Florale Handwerkskunst Die Grande Dame aus dem Zipfelhaus

Von Acker-Gauchheil bis Hasenschwanzgras: Christiane Schlüssel bewahrt das Kunsthandwerk der Blütenbildnerei. Ihre Bücher und Kalender erfreuen sich einer beständigen Beliebtheit. Sie führen die Zipfelhaus-Tradition im erzgebirgischen Auerbach fort.

Blütenbildnerin Christiane Schlüssel
Im Winter ist es kühl im Atelier von Christiane Schlüssel. Das hält die 87-jährige Blütenbildnerin aber nicht von der Arbeit ab. - © Ulrich Steudel

Im vergangenen Jahr lüftete Christiane Schlüssel ein lang gehütetes Geheimnis. Denn der Kalender für 2024 sollte eigentlich der letzte sein mit ihren Blütenbildern. Da wollte sie endlich verraten, aus welcher Pflanze die kleinen Katzen ge­macht sind. Nicht aus Weidenkätzchen formt sie ihr Lieblingsmotiv, wie viele der treuen Anhänger ihrer Handwerkskunst vermuteten. Sie be­nutzt dafür das Hasenschwanzgras, das früher in der DDR gerne für Trockensträuße hergenommen wurde.

Für das gerade begonnene Jahr gibt es nun aber doch wieder einen neuen Blütenbilder-Kalender mit Motiven von Christiane Schlüssel. Trotz ihrer 87 Jahre mag sich die Erzgebirgerin nicht zur Ruhe setzen. "Die Nachfrage ist so groß. Da kann ich doch nicht einfach aufhören. So lange es geht, möchte ich weiter­machen", sagt die zierliche Frau voller Zuversicht.

Christiane Schlüssel könnte man als Grande Dame der Blütenbildnerei bezeichnen. Mit ihrem Schaffen führt sie eine Tradition fort, die von ihrer Mutter Hildegard Vogel vor mehr als 80 Jahren im erzgebirgischen Auerbach begründet wurde und unter der Marke Zipfelhaus internationale Be­kanntheit erlangte. Zwar liegt die Blütezeit der Zipfelhauswerkstatt schon länger zurück, aber das Kunsthandwerk, getrocknete Blüten, Gräser, Moose oder Farne zu farbenfrohen Bildern zu arrangieren, erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit.

Und so geht Christiane Schlüssel trotz des Alters noch immer ihrer Arbeit nach. Sie presst und trocknet Pflanzen, empfängt Kunden im kleinen Verkaufsraum, kümmert sich um den Versand der Waren, die über die Internetseite des Zipfelhauses be­­stellt werden. Sie koordiniert den Druck von Büchern, Kalendern, Grußkarten oder Leporellos mit ihren Blütenbildern, für die die ehemalige Cheflektorin des Berliner Kinderbuchverlages Katrin Pieper bis heute einfühlsame Texte beisteuert.

Zipfelhaus mit langer Geschichte

Langes Stehen fällt Christiane Schlüssel mittlerweile schwer, beim Gehen hilft bei Bedarf ein Rollator. Aber wenn sie sich in ihrem Atelier an den Arbeitstisch setzt, vor sich ein Blatt handgeschöpftes Büttenpapier und umgeben von vielen winzigen Pflanzenteilen, dann fühlt sie sich in ihrem Element. Kein Zittern, wenn sie sicheren Auges mit der Pinzette nach den oft nur millimetergroßen Blütenschnipseln greift, während in der anderen Hand ein Leimpinsel zwischen den Fingern klemmt. Wenn aus dem Wirrwarr an floralen Miniaturen wie bei einem Puzzle innerhalb weniger Minuten ein farbenprächtiger Pfau er­wächst, der später eine der Zipfelhaus-Grußkarten zieren wird.

Die Geschichte der Blütenkunst aus Auerbach im Erzgebirge reicht bis in die frühen 1940er-Jahre zu­­rück. Damals schuf Hildegard Vogel ihre ersten Blütenbilder, inspiriert von den blütenbesetzten Briefbögen aus der Biedermeierzeit, die die Kindergärtnerin aus den Museen ihrer Heimatstadt Dresden kannte. Ge­­dacht als kleine Geschenke, er­regte ihre Kunst schnell regionale Aufmerksamkeit. Die Saat war gelegt, mit dem ersten Auftritt auf der Leipziger Messe 1948 sollte sie aufgehen. "Die Messe wurde für uns zu einem Verkaufsschlager. In der Nachkriegszeit sehnten sich die Menschen nach allem Schönen", erinnert sich Christiane Schlüssel an ihre Kindheit. 

