Das neue Museum der Pfahlbauten und das Fachwerkhaus der Landbäckerei Baader zeigen, wie modernes Bauen mit Holz "Lifestyle mit Jahresringen“ sein kann. Neben ökologischen Vorteilen als nachwachsender, heimischer Rohstoff überzeugt Holz als Innen- und Außenwandverkleidung.

1854, 1922, 2024 – was wie eine Zahlenkombination für ein Tresor klingt, öffnet eine archäologische Schatztruhe am Bodensee. Vor 170 Jahren wurden die ersten Pfahlbauten in Unteruhldingen am Seeufer entdeckt, siebzig Jahre später waren die ersten beiden, rekonstruierten Steinzeithäuser für die Besucher zugänglich und 2024 erhielten die Funde aus der Stein- und Bronzezeit ihr eigenes Pfahlbaumuseum aus Holz.
Es stellt eine Verbindung zum bisherigen Freilichtmuseum mit seinen mittlerweile 23 originalgetreuen, prähistorischen Nachbildungen von Pfahlbauten her. Diese Häuser auf Stelzen wurden zwischen 4.300 und 847 v. Chr. im Bodensee errichtet. Das Pfahlbaumuseum – Gesamtkosten rund 14,4 Millionen Euro – ist aufgrund der Sammlung das größte archäologische Museum in Deutschland. Es eröffnet einen Ein- und Ausblick in die faszinierende Welt der Unterwasserarchäologie und zeigt erstmalig die umfangreichen Funde des Unesco-Weltkulturerbes der Öffentlichkeit.
Den Museumsbau aus Holz entwarf das Stuttgarter Büro a+r Architekten, der nach wenigen Monaten Bauzeit im Juni 2024 eröffnete. Das zwölf Meter hohe Museum ruht auf 81 Gussrahmpfählen, die rund 20 Meter in den Seegrund reichen. Besonders fällt das markante Dach auf, weil es an ein umgedrehtes Einbaum-Boot – das Wasserfahrzeug für Transport und Handel vor 6.000 Jahren – erinnern soll.
Museum der Pfahlbauten: Ein Vorzeigebeispiel für die gestalterische Qualität von Holz
Der offene Dachstuhl mit einer unterspannten Rahmenkonstruktion aus Brettschichtholz ist rund 45 Meter lang. Von der Dachkonstruktion wurde mittels Zugstangen aus Stahl eine Galerie abgehängt, die weitere Ausstellungsfläche bietet. "Für unser Büro ist das Thema Nachhaltigkeit essenziell. Daher haben wir uns für Holz entschieden", sagt Oliver Braun, Geschäftsführer der a+r Architekten GmbH. Sein leitender Architekt, Thomas Buttermann, ergänzt: "Das Material Holz stellt einen Bezug zum Material der Pfahlbauten her und ermöglicht gleichzeitig kürzere Bauzeiten als andere Baumaterialien. Des Weiteren haben wir die Temperierung und Belüftung auf das notwendige Minimum beschränkt. Aufgrund des ökologischen Fußabdrucks und der Außenwirkung des Museums soll dieser Bau exemplarisch die gestalterische Qualität des nachhaltigen Baustoffs Holz aufzeigen." Mit der Verwendung von 285 m2 von Holz bei dem Museum konnte rund 570 Tonnen CO₂ im Lebenszyklus des Gebäudes eingespart werden.
Holzarchitektur ist immer eine Baukastenarchitektur. Die Wand-, Dach- und Deckenelemente werden in der Werkstatt hergestellt und erst auf der Baustelle werden die vorfabrizierten Bauteile zusammengesetzt. Aufgrund des hohen Vorfertigungsgrads wird beim Bauen mit Holz der Turbo eingeschaltet. Das Museum in Unteruhldingen war nach 18 Monaten fertig. Die Firma Holzbau Amann aus Weilheim-Bannholz, die sich auf Ingenieurholzbau spezialisiert hat, setzte die Architekturpläne um. Bernhard Tritschler, Zimmerermeister und Geschäftsführer erklärt, dass die einzelnen Module aus den Hölzern Fichte, Lärche und Weißtannen aus der Region gefertigt wurden.

