Die meisten Handwerkskammern wurden vor 125 Jahren gegründet – um die Qualität der Ausbildung zu bewahren und weil es sich als schwerer Fehler erwies, dass jeder nach Lust und Laune ein Handwerk ausüben konnte. Ein Blick in die Historie des Handwerks.

Am Anfang stand eine Verordnung Wilhelms II. Der deutsche Kaiser verfügte 1897: "Zur Vertretung der Interessen ihres Bezirks sind Handwerkskammern zu gründen." Nachdem das Parlament zugestimmt hatte, konnte die erneuerte Reichsgewerbeordnung in Kraft treten. Das war die Geburtsstunde der modernen Handwerksorganisation: mit ihrem für Außenstehende undurchschaubaren, aber wirkungsvollen Zusammenspiel von Innungen, Fachverbänden, Kammern und Spitzenorganisationen.
Vom 1. April 1900 an, überwiegend sogar an diesem Tag, entstanden auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches 71 Kammern. Die Handwerkskammer für München und Oberbayern war bereits im Jahr zuvor gegründet worden. In Sachsen gab es bereits seit 1863 Gewerbekammern, ebenso in den drei Hansestädten Hamburg, Bremen und Lübeck.
Die Reform von 1897 war die Antwort der Politik auf Missstände, unter denen die Wirtschaft Ende des 19. Jahrhunderts litt. Denn dem Deutschen Reich gingen die Fachkräfte aus. Die Qualität der Waren und Dienstleistungen verlotterte. Die bei Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 gültige schrankenlose Gewerbefreiheit – jedermann konnte nach Lust und Laune ein Handwerk ausüben – erwies sich als schwerer Fehler. Das berufliche Erziehungswesen verfiel, die Ausbildung krankte oder fand gar nicht mehr statt. Eine Organisation, die die Qualität der Lehre hätte überwachen können, existierte nicht.
Schrankenlose Gewerbefreiheit erwies sich als Fehler
"Die Wiedereinführung geregelter Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen wurde von Politikern wie Handwerksmeistern als einzig Erfolg versprechender Weg aus dem wirtschaftlichen Qualitäts-Dilemma gesehen", schreibt Herbert Blume in seinem Buch "Ein Handwerk – eine Stimme". Deshalb nahm die Aus- und Weiterbildung im Handwerksgesetz von 1897 eine Schlüsselstellung ein – und ist bis heute Kernaufgabe der Handwerkskammern. "Dieses Gesetz ist eine Art Geburtsstunde des dualen Systems", analysiert der Handwerkshistoriker Thomas Felleckner.
Der Gesetzgeber beschloss also, die freie Berufswahl einzuschränken, um die Qualität der Ausbildung zu verbessern. Diese Aufgabe sollte den Kammern zufallen. Ihnen wurde die Aufsicht über das Lehrlingswesen und die Bildung von Prüfungsausschüssen übertragen. Weiter ging das Handwerksgesetz von 1897 nicht. Lang gehegte Ziele erreichte die Handwerksorganisation dennoch, aber durch eine Strategie, die heute als "Salamitaktik" bezeichnet würde.
Kräfte früh gebündelt
Der "Kleine Befähigungsnachweis", nach dem niemand Lehrlinge ausbilden darf, der nicht selbst eine Meisterprüfung gleich in welchem Gewerk bestanden hat, kam 1908. Der "Große Befähigungsnachweis" folgte 1935. Er machte den Meistertitel zur Voraussetzung, einen Handwerksbetrieb zu führen und Lehrlinge im erlernten Beruf auszubilden.
Mit dem "Grundgesetz des Handwerks" von 1897 und der Gründung der Handwerkskammern wurden die Kräfte des Handwerks früh gebündelt. Der Gesetzgeber zeigte sich entschlossen, die Mittelstandspolitik des "eisernen Kanzlers" Otto von Bismarck zu verbessern, indem die Qualität der Facharbeiter in den Vordergrund gestellt wurde.
Zweischneidige Politik Otto von Bismarcks
Bismarcks Politik war aus Sicht des Handwerks zweischneidig gewesen. Die Gewerbefreiheit hatte fatale Folgen. Gleichzeitig wurde das Eisenbahnnetz ausgebaut. Zölle schützten kleine Betriebe vor internationaler Konkurrenz. Bismarcks Sozialgesetzgebung führte zur Befriedung der Arbeiterschaft und beugte sozialen Unruhen vor. Doch Bismarck ging auch hart gegen Sozialisten vor – und hier kommt das Handwerksgesetz von 1897 ins Spiel, wie der Historiker Felleckner betont. "Man muss bedenken, dass sehr viele der ersten sozialdemokratischen Ortsgruppen damals von Handwerksgesellen gegründet und geleitet wurden. Bismarck war bis 1890 Reichskanzler. Genauso lange galten seine Sozialistengesetze, durch die politisch organisierte Arbeitnehmer und Sozialdemokraten als Reichsfeinde bekämpft und verfolgt wurden." Und dann wird nach Bismarcks Tod mit der Handwerkskammer eine Selbstverwaltungsorganisation mit Arbeitnehmerbeteiligung gegründet. Felleckner ordnet die Tragweite ein: "Eine Selbstverwaltungsorganisation mit Mitbestimmung durch Arbeitnehmer – das war ganz außergewöhnlich für diese Zeit. Die Kammern waren von Anfang an eine moderne, zukunftsweisende Einrichtung."
Und sie haben sich seit ihrem Gründungsjahr 1900 weiterentwickelt. Zum Lehrlingswesen sind Aufgaben wie die Führung der Handwerksrolle, die Betriebsberatung, die Imagekampagne hinzugekommen. Historiker Felleckner sieht in der "Fähigkeit, sich anzupassen und zu verändern" den wichtigsten Grund, warum sich das Handwerk über die Jahrhunderte behauptet hat und oft gestärkt aus Krisen hervorgegangen ist.
Auch Martin Burgi, Professor für Öffentliches Recht in München, hat dafür eine Erklärung: "Die Handwerkskammern verstehen die Handwerkswirtschaft besser als Bund und Länder und sie unterstützen die Wirtschaft nach Kräften, aber nicht aus Eigennutz."
Gesetzliche Meilensteine
- 1897: Mit Änderung der Gewerbeordnung tritt die erste deutsche Handwerksordnung in Kraft
- 1953: Mit dem "Gesetz zur Ordnung des Handwerks" hat Westdeutschland wieder eine Handwerksordnung
- 1965: Handwerksähnliche Gewerbe werden eingeführt
- 2004: Abschaffung der Meisterpflicht in 53 von 94 Handwerksberufen
- 2020: Wiedereinführung Meisterpflicht in zwölf zuvor zulassungsfreien Handwerken