Waldkirch feiert dieses Jahr 225 Jahre Orgelbau. Die Schwarzwaldgemeinde tut alles dafür, dass dieses Handwerk und seine Musik nicht in Vergessenheit geraten.

"Achtung, Hörgeräte leise stellen", warnt der Museumsführer. Dann dröhnt es los. "God safe the King" erklingt aus der Karussell-Orgel, mit solcher Wucht, dass sich mancher Gast des Elztalmuseums die Ohren zuhält. "Die Instrumente sollen laut sein", entschuldigt sich der Orgelführer hinterher, "sie müssen ja Publikum anlocken."
Ein ganzes Orchester ersetzt das goldverschnörkelte, mit Figuren und Bildern dekorierte mechanische Instrument, das erwiesenermaßen auch britischen Patriotismus entfesselt; für eine englische Reisegruppe habe er die Nationalhymne eingelegt und fand sich inbrünstig singenden Museumsbesuchern gegenüber, so der Führer. "Mit der Hand am Herzen."
Die beeindruckende Karussellorgel stammt aus der Waldkircher Werkstatt Ruth & Sohn, gebaut 1920, und sie ist viel mehr als ein Museumsobjekt. In Waldkirch können Besucher Orgelgeschichte und Musik in einem erleben. Von musealer Stille kann im Ort keine Rede sein. Es klingt, tönt und dröhnt in dem quirligen Städtchen zu jeder sich bietenden Gelegenheit. Vom kleinsten Drehorgel-Räuchermännchen bis zur stolzen Walcker-Kirchenorgel, die Waldkircher führen ihre Orgelbau- und Musiktradition gerne und oft vor.
Weltrekord mit nur einem Lied
September: 52 Musikgruppen versammeln sich auf dem rappelvollen Marktplatz. Punkt 15 Uhr tönen sie das Badner-Lied an und hören über acht Stunden lang nicht mehr damit auf, stets begleitet von Drehorgeln. 1.300 Strophen später hat die Stadt den Weltrekord für das Lied mit den meisten Strophen eingefahren. Auf Facebook ist ein Zusammenschnitt des Badner-Lied-Marathons zu sehen.
Wolfgang Brommer schmunzelt, als er davon erzählt. "Ich empfinde die Stimmung in der Stadt als sehr positiv", sagt der Orgelbaumeister. Er sitzt im Orgelbauersaal, nebenan ist seine Meisterwerkstatt Jäger & Brommer. Über 60 historische Waldkircher Instrumente stehen hier, zusammengetragen von der Orgelstiftung. Es herrscht gemütliche Kaffeehausatmosphäre, historisch stimmig. Denn im 19. Jahrhundert unterhielten Gastwirte ihre Besucher mit Orchestrien, mechanischen Instrumenten, die ganze Orchester imitieren.
Brommer steht auf und geht zu einer Drehorgel. Regenbogen, Wölkchen, Engel und Trommelgesicht, das Instrument sieht sie aus wie ein Spielzeug auf einem Kinderwagen. Aus einem geschnitzten Kopf treten bunte Schläuche. "Ein Kleiekotzer", erklärt Brommer, dann fängt er an zu kurbeln und zu hantieren: drückt auf einen Luftball am Ende der Schläuche, löst Triangel und Tröten aus. Ein Mitmachinstrument, das sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

Orgeln für Gott und die Welt
Instrumente für Gott und die Welt: So fasst Brommer seine Arbeit zusammen. "Die Kirchenorgeln für Gott und alles andere für die Welt", erläutert der 65-Jährige. Drehorgeln, Bauchorgeln, Konzertorgeln und Orgelbausätze für Schulklassen zählen neben Kirchenorgeln zum Repertoire von Jäger & Brommer.
1988 hatte Brommer zusammen mit seinem Freund von der Meisterschule Heinz Jäger den Betrieb in Waldkirch gegründet. Anfangs fehlte den beiden Jungmeistern noch das Selbstbewusstsein. "Wenn ein Organist oder ein Orgelprofessor in den Betrieb kam, haben wir die Drehorgeln versteckt und nur über Kirchenorgeln gesprochen“, erinnert sich Brommer grinsend.
Dabei hatten die beiden an eine alte Tradition angeknüpft. Seit 1799 gibt es in Waldkirch Orgelbauer, den Drehorgelbau brachte 1834 Ignaz Bruder in die Stadt. Er gründete eine Familiendynastie, die für hochwertige Drehorgeln berühmt war. Im Lauf der Jahre kamen weitere Orgelbauer hinzu, die sich auf Orchestrien oder Jahrmarktorgeln spezialisierten. Bis heute arbeiten in Waldkirch vier Orgelbaubetriebe sowie ein Planungsbüro für Orgelbau.
Vom Holzuhrenbau zum Orgelbau
Dass die Schwarzwaldstadt ein Zentrum des Orgelbaus wurde, war kein Zufall. Ab 1650 hatten sich hier Holzuhrenbauer etabliert. Sie verarbeiteten das reichlich vorhandene gute Holz und trugen die Uhren über die nahe gelegene Handelsroute in die Welt. Zwischen 1800 und 1850 wurden bis zu 15 Millionen davon verkauft. Die Flötenuhr aber basiert auf der gleichen Technik wie eine Orgel: Pfeifen, ein Blasebalg und Energie, um Luft aus dem Blasebalg in die Flöten zu pusten.
