Michael Wenzel aus Dresden ist Geigenbaumeister. Er hat sich jedoch über viele Jahre vor allem auf die Restaurierung und Klangperfektion spezialisiert. 25 Jahre lang baute er keine eigene Geige – bis er sich in diesem Jahr dazu entschloss, an einem internationalen Geigenbauwettbewerb in Italien teilzunehmen. Dieser Schritt verlieh seinem Handwerk eine neue Ausrichtung.

Michael Wenzel ist Geigenbaumeister mit einer außergewöhnlichen Leidenschaft für sein Handwerk und einem tiefen Verständnis für die Bedeutung von Tradition. Nicht nur während seiner Arbeitszeit befasst er sich mit Geigen: Selbst im Urlaub besucht er regelmäßig Zunftkollegen, knüpft neue Kontakte und tauscht sich aus. Er hat keinen Beruf, sondern eine Berufung, wie Wenzel sagt. Dieses große Interesse an seinen Instrumenten, führte ihn dieses Jahr nach Italien. Eher aus einer Laune heraus. Aber nicht etwa um Urlaub zu machen, ihn juckte die Herausforderung.
Die Hände bauen, die Ohren entscheiden
Sein feines Gespür für Klang und Frequenzen machen Wenzel zu einem Meister seiner Zunft. Er erklärt: "Klang ist wie eine bunte Blumenwiese. Eine rein rote Wiese ist schön, eine rein blaue auch – aber erst die Mischung, die bunte Wiese, ist das Besondere und Schöne." Um dieses einzigartige Attribut zu erreichen, müssen viel Erfahrung und Arbeit in das Instrument fließen.
Seine Fingerfertigkeit und sein exaktes Gehör durfte er bei der "Triennale Antonio Stradivari" in Cremona, Italien, beweisen, einem internationalen Wettbewerb, an dem fast 1.000 Instrumentenbauer aus aller Welt teilnahmen. Im Vorfeld des Wettbewerbs hatte Wenzel zwei Geigen gebaut. Welche er einschicken würde, entschied er beim Vorspielen. Er arbeitet eng mit Musikern zusammen, die seine Werkstücke anspielen, damit er sich voll und ganz auf den Klang konzentrieren kann.
Strenge Auswahl nach harten Kriterien
Die eingesandte Geige musste strengen Kriterien standhalten, aufgrund derer viele andere Teilnehmer gar nicht erst in die Wertung aufgenommen wurden. Bauliche Besonderheiten wie separate Intarsien, Verzierungen oder deutlich abweichende Strukturen waren untersagt. Ebenso war es den Geigenbauern nicht gestattet, eine künstliche Alterung, Beschädigung oder Abnutzung des Instruments zu imitieren. Die Werkstücke sollten frei von gespritzten Lackschichten und jeglichen Schattierungen im Lackbereich sein und ausschließlich von Hand lackiert werden. Natürlich sorgten auch klangliche Abweichungen bei vielen Teilnehmern für einen sicheren Abschied aus dem Wettbewerb. Die besten zehn Instrumente wurden abschließend in einem großen Saal von Profimusikern gespielt und konnten dort – je nach Einstufung – separat Punkte dazugewinnen. Mit insgesamt 765 Punkten landete Wenzel nur fünf Punkte hinter dem Sieger in der Kategorie Violine. "Das Ergebnis hat mir enormen Auftrieb gegeben und bestätigt, dass ich wohl alles richtig mache", so Wenzel.
Mit neuer Energie in den Tag
Der Wettbewerb war nicht nur eine Gelegenheit zur Selbstbestätigung, sondern auch ein Wendepunkt, der den Geigenbauer dazu motiviert, sich wieder intensiv dem Geigenbau zu widmen. Andere Geigenbauer bauen vielleicht zwei oder drei Geigen im Jahr. Wenzel möchte das übertreffen und plant, bis zu zehn neue Instrumente jährlich zu bauen. Dabei schätzt er nicht nur die Instrumente, sondern auch die Vergangenheit und Geschichte, die sie in sich tragen. Für ihn ist eine Geige nicht nur ein Musikinstrument, sondern ein Kulturgut, das gepflegt und wertgeschätzt werden will. Er wünscht sich, dass auch Musiker diesen Respekt bewahren und ihr Instrument als wertvolles Kunstwerk behandeln. "Es geht mir nicht darum, einfach Geigen zu bauen", erklärt er zum Schluss. "Ich möchte Instrumente schaffen, die vier oder fünf Generationen überdauern – so wie ich mich auch um Geigen kümmere, die vier oder fünf Generationen alt sind." So steht Wenzel als Bindeglied zwischen Jahrhunderten wertvollster Handwerkskunst – inspirierter und beschäftigter als je zuvor.