Brauerei-Inhaber mit besonderem Hobby Einmalig in Deutschland: Historisches Bierzapfsäulen-Museum

"Schon ein bisschen kitschig, aber ein verdammt geiler Kitsch", so beschreibt Brauereichef Hans Roth seine Leidenschaft für alte Bierzapfsäulen. Seine Sammlung zeigt er in einem eigens eingerichteten Museum neben der Familienbrauerei. Um an seine Exponate zu kommen, geht er auch ungewöhnliche Wege.

Bierzapfsäulenmuseum: Bierzapfsäulen
Bierzapfsäulen-Museum im bayerischen Pfaffenhausen: Im Hauptraum sind 20 Säulen zu sehen. - © Buttler

Betritt man den Betriebshof von der Brauerei Storchenbräu im bayerischen Pfaffenhausen, hat man drei Möglichkeiten: Geht man geradeaus, gelangt man in die Lagerhalle. Wer links abbiegt, läuft auf das Bürogebäude zu. Und wer nach rechts geht, kommt in die Storchenbräu-Gaststätte. Die ist zwar seit der Corona-Pandemie nicht mehr verpachtet, doch das Highlight befindet sich im ersten Stock. Hier präsentiert Brauerei-Inhaber Hans Roth seine große Sammelleidenschaft. Allein im großen Hauptraum sind 20 Bierzapfsäulen in Vitrinen ausgestellt. Die älteste stammt aus dem Jahr 1895. Alle Säulen sehen beinahe neu aus, das Licht von oben spiegelt sich auf den alten Oberflächen. Auf jeder Zapfsäule thront eine andere Figur. Mal ist es ein goldener Brauer, der den Krug hebt. Mal ein bronzener Wirt mit einem Bierfass. Und mal ein grüner Adler, der mit ausgebreiteten Flügeln auf der Säule sitzt. Ebenfalls im Raum: Die dazugehörigen Herstellerkataloge sowie Postkarten und Bilder, die die Exponate im Einsatz zeigen.

Der Sammler erklärt: "Nicht alle Ausstellungsstücke sind voll funktionsfähig, aber die meisten." Manchmal fehle eine Figur, der Zapfhahn, oder es gebe eine kleine Beschädigung. Seine Sammlung umfasse etwa 100 Säulen. Auf beide Museumsräume verteilt, sind 30 davon zu sehen: "Die schönsten Stücke stehen in den Vitrinen, der Rest ist auf dem Dachboden". Stolz bezeichnet Roth seine Ausstellung als das einzige historische Bierzapfsäulen-Museum Deutschlands.

Brauereibesitzer in der 5. Generation

Hans Roth wurde die Bier-Faszination quasi in die Wiege gelegt. 1866 kaufte sein Ururgroßvater die Brauerei, die seither im Familienbesitz ist. Seit 2001 arbeitet der Diplom-Betriebswirt im Betrieb. Damals noch zusammen mit seinem Vater: "Wir waren ein super Team. Er war wie ein Spezl (guter Freund; Anm. d. Red.) für mich. Wir haben uns nie hängen lassen und er hat mich auch nicht gedrängt, in seine Fußstapfen zu treten", erinnert sich Roth. Er handelte also aus Überzeugung, als er 2018 nach dem Tod seines Vaters die Brauerei übernahm.

Sanierung des historischen Bräustübles führt zur großen Leidenschaft

Sein Bierzapfsäulen-Museum hat Roth allerdings schon sechs Jahre früher eröffnet, im Jahr 2012. Ursprünglich hatte er das gar nicht vor, schließlich war das Sammeln alter Zapfanlagen anfangs nur ein Hobby. Geboren wurde die Sammelleidenschaft 2004. "Das war ein großer Zufall. Ich habe unser Gasthaus renoviert und wollte es wieder so herrichten, wie es früher einmal war", erzählt er. Fensterläden, Tische, Holzschilder – alles sah wie früher aus – mit einer Ausnahme: die Zapfanlage des Wirts. Die war modern und mit Werbung versehen. Roth: "Für das historische Bräustüble habe ich dann eine passende Zapfsäule gesucht und gefunden. Dabei habe ich bemerkt, dass es früher richtig schöne Sachen gab." Von da an habe er jeden Freitag zwei Stunden lang auf Ebay gestöbert und sich sein eigenes Suchsystem aufgebaut. Er vergleicht die Suche nach neuen Bierzapfanlagen mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Immerhin: Konkurrenten musste er selten ausstechen. "Ich habe schnell gemerkt, dass ich wirklich der einzige Sammler bin." Ein Preislimit hat er sich bei 200 bis 300 Euro gesetzt.