Bauen mit BIM
"Die Fichte ist sehr leicht zu verarbeiten. Sie ist in der Region noch in großen Mengen verfügbar. Zudem setzten wir auf das hochwertige Holz der Weißtanne, die gerade neu entdeckt wird", führt Tritschler aus. "Diese Baumart muss im Forst unserer Meinung nach wieder mehr angepflanzt werden. Auch wenn die Verarbeitung des Holzes sowohl im Sägewerk als auch in der Veredelung ein bisschen aufwendiger ist, überzeugt die Weißtanne als ein harzfreies, regionales Holz mit seinen Qualitäten." Die größte Herausforderung bei der Planung und Bau des Pfahlbaumuseums war der Gebäudegrundriss. "Mithilfe der BIM-Planungsmethode und der digitalen Erfassung aller relevanten Bauwerksdaten konnten wir die sehr anspruchsvolle Geometrie des Museums umsetzen. Das virtuelle Gebäudemodell war CAD-Grundlage für die ausführende Holzbaufirma Amman Holzbau", erläutern die Architekten von a+r, Braun und Buttermann.
Auf einer Museumsfläche von 1.300 Quadratmetern wird nun eine Auswahl der rund 1.000 Funde aus der Pfahlbaukultur der Stein- und Bronzezeit präsentiert. Die archäologischen Gegenstände nehmen die jährlich zu erwartenden 300.000 Besuchern auf eine Zeitreise durch 3.000 Jahre Menschheitsgeschichte. In den Vitrinen sind neben gut erhaltenen Textilien, Alltagsgegenständen, Waffen auch Schmuckstücke und Lebensmittel wie einen 6.000 Jahre alten versteinerten Kaugummi aus Birkenpech ausgestellt. Einer der Höhepunkte des Museums ist die Multimedia-Show Archaerama im Erdgeschoss des Museums. Bei diesem 360-Grad-Kinoerlebnis erlebt der Besucher bei einem virtuellen Tauchgang die Pfahlbauten auf dem Seegrund, ohne selbst Badeklamotten anziehen zu müssen.
Brot- und Bauhandwerk in einem denkmalgeschützten Bahnhof
16 Kilometer von Unteruhldingen entfernt liegt die 1.200-Einwohner-Gemeinde Wittenhofen im Deggenhausertal. Hier hat die Landbäckerei Baader ein Geschäft mit einem zweistöckigen Café eröffnet. Da die alte Scheune nicht mehr sanierfähig war, die ursprünglich an dieser Stelle stand, entwarf die Daschmann Planungsgesellschaft einen Fachwerkshaus-Neubau. Der Kornspeicher, wie das Fachwerkhaus in der Region heißt, war nach neun Monaten Bauzeit im Jahr 2016 fertiggestellt. "In Wittenhofen entschieden wir uns bewusst gegen ein modernes Holzgebäude und für eine Rekonstruktion im Fachwerkstil, um das historische Ortsbild zu bewahren", berichtet der Architekt Sascha Daschmann.
"Bei unserem Architekturentwurf war das Upcycling wichtig. Indem wir alte Baumaterialien der alten Scheune wie Balken für neue Zwecke nutzen – etwa als Tische im Kornspeicher – bewahren wir die Geschichte des Ortes, sparen Ressourcen und vermeiden Abfall, was das Design umweltfreundlicher macht." Unter dem Motto "Handwerk hinterm Fachwerk" verkauft die Bäckerei Baader im Kornspeicher ausschließlich regionale Produkte. So bezieht der Familienbetrieb seinen Weizen, Roggen, Dinkel, Hafer und Emmer von Linzgau Korn, ein Zusammenschluss aus 14 Landwirten aus dem Linzgau mit der Stelzenmühle (Bad Wurzach) und der Landbäckerei Baader.
Fachwerk-Kunst im Neubau kaum genutzt
Die Dachdeckung und Zimmererarbeiten übernahm die im Deggenhausertal ansässige Firma von Martin Störk. Zu der größten Herausforderung bei der Errichtung des Fachwerkhauses sagt Störk: "Einen sehr offenen, weitläufigen Raum zu schaffen, welcher optisch trotzdem mit dem statischen System der alten Scheune übereinstimmte." Bei der Errichtung wurde für den Innenbereich Fichtenholz, für die Außenfachwerkkonstruktion die Weißtanne als Bauholz verwendet. Auch wenn Fachwerk über einige Vorteile verfügt, bedauert Störk, dass diese alte Handwerkskunst bei Neubauten nur selten eingesetzt werde. "Aus wirtschaftlichen Gründen entscheiden sich die Bauherrn heute mehr für die Holzständerkonstruktion als für das klassische Fachwerk, weil Fachwerk zeitlich und personell aufwendiger ist und damit höhere Kosten verursacht", weiß Störk aus seiner über 20-jährigen Berufserfahrung zu berichten.

Alte Handwerkstechniken wieder neu beleben
Zehn Kilometer von Wittenhofen entfernt liegt die badische Stadt Markdorf. Auch hier werden seit Juni 2021 die Brotspezialitäten der Bäckerei Baader wie Vesperle, Kornbrötle oder Linzgauerle im ehemaligen Bahnhof, der aus einem Dornröschenschlaf erwacht ist, verkauft. Dieser 1900 errichtete, mittlerweile denkmalgeschützte Bahnhof stand seit Mitte 2000 leer. Für seine Sanierung und Umbau war Architekt Sascha Daschmann verantwortlich, der bereits das Fachwerkhaus in Wittenhofen entwarf. "Bei dem Bäckereicafé-Projekt in Markdorf erforderten der Denkmalschutz und die historische Bausubstanz ein hohes Maß an Sensibilität und kreative Lösungen. Denn historische Gebäude sind aufgrund der besonderen Statik und Tragfähigkeit weder auf nachträgliche Installation moderner Heizungs-, Lüftungs- und Sanitäranlagen noch auf die moderne Gastronutzung durch ein Café und eine Bäckerei ausgelegt", beschreibt Daschmann die Herausforderungen.
"Um die Denkmalschutzauflage zu erfüllen, dass bei der Sanierung vor allem traditionelle Baumaterialien zu verwenden seien, mussten wir oftmals in Vergessenheit geratene Handwerkstechniken wiederbeleben, beispielsweise bei der Restaurierung der historischen Steinfassade oder der Stuckdecken. Ich bin froh, dass wir für diese fachgerechte Sanierung spezialisierte, erfahrene Glaser, Fensterbauer, Maler, Stuckateure, Schreiner, Zimmerer und SHKler als erstklassige Partner an unserer Seite hatten." Daschmann ist fest überzeugt, dass nur eine gut abgestimmte Allianz aus Bauherrn, Planer, Denkmalschützern und Handwerksbetriebe aus der Region die umfangreiche Sanierung in nur einem Jahr ermöglicht habe. Das Ergebnis sehen die Gäste und Markdorfer. Im Bahnhof erleben sie das gesamte Meisterspektrum des Bau- und Bäckerhandwerks kompakt an einem Ort.