Geflüchtete im Handwerk Streit um Migration: Wie wichtig ist Zuwanderung fürs Handwerk?

Wenige Themen spalten die Nation derzeit so stark wie die Frage nach Migration. Bringt sie das Land finanziell und sozial aus dem Tritt oder lindert sie die Folgen des demografischen Wandels? Ein differenzierter Blick aus der Perspektive des Handwerks.

Deutsche Grenze in Frankfurt/Oder
Im Streit um Migration geht es derzeit auch um die Frage, wie mit dauerhaften Grenzkontrollen, Zurückweisungen oder Abschiebehaft umzugehen ist. - © LoCrew - stock-adobe.com

Der Anschlag von Aschaffenburg zeigt tiefe Wirkung. Ein ausreisepflichtiger, offensichtlich psychisch kranker Mann aus Afghanistan hatte zwei Menschen mit einem Messer getötet und weitere verletzt. Durch diese Tat hat die Debatte um Fluchtmigration den Streit um Wirtschaftskompetenz im Bundestagswahlkampf abgelöst. Tatsächlich lassen sich beide Themen aber nicht strikt trennen, wie schon eine frühere Diskussion zeigte.

Unmittelbar nach dem Sturz des Assad-Regimes am 8. Dezember 2024 waren Forderungen laut geworden, syrische Geflüchtete sollten alsbald die Bundesrepublik verlassen. Die Handwerkskammer Ulm reagierte sofort. "In unseren Betrieben haben wir in den letzten fünf bis sieben Jahren rund 260 junge Menschen allein aus Syrien zu Fachkräften ausgebildet. Sie sind ein wichtiger Bestandteil unserer Belegschaften und Betriebe", warnte Hauptgeschäftsführer Tobias Mehlich vor voreiligen und undifferenzierten Rückführungen. Die Betriebe würden ohne die Arbeitskraft dieser Personen geschwächt.

Welche Rolle spielen also Migranten im deutschen Handwerk, wie wichtig oder wie belastend sind sie und welchen Unterschied macht es aus Sicht der Handwerksbetriebe, ob ein Migrant Fluchthintergrund hat oder zum Erwerb eingereist ist?

Zwei Perspektiven zu Migration

Zwei grundsätzliche Perspektiven zum Thema gibt es. Die eine Seite bewertet (insbesondere Flucht-) Migration aus dem Blickwinkel der Kosten für die Sozialsysteme und der sozialen Gefahren. Die andere Seite verweist auf die Bedeutung von Migranten, die das demografisch bedingte Schrumpfen der Nation abbremsen, den Personalmangel lindern und die zudem wichtige Einzahler in selbige Sozialsysteme sind, egal ob aus gesteuerter Erwerbsmigration oder aus Fluchtmigration.

Beide Perspektiven lassen sich durch Zahlen belegen. Der Anteil der Migranten an der Erwerbsbevölkerung wächst in Deutschland seit Jahren kontinuierlich. 2023 trugen nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) ausschließlich Ausländer dazu bei, dass die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Deutschland wuchs, um 380.000. Die Zahl der deutschen Beschäftigten ist im gleichen Zeitraum um 77.000 ge­schrumpft. Ein Fünftel der aktiv Versicherten in der Deutschen Rentenversicherung hatten 2022 eine ausländische Staatsbürgerschaft, waren also Einzahler.

Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote unter Migranten deutlich höher als unter deutschen Staatsangehörigen. Damit belasten sie die Sozialsysteme. Von den rund 5,5 Millionen Bürgergeldempfängern in Deutschland haben laut BA 2,6 Millionen keine deutsche Staatsbürgerschaft, darunter allerdings ein erheblicher Anteil im nicht-erwerbsfähigen Alter.

Geflüchtet oder ausgewandert

Zahlen zu Beschäftigten mit Migrations- oder Fluchthintergrund im Handwerk werden statistisch nicht gesondert erfasst. Allerdings ermittelt der Mikrozensus Daten, die auf den Anteil von Migranten im Handwerk hindeuten. Laut dieser jährlich stattfindenden kleinen Bevölkerungszählung arbeiteten 2023 im Hochbau insgesamt 496.000 Menschen, davon 204.000 mit Einwanderungsgeschichte, also über 40 Prozent. Im Reinigungsgewerbe stammten von 1.145.000 Beschäftigten 60 Prozent nicht aus Deutschland und in der SHK-Branche hatten von 274.000 Beschäftigten 56.000 Migrationshintergrund, also über 20 Prozent.

