort können Rettungsmaßnahmen initiiert und umgesetzt werden.

4. Ein Komitee aus Schirmherren soll die Kampagne in den gesellschaftspolitischen Diskurs übertragen. Ziel ist es, ein bis zwei Politiker aus allen Bundesländern als Unterstützer zu gewinnen. Neun Landtagsabgeordnete machen bisher mit.

Großes Engagement für bedrohte Häuser

"Wir wollen die richtigen Gebäude mit den richtigen Menschen zusammenbringen. Die Plattform OrangeListe.com übernimmt dabei die Vermittlerrolle", erklärt Projektleiterin Julia Stein. Seit dem Start der Kampagne vor reichlich einem Jahr wurden rund 300 Gebäude eingereicht, rund 160 davon sind kategorisiert und auf einer interaktiven Landkarte mit Standort und kurzen Exposés veröffentlicht. "Oft sind die gemeldeten Gebäude mit sehr emotionalen Ge­schichten verbunden. Die Einreicher verfassen teilweise sehr lange Text, in denen sehr viel Recherche steckt", verweist Stein auf das große Engagement vieler Bürger für gefährdete Häuser.

So wie in Lauda-Königshofen im Main-­Tauber-Kreis, wo sich der Verein Kultur-Gut seit 2004 um den Er­­halt des Buchlerhauses bemüht. Mehr als 10.000 Arbeitsstunden haben die Mitglieder bereits in das denkmalgeschützte Weinhandelshaus im Stadtteil Gerlachsheim investiert. Nun entsteht unter Anleitung von Fachleuten ein Gesamtkonzept, um dem historischen Gebäude eine Zukunft als Kulturhaus zu ermöglichen.

Hackathon zur Denkmalmesse in Leipzig

3D-Scann von Schloss Steinbach in Bad Lausick
3D-Scann von Schloss Steinbach in Bad Lausick. - © DenkMalRegenerativ

Dass es bei der Entwicklung von Rettungsperspektiven auch schnell gehen kann, haben die Initiatoren von OrangeListe.com bei einem Hackathon vergangenen Herbst zur Denkmalmesse in Leipzig unter Be­­weis gestellt. Dabei sind für das Schloss Steinbach im sächsischen Bad Lausick ein 3D-Modell, die Planung mit Energiekonzept und eine Wirtschaftlichkeitsberechnung entstanden. "Was normalerweise zwei Jahre dauert, haben wir mit unseren Netzwerkpartnern in zwei Tagen ge­schafft", berichtet Julia Stein.

Deshalb soll das Netzwerk weiter wachsen, zu dem bereits renommierte Handwerksbetriebe wie die Holzmanufaktur Rottweil, Jako Baudenkmalpflege aus Rot an der Rot oder Kramp & Kramp aus Lemgo ge­­hören. "Vor allem Zimmerermeister sind willkommen, weil sie oft einen Blick für historische Bauten haben und deren Potenzial gut einschätzen können", würde sich Matthias Binninger über Interesse freuen, natürlich auch aus anderen Bau- und Ausbaugewerken.