Krankenstände auf Rekordniveau belasten die Wirtschaft, Arbeitgeber fordern strengere Regeln zur Krankschreibung. Allerdings spielt auch das Verhalten des Chefs eine wichtige Rolle im Krankengeschehen. Wie Unternehmer erkennen, warum ihr Team kränkelt und wie sie gegensteuern können.

Die Fehlzeiten von Beschäftigten in Deutschland sind historisch hoch und belasten Betriebe. Forderungen nach einer weniger großzügigen Lohnfortzahlung werden laut, Arbeitgeber kritisieren die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung. Das alles unterstellt, dass sich Mitarbeiter krank melden, obwohl sie arbeitsfähig wären.
Tatsächlich gestehen sechs von zehn Arbeitnehmern, dass sie sich schon krankgemeldet haben, obwohl sie arbeitsfähig waren. Das hat die Pronova BKK in Befragungen für ihre Studie "Arbeiten 2023" Anfang dieses Jahres ermittelt.
Allerdings gab die Hälfte der Befragten auch an, durch ihre Arbeit gestresst zu sein, allen voran schwer körperlich arbeitende Menschen. Wenn sich Beschäftigte aber in und mit ihrer Arbeit nicht wohl fühlen, steigt das Risiko, dass sie tatsächlich krank werden.
Gesundheit hängt mit Situation im Unternehmen zusammen
Wie sehr die Gesundheit und auch die Betriebstreue der Beschäftigten mit der Situation im Unternehmen zusammenhängen, hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) in einer aktuellen Studie untersucht. "Da diverse arbeitsbezogene Aspekte in engem Zusammenhang mit der Mitarbeitendenbindung stehen, haben wir sie gefragt, wie sie ihre Führungskraft erleben, wie zufrieden sie mit ihrer Arbeit sind, inwieweit ihre Bedürfnisse und Wünsche zu ihrer aktuellen Arbeitsstelle passen, ob sie beabsichtigen, ihre Arbeitsstelle zu wechseln und wie es um unterschiedliche Aspekte ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens steht", beschreibt Johanna Baumgardt vom Wido das Vorgehen.
Es zeigte sich, das Beschäftigte, die sich stärker emotional an ihre Organisation gebunden fühlten seltener gesundheitlich beeinträchtigt waren, seltener erkrankungsbedingt fehlten und auch seltener erkrankt zur Arbeit kamen (Präsentismus).
Stresssymptome von Beschäftigten
Zwischen knapp 30 und 13 Prozent der Befragten klagten über folgende Symptome (in der Wichtigkeit von oben nach unten absteigend):
- anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung
- Rückenschmerzen
- Grübeln
- Schlafstörungen
- innere Anspannung
- Lustlosigkeit
- Kopfschmerzen
- schnelle Reizbarkeit
- nachlassendes sexuelles Verlangen
- Konzentrationsstörungen
- einen Rückzug aus dem Freundes- und Bekanntenkreis
- Magen- und Verdauungsprobleme
- Selbstzweifel und wenig Zutrauen in die eigene Leistung
Bei den 18- bis 29-Jährigen lagen die Werte jeweils bis zu zehn Prozent höher.
Kein Krankfeiern und Präsentismus mit zufriedenen Mitarbeitern
Wie Chefs nachhaltig Fehlzeiten und Fluktuation im Betrieb senken können, darüber spricht Coach und Beraterin Sandra Retzer im Interview:
Frau Retzer, die Krankmeldungen liegen auf Rekordniveau und Chefs fragen sich: Warum sind manche Mitarbeiter so oft krank, sind sie wirklich krank? Warum bleibt der eine so oft daheim und der andere schleppt sich auch noch fiebrig in den Betrieb?
Sandra Retzer: Das hat viel mit der intrinsischen Motivation der Mitarbeiter zu tun, mit der Frage, wie sie selbst ihre Rolle als Arbeitnehmer definieren und wie wichtig oder wertvoll für das Unternehmen sie sich fühlen. Wer sich selbst als wirkungsvoll im Betrieb wahrnimmt, hat auch mehr Motivation, zur Arbeit zu gehen. Gleichzeitig wächst damit das Vertrauen, dass man sich krankmelden darf, wenn es einem nicht gut geht.
In kleinen Betrieben zählt jede Hand, es geht drunter und drüber, wenn ein Mitarbeiter ausfällt. Genügt diese Erkenntnis nicht, um sich wichtig und wertvoll zu fühlen?
Nein. Gerade im Handwerk klafft die Sicht des Chefs, der glaubt, der monatliche Lohn sei Anerkennung genug und die Sicht der Mitarbeiter, die heutzutage mehr wollen, oft stark auseinander.
Was mehr?
Zum Beispiel Wertschätzung. Wird meine Leistung im Betrieb anerkannt? Inwieweit kann ich im Unternehmen mitwirken? Haben meine Aussagen Gewicht? Es ist letztlich eine Frage der Unternehmensphilosophie, ob man ein Miteinander lebt und gemeinsame Ziele verfolgt oder nicht.
Und solche Wertschätzung wirkt sich auf die Krankentage aus?
