Die Rekordwerte bei den krankheitsbedingten Arbeitsausfällen im Jahr 2023 haben zuletzt Diskussionen über die Arbeitsmoral der Deutschen ausgelöst. Jetzt liegen die ersten Zahlen für 2024 vor und die zeigen in eine andere Richtung – auch im Baugewerbe.

Zu Beginn des Jahres eröffnete Oliver Bäte, Chef des Versicherungskonzerns Allianz, eine hitzige Debatte: Weil die Krankmeldungen im Jahr 2023 auf ein Rekordhoch kletterten, unterstellte er den Deutschen, sie seien ein Volk von Blaumachern. Zwar vermeldete das Statistische Bundesamt einen Höchststand, Krankenkassen wie die DAK sahen hier aber eine Schieflage in der Statistik. Nun veröffentlichten mit der Techniker Krankenkasse (TK) und der DAK-Gesundheit zwei der großen Krankenkassen ihre Analysen für 2024. Das Ergebnis: Die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage ist in Deutschland im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen. Die Zahlen im Bausektor fallen sogar etwas positiver aus.
Generell waren Erwerbstätige im Durchschnitt 19,1 Tage krankgeschrieben. Der Rekordwert von 19,4 Tagen aus 2023 wurde damit unterboten, wie die TK anhand eigener Daten der sechs Millionen versicherten Erwerbstätigen berichtete. Der Krankenstand liege allerdings mit 5,2 Prozent (2023: 5,3 Prozent) weiterhin auf einem hohen Niveau und stagniere. Die Kennzahl gibt an, wie viel Prozent der versicherten Angestellten an einem Kalendertag durchschnittlich arbeitsunfähig erkrankt waren.
Häufigste Diagnosen: Erkältungskrankheiten
Eine aktuelle Analyse des Forschungs- und Beratungsinstituts "IGES" für die DAK-Gesundheit kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Krankentage rückläufig ist. Das Institut wertete die Krankmeldungen von 2,4 Millionen bei der DAK versicherten Beschäftigten aus. Nach durchschnittlich 20 Fehltagen im Jahr 2023 sank der Wert im Jahr 2024 auf 19,7. Zwar sei die Anzahl der Krankmeldungen geringfügig gestiegen, doch die durchschnittliche Fehldauer von 9,7 Tagen fiel im Vergleich zu 10,1 Fehltagen im Jahr 2023 kürzer aus. Laut TK waren Erkältungskrankheiten mit durchschnittlich 4,7 Fehltagen pro Erwerbstätigen die häufigste Diagnose. Dazu zählen beispielsweise grippale Infekte, Bronchitis oder Corona-Infektionen.
Baugewerbe: Weniger Krankenstand, dafür längere Ausfälle
Insgesamt waren bei der DAK an jedem Tag 2024 durchschnittlich 54 von 1.000 Erwerbstätigen krankgeschrieben. Etwas unter dem Schnitt wie auch schon 2023 liegt der Bausektor. Bei 5,0 Prozent liegt hier der Krankenstand, also 50 Krankheitsfälle pro 1.000 Versicherter. Und die Arbeiter des Baugewerbes waren im Mittel auch 1,6 Tage weniger krank. Die Falldauer, also die Anzahl der Tage pro Erkrankung, war dagegen minimal höher (10,1 zu 9,7 Tage).
Weniger Rückenschmerzen, mehr Depressionen
Branchenübergreifend verzeichneten beide Kassen im Jahr 2024 einen Rückgang bei den Krankschreibungen wegen Beschwerden wie Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfall. Etwas mehr Fehltage gab es dagegen bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen: Im Jahr 2024 wurden bei der TK durchschnittlich 3,8 Fehltage je Erwerbsperson aufgrund psychischer Krankheitsbilder registriert, 2023 waren es noch 3,6 Fehltage. Die DAK beobachtete einen Anstieg der durchschnittlichen Fehlzeiten von 3,2 auf 3,4 Tage.
Deutschland nicht "Europameister", aber im gehobenen Mittelfeld
Deutschland sei mittlerweile "Weltmeister bei den Krankmeldungen", hatte wie berichtet Allianz-Vorstandschef Oliver Bäte zu Jahresbeginn verlautbaren lassen. Basis seiner Begründung war einerseits der Anstieg der Krankenstände im Jahr 2023, wie auch ein Ländervergleich der Untersuchungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Doch der EU-Vergleich hinkt: Die unterschiedlichen Methoden zur Erfassung der Fehltage in den Ländern machten bislang einen Vergleich der Krankenstände in Europa unmöglich.
Eine für 2024 eingeführte einheitliche Befragung des OECD in den Ländern stellt die Vergleichbarkeit jetzt auf stabilere Füße. Ziel des Fragebogens ist die Identifikation, wie viel der wöchentlichen Arbeitszeit durch Krankheit in den Ländern anteilig verloren gehe. "Die Untersuchung unterstreicht, dass Deutschland entgegen anderen Behauptungen doch nicht Europameister beim Krankenstand ist", erklärt DAK-Chef Andreas Storm. Allerdings zeige die aussagekräftigere OECD-Studie zu den wöchentlichen Arbeitszeitausfällen, dass sich Deutschland hier im oberen Mittelfeld bewege.
Positives Signal und falscher Fokus
Storm bezeichnete es aber als "ein erstes positives Signal", dass der Krankenstand 2024 nicht gestiegen, sondern leicht gesunken sei. Die kommenden Jahre würden zeigen, ob sich daraus eine Trendwende entwickle. Jens Baas, der Leiter der TK, äußerte, dass die aktuelle Diskussion über den hohen Krankenstand nicht zielführend sei. "Statt über sofortige Lösungen für Beschäftigte mit kurzen Fehlzeiten zu diskutieren, sollten Arbeitgeber vielmehr die Langzeiterkrankten in den Fokus rücken."