Immer mehr Unternehmer in Deutschland finden laut KfW keinen Nachfolger und denken über die Schließung ihres Betriebs nach. Handwerksbetriebe stehen im Vergleich etwas besser da. Die Auswertung im Detail.

Die Zahlen sind alarmierend: Die Unternehmer-Generation wird immer älter und plant in naher Zukunft den Rückzug. Dabei spielen immer mehr Unternehmer mit dem Gedanken, mangels Nachfolger den Betrieb stillzulegen. Zu diesem Schluss kommt die staatliche Förderbank KfW, die seit mehr als 20 Jahren regelmäßig Daten im Mittelstand erhebt.
Demnach droht allein in diesem Jahr 231.000 mittelständischen Unternehmen in Deutschland das Aus, der Wunschtermin für die Übergabe noch 2025 scheint sich mangels Kandidaten für sie nicht zu erfüllen. Das sind 67.500 mehr als im Vorjahr und somit sechs Prozent der 3,84 Millionen Mittelstandsunternehmen. Beinahe ebenso viele (215.000) spielen mit dem Gedanken einer Unternehmensnachfolge, knapp ein Drittel war hier bereits erfolgreich. Aber das Fazit der Auswertung bleibt: Wo früher Unternehmer am Ende der Karriere fast ausschließlich die Option Nachfolger prüften, spielen heute vielmehr gleich mit dem Gedanken der Stilllegung – vermeintlich aus Mangel an geeigneten Nachfolgern.
Wirft man einen Blick auf die Sparte der mittelständischen Handwerksbetriebe, wird deutlich: Auch im Handwerk ist die Nachfolge-Problematik akut, wenn auch die Branche im Vergleich etwas besser da steht. 1,01 Millionen zählt die KfW an Handwerksbetrieben. Bis Jahresende wünschen sich davon rund 60.000, das Unternehmen in die Hände eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin zu legen. Mehr als die Hälfte hat dies bereits erfolgreich geregelt oder ist in aussichtsreichen Gesprächen. Fast ebenso viele, nämlich 60.400 Eigentümer, planen oder erwägen eine Stilllegung des Betriebs; ein Drittel davon allerdings ungewollt aus Mangel an Kandidaten.
Hauptgründe für den Rückzug: Alter und mangelndes Interesse der Familie
"Der Mittelstand als Ganzes sieht sich einem Missverhältnis zwischen Nachfolgewünschen und Nachfolgeinteresse gegenüber. Und dieses Missverhältnis wird größer. Das Handwerk kann sich dem natürlich nicht entziehen", erklärt KfW-Mittelstandsexperte Michael Schwartz der Deutschen Handwerks Zeitung. Und die Tendenz, sich weniger für Nachfolgelösungen als für eine Geschäftsaufgabe zu entscheiden, sei auch im Handwerk messbar.
Laut KfW ist der Hauptgrund für Schließungspläne das Alter, gefolgt von der mangelnden Übernahmebereitschaft innerhalb der Familie. Das Durchschnittsalter der mittelständischen Unternehmer liegt bei 54 Jahren. 39 Prozent der Inhaber sind 60 Jahre und älter – in der deutschen Gesamtbevölkerung sind es lediglich rund 30 Prozent. Die Erkenntnis: Die demographische Entwicklung bei den Inhabern schreitet noch schneller voran, als in Deutschland generell.
Chefs im Handwerk im Vergleich noch jünger
Und hier kommt ein Vorteil des Handwerks ins Spiel – die Betriebsleiter sind noch jünger. Zwar ist der Altersdurchschnitt aller Handwerksbetriebe nur marginal geringer – circa ein Jahr – aber gleich drei Jahre beträgt der Unterschied bei denjenigen Unternehmern, die binnen fünf Jahre ihren Betrieb übergeben wollen (59 zu 62 Jahre im Schnitt). Michael Schwartz macht klar: "Das ist enorm. Und mag auch erklären, weshalb sich gegenwärtig weniger Handwerksunternehmen grundsätzlich mit Rückzugsplänen beschäftigten als im gesamten Mittelstand. Der Druck scheint noch etwas geringer zu sein."
