75 Jahre DHZ Alles kommt wieder

Die DHZ ist ein Spiegel der Geschichte – und lag mit ihren Analysen oft richtig. Viele Probleme, die das Handwerk bereits vor 75 Jahren plagten, existieren noch heute.

Ausgabe der DHZ von 1970. - © KD Busch

Für die erste Nummer der Bayerischen Handwerker-Zeitung 1949 griff Ministerpräsident Hans Ehard (CSU) persönlich zur Feder. "Die Erhaltung eines gesunden Mittelstandes und eines gesunden Handwerkerstandes sind (…) eins", schrieb er – und wünschte sich ein "unternehmungslustiges Handwerk". Die Folgen von Krieg und Nazi-Herrschaft prägten die frühen Ausgaben, wie die Rubrik "Wir antworten unseren Lesern" zeigt.

Seltsames Frauenbild

Ein Handwerker aus Schweinfurt warf das Thema auf: "Ich bin mir nicht klar darüber, wie die Kosten für die Entnazifizierung berechnet werden". Ein Leser aus München fragte: "Besteht das Züchtigungsrecht auch gegenüber einem 18jährigen Lehrling?" Ein anderer Leser machte sich Gedanken, ob es möglich wäre, in russischer Kriegsgefangenschaft die Meisterprüfung abzulegen.

Leidenschaftlich wird 1949 die Rolle der Frau in den Betrieben diskutiert. Eines Tages spricht sich ein Leserbriefschreiber dagegen aus, Frauen im Betrieb einzusetzen, weil sie nicht zwei Herren dienen könnten, also zugleich um den Haushalt kümmern und im Betrieb aushelfen. Sie würden überdies im Betrieb eine lächerliche Figur abgeben, der Meister erscheine als Trottel. Nach diesem Leserbrief bricht ein Sturm der Entrüstung los. Ein Leser antwortet wortgewaltig: "Handwerker brauchen Frauen, die nicht alles dem Mann überlassen und nicht allein ihre Aufgabe im Schönsein und Kinderkriegen sehen."

Große Themen der Zeit

Dominierten in den Anfangsjahren offizielle Verlautbarungen, wandelte sich die Zeitung nach und nach zu einer Publikation mit höchsten journalistischen Ansprüchen und pointierten Kommentaren, die die großen Themen der Zeit aus Sicht des Handwerks begleitete und einordnete. Wer 75 Jahrgänge der Zeitungen durchblättert, wird auf zahlreiche Wiedergänger stoßen. Von Anfang an etwa klagt die Handwerksorganisation über ausufernde Bürokratie und mittelstandsferne Gesetzgebung. So schreibt ein Münchner Handwerker 1949 in einem Leserbrief: "Wir brauchen vor allem produktive Arbeitskräfte. Jede unproduktive Arbeitskraft (und deren gibt es in den verschiedenen Ämtern viele) muß dort eingesetzt werden, wo sie wieder produktiv ist und der Allgemeinheit dient."

Seit acht Jahrzehnten sieht sich das Handwerk durch die Industrie übervorteilt und im Steuersystem benachteiligt. Seit 1949 machen der Mangel an Fachkräften und die Teuerung den Betrieben zu schaffen. Von der ersten Bundestagswahl an ärgert sich die Redaktion darüber, dass so wenige Handwerker im Parlament vertreten sind ("Handwerker, wählt Handwerker!"). 1970 beschwert sich die Redaktion: "Wo bleiben objektive Fernseh-Berichte über das Handwerk?") Und die Kürschner leiden schon 1989 unter "törichten Anti-Pelz-Kampagnen", wie die DHZ empört feststellt. Alles schon einmal dagewesen, möchte der aufmerksame Leser ausrufen.

Unaufgeregt und unterkühlt

Die Redaktion liegt in der Beurteilung vieler Sachfragen im Nachhinein betrachtet richtig, wenn sie bereits in den 1990er-Jahren vor explodierenden Energiepreisen warnt und sich für Arbeitskräfte aus dem Ausland starkmacht. Früh erkennt die Redaktion die Chancen der Digitalisierung.

Unaufgeregt, analytisch, fast unterkühlt wird die deutsche Geschichte durch die Brille des Handwerks betrachtet. Große welthistorische Ereignisse hingegen werden ausgeklammert oder tauchen allenfalls als Randnotizen auf. John F. Kennedy oder Nikita Chruschtschow, die Mondlandung, der Sputnik finden keine Erwähnung in der Zeitung. Was keinen Bezug zum Handwerk hat, wird ausgeblendet.

Die erste Ausgabe 1949.

Die Redaktion vermeidet scharfe Töne und reißerische Überschriften.Sie ist durchaus arbeitgeberfreundlich, lässt allerdings auch Stimmen aus dem Gewerkschaftslager zu Wort kommen. Sie liebäugelt häufig mit liberalen oder konservativen Positionen, stellt sich aber auch gut mit der Sozialdemokratie.

Bescheiden in eigener Sache

Auch in eigener Sache treten Verlag und Redaktion niemals marktschreierisch auf. Als die Bayerische Handwerks-Zeitung 1957 zum amtlichen Organ der bayerischen Handwerksbetriebe bestellt wird, spricht die Redaktion auf wenigen Zeilen von einem "langersehnten Wunsch". Als 1970 schließlich die hessischen und baden-württembergischen Kammern hinzukommen und aus der Bayerischen Handwerks-Zeitung die Deutsche Handwerks Zeitung wird – und die Zeitung damit ihre Auflage vervielfacht –, ist das der Redaktion lediglich einen kleinen Bericht wert ("Bayerische Handwerks Zeitung vergrößert sich zur Deutschen Handwerks Zeitung").

Im Jahr 1990 wächst die DHZ-Familie abermals, indem mehrere Kammern in Ostdeutschland hinzukommen. Die DHZ unterstützt die DDR-Kammern tatkräftig, etwa durch Auslieferung stark verbilligter Exemplare des Lehrwerks "Handwerker-Fibel". Bescheiden notiert die Redaktion anlässlich des 50-jährigen Bestehens 1999: "Rückblickend kann festgestellt werden, daß die Deutsche Handwerks Zeitung zu einem wichtigen Bindeglied der ostdeutschen Handwerker an die westdeutsche Handwerksorganisation wurde."