Liebe zur Natur früh geweckt

Christiane Schlüssel mit ihrer Mutter Hildegard Vogel
Christiane Schlüssel mit ihrer Mutter Hildegard Vogel, die die Tradition der ­Blütenbilder aus dem Zipfelhaus begründet hat. - © Archiv Zipfelhaus

Hier wurzelt ihre Liebe zur Natur, zu Tieren und Blumen ebenso wie zur Kunst. Ihr Vater Hellmuth Vogel, Dorfschullehrer und Reformpädagoge, pflegte persönliche Kontakte zu Künstlern wie dem österreichischen Maler Alfred Kubin und bemühte sich gleichzeitig um die Bewahrung der heimischen Volkskunst wie dem Auerbacher Fensterbrettl. Mutter Hildegard korrespondierte mit dem berühmten Gartenphilosoph und Staudenzüchter Karl Foerster, dessen Bücher für sie eine wichtige Inspirationsquelle waren.

Derweil stieg die Nachfrage nach den Blütenbildern rasant an. Erste Mitarbeiterinnen wurden eingestellt, die sich in der Vogelschen Wohnung im sogenannten Zipfel unterhalb des Abtwaldes drängten. 1957 wurde das neugebaute Zipfelhaus eingeweiht, 1972 der Betrieb schließlich zwangsverstaatlicht. Da arbeitete Christiane Schlüssel längst an der Seite ihrer Mutter, hatte schon als 22-Jährige die Produktionsleitung übernommen. Auch im VEB Kunstwerkstatt Zipfelhaus übernahm sie als Direktorin Verantwortung für rund 40 Mitarbeiter, die einem Beruf nachgingen, den es offiziell gar nicht gab. Neue Lehrlinge absolvierten daher eine Ausbildung zur Blumenbinderin. "Heute würde man Floristin sagen, dabei klingt Blumenbinderin viel schöner", bedauert Christiane Schlüssel, die sich selbst zur Blumenbindermeisterin qualifizierte.

Mit der Tätigkeit im Zipfelhaus hatte der Lehrberuf allerdings wenig zu tun. Die hauptsächlich weiblichen Beschäftigten rahmten die Bilder ein oder arbeiteten als Kopisten nach den Entwürfen von Hildegard Vogel. Rund 2.000 Bildmotive haben sich im Laufe der Jahre angesammelt.

Verlust an Biodiversität

Für Abwechslung sorgten Arbeiten im Garten, wo viele der benötigten Pflanzen gezüchtet wurden. Andere sammelten die Zipfelhäusler in der Natur. Jeden Sommer ging es im Firmenwagen der Marke Moskwitsch nach Thüringen, sobald dort der Feldrittersporn blühte. Wenn sich im nahen Geyer die ersten Stiefmütterchen zeigten, folgten die Sammler dem Blumenreigen in immer größere Höhenlagen bis hinauf an den Erz­gebirgskamm bei Oberwiesenthal.

Steinklee, Färberkamille, Fingerhut, Pfeifenwinde, Akelei, Ringel­blumen, Dahlien, Malven, Königskerze, Gänseblümchen oder Acker-­Gauchheil – rund 360 verschiedene Pflanzen bilden die Basis für die Blütenbilder. "Inzwischen kann ich viele der Wildpflanzen gar nicht mehr finden, weil sie als Unkraut bekämpft werden. Sobald in den Straßengräben das Labkraut blüht, wird es abgemäht", klagt Christiane Schlüssel über den Verlust an Bio­diversität. 

Unmittelbar nach der Wende, im Frühjahr 1990, wurde das Unternehmen reprivatisiert. Der Neustart war schmerzlich, 27 Mitarbeiterinnen mussten entlassen werden, nur sechs konnten im Betrieb bleiben. "Zum Glück haben die meisten in Blumengeschäften schnell wieder Arbeit gefunden", sagt Christiane Schlüssel. Die Blütenbilder hatten nach diesem Einschnitt aber keineswegs an Strahlkraft verloren, wie sich auf der Internationalen Handwerksmesse oder der "Heim und Handwerk" in München zeigen sollte. Vor allem das Interesse aus Japan war groß. Einladungen in das Land folgten, wo Christiane Schlüssel ihre Kunst nicht nur präsentierte, sondern auch unterrichtete – Ikebana auf erzgebirgisch.

Davon und von ihrem internationalen Renommee zeugte auch die Ausstellung, die Christiane Schlüssel kürzlich mit Exponaten aus ihrer Sammlung organisiert hatte. "Blütenkunst aus aller Welt" konnten die Besucher im Auerbacher Heimatmuseum bestaunen, zusammengetragen von einer reiselustigen Blütenkünstlerin, die bei einem Wettbewerb der International Pressed Flower Art Society unter weltweit 18.000 Teilnehmern den zweiten Platz gewonnen hat. Und wer seine Wohnung mit ihrer Handwerkskunst auch künftig schmücken möchte, darf sich auf 2026 freuen. Dann wird es den nächsten Blütenbilder-Kalender geben.