Engpass: Wenige Gründer und Übernahmewillige treffen auf mehr Betriebe
Generell liegt der Engpass darin, dass zu wenig Gründer und Gründungswillige nachrücken. Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass von den ohnehin zu wenigen ein noch kleinerer Teil überhaupt interessiert ist, in bestehende Unternehmensstrukturen einzusteigen. Derzeit gibt es im gesamten Mittelstand jährlich weniger als halb so viele Übernahmegründungen wie Nachfolgeangebote.
Die KfW empfiehlt: frühzeitig und mehrgleisig planen
Entsprechend frühzeitig sollten Unternehmer sich mit dem Thema Nachfolge beschäftigen. Nachfolgeprozess und Fragen von Finanzierung wie auch steuerlicher und rechtlicher Gestaltung seien zeitintensiv und erforderten gute Beratung. "Den größten Erfolg verspricht frühzeitiges Engagement – gepaart mit realistischen Vorstellungen und Ansprüchen in Sachen Nachfolgekandidat und Kaufpreis", sagt KfW-Experte Schwartz. Auch das Loslassen vom eigenen Lebenswerk sei ein wichtiger Punkt.
Dazu kommt der strukturelle Mangel an Kandidaten: "Hier kann hilfreich sein, von Anfang an mehrere Varianten parallel zu denken: Familie, Management, externer Verkauf, Mitarbeiter", empfiehlt Schwartz. Wer in der Befragung im vergangenen Jahr seine Ruhestandspläne für 2025 ankündigte und die Nachfolge bislang nicht regeln konnte, dem bleiben nur zwei Optionen: den Betrieb schließen oder den Ruhestand aufzuschieben.
Nachfolgewünsche und Stilllegungspläne im mittelständischen Handwerk in den Jahren 2024 und 2025
(In Klammern die Zahlen des gesamten Mittelstandes)
- Rückzug und Nachfolge angestrebt: 60.600 (215.000)
- Davon haben erfolgreich die Nachfolge geregelt: 21.000 (60.000)
- Davon sehen gute Chance auf erfolgreiche Nachfolgesuche: 13.000 (58.000)
- Stilllegung geplant oder ernsthaft erwogen: 60.400 (231.000)
- Davon Nachfolgepläne vermutlich nicht umsetzbar: 21.000 (43.000)
Anmerkungen: Die zur Gesamtzahl von 60.600 (215.000) geplanten Nachfolgen fehlenden Unternehmen befinden sich derzeit in der Phase der Informationsbeschaffung.
So planen die Handwerksbetriebe die Nachfolge nach ihrem Rückzug
(Im Vergleich zum Mittelstand)
- Aktuell keine Rückzugsplanungen: 50 Prozent (43 Prozent)
- Aktuell Nachfolge angestrebt, wenn Rückzug aus dem Unternehmen: 24 Prozent (33 Prozent)
- Stilllegung ist eine ernsthaft erwogene Option: 3 Prozent (9 Prozent)
- Definitive Stilllegung des Unternehmens geplant: 23 Prozent (15 Prozent)
Geplanter Rückzugszeitpunkt der Handwerksunternehmer
(im Vergleich zum Mittelstand)
- Innerhalb der kommenden 2 Jahre: 6 Prozent (6 Prozent)
- In 3 bis 5 Jahren: 5 Prozent (8 Prozent)
- In 6 bis 10 Jahren: 8 Prozent (11 Prozent)
- Über 10 Jahre: 5 Prozent (8 Prozent)
Zur KfW-Mittelstandsbefragung
Mit einer Datenbasis von bis zu 15.000 Unternehmen pro Jahr stellt das KfW-Mittelstandspanel die einzige repräsentative Erhebung im deutschen Mittelstand und damit die wichtigste Datenquelle für mittelstandsrelevante Fragestellungen dar. Rund 3,84 Millionen Mittelstandsunternehmen zählt die KfW, davon sind rund 1.010.000 mittelständische Handwerksunternehmen. Seit 2003 werden im KfW-Mittelstandspanel jährlich Befragungen durchgeführt. Die aktuellen Daten fußen auf knapp 10.000 Rückmeldungen und wurden im Frühjahr 2024 erhoben.