Langfristig ja. Wer sich selbst im Unternehmen als wirksam wahrnimmt, sich gehört und gesehen fühlt, empfindet automatisch auch mehr Verbundenheit mit dem Unternehmen. Lassen Sie uns zum Beispiel die Kommunikationsstruktur ansehen. Auf Geschäftsführern im Handwerk liegt sehr viel Last. Wenn sich nun ein Mitarbeiter krankmelden will, löst das beim Chef direkt die Frage aus, wie er ohne den Mitarbeiter den Auftrag zu Ende bringen soll. Der Chef ist in diesem Moment für den Kranken also nicht wirklich ansprechbar. Mitarbeiter spüren das, sie wissen, wie negativ es aufgenommen würde, wenn sie krank sind. Das könnte ein Grund für Präsentismus sein. Noch häufiger ist es aber der Druck unter Kollegen, die ja den Ausfall der kranken Person abfangen müssen.
Im Idealfall müsste der Chef also seine eigenen Sorgen ausblenden, um den Mitarbeitern zuzuhören?
Ja, zumindest kurzfristig. Dafür sollte er sich selbst immer wieder reflektieren, wie er kommuniziert, wo er gerade steht mit seinem eigenen Energieniveau und was Priorität hat. Sinnvoll kann sein, dass er Aufgaben abgibt, um sich auf seine Führungsrolle konzentrieren zu können. Rechnungen oder Mahnungen kann auch ein Bürodienstleister schreiben, aber als Oberhaupt eines Unternehmens muss er für seine Mitarbeiter greifbar sein.
Wie kann nun ein kleiner Handwerksbetrieb eine Unternehmensphilosophie entwickeln, die Präsentismus oder auch Krankmachen verhindert?
Der erste Schritt ist immer eine Mitarbeiterbefragung. Dabei können sich Unternehmer von externen Beratern helfen lassen, es geht aber auch im Alleingang. Zunächst muss sich der Betrieb darüber klar sein, was er herausfinden möchte. Geht es um hohe Fehlzeiten, könnten mögliche Fragen sein, welche Note von eins bis sechs man der Führungskraft geben würde, wie zufrieden man mit betrieblichen Abläufen ist oder mit der Stimmung im Team. Andererseits ist wichtig zu fragen, was die Mitarbeiter für ihre Motivation und für ein gesundes Arbeiten brauchen, welche Wünsche sie haben oder ob es Themen gibt, die sie beschäftigen.
Antworten die Mitarbeiter denn ehrlich?
Wichtig dafür ist, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt, egal ob sie Multiple-Choice-Antworten ankreuzen oder selber frei formulieren. Dafür gibt es mittlerweile viele Systeme im Internet, auch kostenlos. Wer sich keinen externen Berater mit ins Boot holen will, kann sich beim Erstellen der Fragen sogar von ChatGPT helfen lassen.
Was passiert danach?
Oft stellt sich bei der Auswertung der Befragungen heraus, dass der Unternehmer die Lage ganz anders eingeschätzt hat als seine Mitarbeiter. Es zeigt sich meist schnell, ob der Betrieb ein Klima fördert, in dem es für den Einzelnen möglich ist, leistungsstark zu arbeiten. Die Ergebnisse einer solchen Befragung sollten anschließend ausführlich reflektiert werden und entsprechende Handlungsoptionen erarbeitet werden.
Also ist immer der Chef "schuld"?
Nein, das wäre zu einfach. Jeder Mitarbeiter bringt seine Persönlichkeit und Besonderheiten in den Betrieb mit ein. Natürlich kann eine ungute Stimmung auch mit dem Verhalten einer einzelnen Person begründet sein. Dann sollte der Chef individuell mit demjenigen sprechen, um herauszufinden, was die Ursachen sind. Haben in der Befragung aber mehrere Personen gezeigt, dass sie Veränderungen brauchen, um ihr körperliches oder mentales Wohlbefinden zu verbessern oder um die Teamkultur zu fördern, liegt ein strukturelles Problem vor. Dann lohnt es sich, gemeinsam mit dem ganzen Team konkrete Maßnahmen zu entwickeln, die die Arbeitsatmosphäre verbessern.
Und ändert das tatsächlich etwas am Krankheitsgeschehen?
Nur, wenn die Veränderungen glaubhaft und stabil über einen längeren Zeitraum gelebt werden und alle Betriebsangehörigen an einem Strang ziehen. Meiner Erfahrung nach lässt sich der Erfolg deutlich an den Krankenständen ablesen. Und spätestens nach einem Jahr würde ich die Mitarbeiterbefragung wiederholen, um herauszufinden, ob sich an den Ergebnissen des Vorjahres etwas geändert hat und man gemeinsam einen guten Weg gefunden hat, das Unternehmen für Arbeitnehmer attraktiv zu machen.
Umfrage zu Gesundheit und Krankheit im Handwerk
Die Berliner Werkstatt für Sozialforschung führt aktuell eine Umfrage durch zu Gesundheit und Krankheit im Handwerk. Es geht darum, direkt vom Handwerk zu erfahren:
- wie sich die Situation im Betrieb darstellt,
- ob es Erfahrungen mit krankheitsbedingten Ausfällen gibt,
- was der Betrieb unternimmt, wenn Mitarbeiter krankheitsbedingt lange ausfallen,
- oder wenn ein Mitarbeiter nach langer Krankheit mit dauerhaften Leistungseinschränkungen zurückkommt,
- welche Erfahrungen der Betrieb mit externer Unterstützung (BG; KK; etc.) gemacht hat,
- welche Unterstützung für das Unternehmen und das Handwerk insgesamt hilfreich wäre,
- und welche Rolle die betriebliche Gesundheitsförderung im Betrieb spielt.