Die Geschichte der Orgeln ist auch eine Geschichte der Gesellschaft. Lange Jahre war die Drehorgel Begleitinstrument für Bänkel- und Moritätensänger. Von Ort zu Ort zogen sie und erzählten anhand der Figuren auf dem Instrument oder mithilfe gemalter Plakate Geschichten. "Es war das Internet der Urgroßväter", interpretiert Brommer die Zeit und zeigt mit dem Finger auf Napoleon, eine beliebte Person auf den Figurenbühnen der Orgeln. Doch mit dem Aufkommen von Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet verlor die Drehorgel diese Rolle.
Faszination Drehorgel
Dennoch üben die Instrumente bis heute eine Faszination aus. Sobald eine Dreh- oder Jahrmarktorgel erklinge, näherten sich auch die Menschen, beobachtet Brommer. Den Kontakt zu Kirchenorgeln dagegen hätten viele ganz verloren. Manche Kinder wüssten nicht mehr, was eine Orgel sei. Deswegen hat er das Projekt "Königskinder" initiiert, getreu Mozarts Einschätzung, die Orgel sei der König der Instrumente. "Wir laden Schulklassen ein, zeigen, wie es drinnen in einer Orgel aussieht, lassen sie Tasten drücken und die Klänge hören", beschreibt Brommer.
An musikalischem Interesse mangelt es zumindest in Waldkirch nicht. Die 20.000-Seelen Stadt rühmt sich, die älteste städtische Musikschule Deutschlands zu haben. 830 Kinder erlernen hier ein Instrument. Insgesamt gibt es in Waldkirch 4.000 aktive Musiker. Und allein für die Orgelkultur setzen sich im Ort fünf Interessengruppen ein: die Drehorgelfreunde, der Orgel-Förderkreis, der Förderkreis Walcker-Orgel St. Margarethen, die Orgelstiftung und nicht zuletzt die Orgelköche, die jeden Herbst zu Orgelschlemmerwochen einladen.
Unermüdlicher Botschafter der Orgel
Brommer tut das Seine dazu, um Orgelmusik jedweder Art frisch zu halten. "Die Orgel ist so ein tolles Instrument, sie kann Jazz, Pop, Klassik", schwärmt er. Viele Menschen heute setzten Orgel gleich mit Kirche, aber das sei falsch. "Die Orgel hat keinen religiösen Auftrag", betont der Orgelbaumeister. Windinstrumente wie die Orgel seien über 4.000 Jahre alt. Sie wurden schon von den Römern in Arenen verwendet. Erst im Jahr 900 unserer Zeit sei dem Aachener Dom eine Orgel geschenkt worden. "Da haben die Menschen entdeckt, dass das Instrument in einem großen Kirchenraum noch imposanter klingt als draußen", gibt Brommer eine sehr profane Erklärung.
Ohne Musik verkümmere der Mensch. Eine elektronische Orgel koste zwar nur ein Zehntel einer richtigen Orgel, aber sie könne niemals die Schwingungen von echten Orgelpfeifen ersetzen, ist Brommer überzeugt. Es sei schwer, das in Zeiten des Kirchensterbens zu vermitteln.
Auch deswegen lassen Brommer und die Waldkircher Orgelbegeisterten keine Gelegenheit aus, die Instrumente erklingen zu lassen. In diesem Jahr feiert die Stadt 225 Jahre Orgelbau mit zahllosen Konzerten und Veranstaltungen. 2025 findet wieder das Internationale Klang- und Orgelfestival statt. "Wir haben heute die beste Zeit, um Orgeln zu bauen. Wir haben tolles Holz, wir haben wissenschaftliche Erkenntnisse, wir haben Tonarchive. Und dann soll uns der Laden zusammenbrechen?", fragt Brommer. Nein, er werde weitermachen so lange er kann, sagt der unermüdliche Botschafter der Orgel.
Alle Beiträge der Serie finden Sie unter Orte mit Handwerkstradition.
Meisterpflicht im Orgelbau
2004 entschied die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder, die Meisterpflicht für 53 Gewerke im Handwerk aufzuheben, darunter auch im Orgelbau. Man versprach sich von der Reform der Handwerksordnung mehr Wettbewerb und Unternehmensgründungen.
2020 wurde im Rahmen der "Rückvermeisterung" die Meisterpflicht für zwölf Handwerksberufe wieder eingeführt, um die Qualität der Arbeit und Ausbildungsleistungen zu verbessern, auch im Orgelbauerhandwerk.
Die Zahlen der Meisteranwärter an der einzigen Meisterschule in Deutschland, der Oscar-Walcker-Schule in Ludwisburg, dokumentieren diese politischen Entscheidungen. Während im September 2021 nur fünf Teilnehmer im Meisterkurs angemeldet waren, sind es im aktuellen Jahrgang 18 Teilnehmer - so viele wie seit 2004 nicht mehr.
Wissenswertes über Orgeln: www.deutsche-orgelstrasse.de