Demografischer Wandel Altes Deutschland: Worauf sich das Handwerk einstellen muss

Die Nation altert und das Handwerk bekommt das auf vielen Ebenen zu spüren. Wie sich der demografische Wandel auf die Betriebe auswirkt und wie sie reagieren können.

Zwei ältere Herren mit Rollator und Helmen auf der Landstraße.
Deutschland altert. Das hat massive Folgen auf das Handwerk, vom Personal, über Investitionen bis hin zu künftigen Kundengruppen. - © tunedin - stock.adobe.com

Die Statistik spricht für sich. Ende 2024 lebten in Deutschland knapp 83,6 Millionen Menschen. Eine Million sind vergangenes Jahr gestorben, aber nur 690.000 geboren, so die vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Die Nettozuwanderung nach Deutschland, also die Differenz aus Zu- und Abwanderung, kann zwar dieses Geburtendefizit ausgleichen, sie ist aber gesunken. Das Land altert.

Der Blick auf die Altersstruktur der Bevölkerung zeigt, worauf sich das Handwerk einstellen muss. 2025 ist die Gruppe der 60- bis 65-Jährigen mit Abstand die größte – noch in Arbeit, aber nicht mehr lange. Spätestens in fünf Jahren wird der größte Teil dieser Menschen in Rente gehen, seien es Betriebsinhaber oder Beschäftigte. Sie hinterlassen am Arbeitsmarkt eine große Lücke.

Die nachfolgenden Jahrgänge sind deutlich schmaler, was Unternehmer bei der Personalsuche bereits seit Jahren spüren. Schon heute fehlen im Handwerk rund 250.000 Fachkräfte, rechnet der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) im Handwerk. 20.000 Ausbildungsplätze sind unbesetzt. Und in den kommenden fünf Jahren suchen 125.000 Betriebe einen Nachfolger.

Je älter, desto mehr Pflegebedürftige

Neben Inhaber- und Mitarbeiterstruktur verändert die demografische Entwicklung auch die Kundengruppen. Die Babyboomer rücken in ein Alter vor, in dem gesundheitliche Probleme häufiger werden.

Aktuell sind laut Statistischem Bundesamt 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürfig. Bis zum Jahr 2055 rechnet Destatis mit einer Zunahme um 37 Prozent – die Angehörigen der geburtenstärksten Jahrgänge werden älter und das Risiko pflege­bedürftig zu werden, nimmt unter Hochbetagten zu. Unter den 70- bis 74-Jährigen sind rund elf Prozent pflege­bedürftig, in der Altersgruppe ab 90 Jahren sind es 87 Prozent.

Die meisten Pflegebedürftigen leben weiterhin zu Hause und werden von Angehörigen oder ambulanten Pflegediensten in ihrer privaten Umgebung versorgt. In der Mehrzahl der Häuser und Wohnungen sind Umbaumaßnahmen nötig, damit das überhaupt möglich ist.

Handwerkschefs müssen also auf verschiedenen Ebenen auf den demografischen Wandel reagieren: in ihrer Personalführung, in ihren Investitionen und in der Ausrichtung auf die Bedarfe künftiger Kundengruppen.

Alternde Mitarbeiter

Die Belegschaft altert, gleichzeitig sind gute Nachwuchskräfte rar. Um das ­bestehende Personal möglichst lange zu halten, müssen Chefs die Arbeits­bedingungen optimieren. Technische Hilfsmittel wie Exoskelette sind eine Möglichkeit von vielen, um den Körper zu schonen, nicht nur für Ältere. Auch von Ergonomie-Schulungen, in denen gelenkschonendes Verhalten geübt wird, profitieren alle Generationen. Parallel dazu sollten alle Beteiligten über­legen, wie sie durch eine andere Organisation von ­Abläufen und eine Umverteilung der Aufgaben Belastungen reduzieren können, sowohl körperlich als auch psychisch.

Informell findet dies statt, allerdings oft von Jung nach Alt, zeigen Befragungen der Berliner Werkstatt für Sozialforschung. Aus Angst, dass die Jungen die Motivation verlieren könnten, nehmen ­Ältere ihnen schwere Aufgaben ab. Deswegen ist es wichtig, auch die Kommunikation im Betrieb zu v­er­bessern und alle Beteiligten zu befragen, was ihnen die Arbeit erleichtern würde. ­Dabei geht es auch darum, Stress zu reduzieren, denn darauf reagieren Ältere ­besonders empfindlich.