Exakte Zahlen gibt es zu Auszubildenden im Handwerk. Hier wird nach nicht-deutscher Staatsangehörigkeit sowie nach den acht wichtigsten Asylherkunftsländern unterschieden. Für die vergangenen fünf Jahre waren das Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. Von den insgesamt 342.600 Auszubildenden im Handwerk 2023 hatten demnach 43.600 keine deutsche Staatsangehörigkeit, 16.800 kamen aus einem der acht Top-8-Asylländer.

Grafik Migranten häufiger arbeitslos
© Quelle: IAB Zuwanderungsmonitor Dezember 2024, Grafik Holzmann Medien
Grafik Zwei Drittel kommen in Arbeit
© Quelle: IAB-Studie "Erfolgreiche Integration", Grafik: Holzmann Medien

Das Handwerk spiele eine zentrale Rolle als Integrationsmotor der deutschen Wirtschaft, betont der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Zwar sei der Anteil an Geflüchteten im Handwerk seit 2020 rückläufig, was der ZDH mit gesunkenen Geflüchtetenzahlen erklärt sowie dem Abschluss vieler Ausbildungen derjenigen, die ab 2014 eingereist waren. Ohne Azubis mit ausländischer Staatsangehörigkeit wäre der Anteil unbesetzt bleibender Ausbildungsstellen im deutschen Handwerk laut ZDH aber noch höher.

Bürokratie behindert Betriebe bei Integration

2023 fanden Ausbilder für 13 Prozent ihrer Stellen keinen Kandidaten. In wichtigen Mangelberufen des Handwerks ist der Ausländeranteil unter Auszubildenden überdurchschnittlich hoch; in den Elektro- und SHK-Gewerken liegt er bei rund 14 Prozent, im Friseurhandwerk bei über 35 Prozent und bei den Malern und Lackierern bei knapp 17 Prozent. Allerdings ist die Beschäftigung oder Ausbildung von Migranten aus Drittstaaten für die Betriebe mit Problemen verbunden. "Bei uns arbeiten Menschen aus sieben Nationen, aus Bosnien, Syrien, Italien, Kroatien, Tschechien, der Türkei und natürlich Deutsche", sagt Claudia Brandstädter, Chefin von 16 Mitarbeitern in Friedberg bei Augsburg. "Mit den Menschen habe ich nur positive Erfahrungen gemacht. Aber die bürokratischen Hürden sind so riesig, dass man als kleines Unternehmen wirklich an seine Grenzen kommt, wenn man jemanden rechtssicher beschäftigen will", kritisiert die Prokuristin von e-koris.

Dass institutionelle Hürden Integration behindern, bestätigt auch Yuliya Kosyakova. Sie forscht am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung über die Integration von Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt. "Das verläuft viel besser als man es basierend auf Erfahrungen mit früheren Geflüchteten-Kohorten erwarten konnte und auch als es die öffentliche Diskussion vermittelt", sagt die Wissenschaftlerin. Die Gruppe der Geflüchteten erreiche eine Beschäftigungsquote von 70 Prozent, also vergleichbar mit der Durchschnittsbevölkerung. Allerdings dauere es, gerechnet vom Zeitpunkt der Einreise bis zum Erreichen der Quote,14 Jahre, doppelt so lange wie bei anderen Migranten.

Neben individuellen Hürden – unvorbereitete Flucht aus Kriegs- und Krisenregionen oder Familienkonstellationen – seien es institutionelle Hürden, die Integration verlangsamten: Beschäftigungsverbote, Wohnsitzauflagen, die Verteilung von Geflüchteten auf Kreise mit ungünstigen Arbeitsmarktbedingungen sowie langwierige Anerkennungsverfahren mitgebrachter Qualifikationen. Positiv wirkten dagegen Integrations- und Berufssprachkurse, Berufs- und Arbeitsmarktberatung, ein Willkommensgefühl und ein zügiger und positiver Abschluss des Asylverfahrens.