Alternde Chefs

Parallel zur Gesellschaft altern auch die Inhaber im Handwerk. Je nach ­Region und Gewerk variieren die Zahlen. Beispiel Sachsen-Anhalt:
Hier werden bis 2030 jedes Jahr mehr als 1.550 Handwerkschefs das ­Rentenalter erreichen, zeigt der Nachfolgereport des Netzwerks Unter­nehmensnachfolge Sachsen-Anhalt. Das sind 15 Prozent der Einzelunternehmer.

Die meisten Handwerker wollen ihr Lebenswerk an einen Nachfolger ­übergeben. Damit dies gelingt, muss aber der Betrieb "übergabewürdig" sein, sprich zukunftsfähig ausgestattet und entsprechende Gewinne ­abwerfen. Hier liegt das Problem. Vor allem ältere Betriebsinhaber investieren kaum in die Zukunft, zeigen frühere Untersuchungen des Deutschen Handwerksinstituts. Der technische, finanzielle und mentale ­Aufwand lohnt sich für sie zumindest subjektiv nicht mehr. Damit verschlechtern sich aber die Chancen auf eine erfolgreiche Übergabe. Der ­Spitzenverband der Orthopädie­schuhtechnik beispielsweise erwartet, dass sich ein nicht ­unerheblicher Anteil der Betriebsinhaber komplett zurückziehen wird, weil sich die anstehende Umstellung auf die eVerordnung für sie nicht mehr rechnet.

"Menschen sollen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können, in Würde, eigener Verantwortung und aus eigener Kraft."

Daniel Zerweck, Deutsche Gesellschaft für Gerontotechnik

Alternde Kunden

Der Anteil der älteren Kunden steigt, auch im Handwerk. Damit ändern sich auch die Kundengespräche. "Ältere sind Konsumprofis", bereitet Daniel Zerweck von der GGT Deutschen Gesellschaft für Gerontotechnik Handwerker auf kritische Fragen vor. Senioren hätten ein Leben lang Kaufentscheidungen getroffen. Sie wünschten ausführliche Informationen, für Beratungsgespräche müssten sich Handwerker viel Zeit nehmen, auch weil Ältere häufig länger für Entscheidungsprozesse brauchten, so Zerweck.

Wenn Kunden schlecht hören oder nicht gut sehen, braucht es viel ­Geduld, insbesondere in den Gesundheitshandwerken. Der Bundesinnungsverband für ­Orthopädie-Technik betont, wie wichtig Empathie im Umgang mit diesen Kunden ist. "Gerade ältere Menschen sind häufig auf intensive Beratung angewiesen, sei es aufgrund von Vorerkrankungen, eingeschränkter Mobilität oder Unsicherheiten im ­Umgang mit Hilfsmitteln. Eine einfühlsame, geduldige und individuelle Beratung und Versorgung ist daher essenziell."

Andererseits sind Ältere auch eher bereit, für guten Service gut zu bezahlen, vorausgesetzt, sie haben das Geld. Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft im Auftrag des Verbands der privaten Krankenversicherung zeigt, dass Rentenhaushalte im Schnitt über Vermögenswerte in Höhe von knapp 320.000 Euro verfügen. Gleichzeitig ist laut Statistischem Bundesamt fast jeder fünfte Rentner armutsgefährdet. Es ist also wichtig, Kunden bei anstehenden Umbaumaßnahmen auch über finanzielle Fördermöglichkeiten zu informieren.

Altersgerechte Immobilien

Vier von fünf Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, häufig unter schwierigen Bedingungen. Bewohner und Helfer stoßen ständig auf Schwellen und zu schmale Türen, die Badezimmer sind oft sehr eng, insbesondere in städtischen Mietswohnungen. Dabei ist das Bad der wichtigste Ort der privaten Pflege. Der Zentralverband Sanitär Heizung Klima hat in seiner Machbarkeitsstudie Pflegebad nach Lösungen gesucht, die Bewohner und Pflegepersonen entlasten und sich auch in schmalen Schlauchbädern oder engen Gästetoiletten umsetzen lassen.

Ideal ist eine Basis­ausstattung, die unabhängig vom Gesundheitszustand der Bewohner umgesetzt und dann mit geringem Aufwand an sich verändernde ­Bedürfnisse angepasst werden kann. Fatal dagegen ist es, wenn renoviert wird, ohne zu bedenken, dass sich der Gesundheitszustand der Bewohner tendenziell verschlechtert. Die spätere Pflegeunterstützung müsse bei Umbaumaßnahmen immer mitgedacht werden, so die Autoren der Studie. Dazu gehört, dass im Bad immer genügend Platz ist für Hilfsmittel wie Rollstuhl oder Rollator und eine zweite Person, die dem Bewohner am Waschbecken, in der Dusche oder auf der Toilette hilft.