So hatte er 2012 bereits eine ansehnliche Sammlung zusammengetragen und entschloss sich, die Anlagen auszustellen. Eintritt kostet das Museum nicht. Interessierte können das Museum auch virtuell besuchen. Auf der Webseite sind allerdings nicht alle Säulen, Kataloge und Postkarten hinterlegt.

Bierzapfsäulen-Museum: Besucher können auch die originalen Herstellerkataloge begutachten. - © Buttler

Alte Zapfsäulen: "Das Sammeln ist wie im Fußball-Stickerheft"

Dem Brauerei-Inhaber reicht es aber nicht, nur die Zapfsäule sein Eigen nennen zu können. Für eine vollständige Sammlung brauche er drei Dinge: Die vollständige Bierzapfsäule mit Figur und Zapfhahn. Den alten, originalen Herstellerkatalog. Und ein Foto, das den Wirt beim Zapfen aus der Säule zeigt. Meistens sei dies eine alte Postkarte: "Früher hatte jede Wirtschaft Postkarten und Bilder als Werbung. Darauf war der Wirt am Zapfhahn zu sehen".

Zu Beginn seiner Internetrecherche war Roth schnell auf die Herstellerkataloge und Postkarten aufmerksam geworden: "Die konnte ich auch einfach im Internet kaufen und suchen". Seitdem gehe er fast immer gleich vor. Findet der 51-Jährige einen neuen Herstellerkatalog oder eine Postkarte, mache er sich auf die Suche nach der passenden Säule. Irgendwann sei es dann wie bei Kindern mit ihren Fußball-Stickerheften: "Man will die Kataloge einfach vervollständigen".

Heute schaue Roth nur noch alle zwei bis drei Wochen auf das Verkaufsportal. Er kaufe nur noch besondere Highlights: "Und die müssen komplett erhalten sein. Früher habe ich auch Säulen ohne Zapfhahn oder Figur gekauft – das mache ich heute nicht mehr."

Entdeckung von CO₂-Gas als Druckmittel für Bier als Wendepunkt

Mit der Zeit konnte sich Roth ein breites Wissen über die Welt der alten Zapfsäulen aneignen: "Die meisten Hersteller sitzen oder saßen in Norddeutschland, also in Köln, Berlin oder Hamburg." Das hänge historisch mit der Entdeckung von CO₂-Gas als Druckmittel für Bier zusammen. Bevor dieses 1877 von dem Gymnasiallehrer Dr. Wilhelm Carl Raydt aus Hannover erstmals eingesetzt und patentiert wurde, zapften die Wirte weltweit Bier und Wein "bayerisch" – also mit Zapfhahn und Schlegel. Die neue Anwendung war revolutionär und habe den gesamten Biermarkt auf den Kopf gestellt. "Regional bedingt war diese Art des Bierzapfens zunächst in Norddeutschland verbreitet – daher stammen auch viele dieser Säulen aus dieser Region", erklärt Roth. Die Bayern hätten sich zunächst dagegen gewehrt, weil es "aus dem Norden" kam. Deshalb habe es hier kaum Jugendstil-Zapfsäulen gegeben. "Nur modernere aus den 1920er und 1930er Jahren – die habe ich auch im Museum."

Bierzapfsäule im Jugendstil: Hans Roth präsentiert stolz seine Säule aus dem Jahr 1915. - © Buttler

"Die alten Bierzapfsäulen sind eine wunderschöne Kunst"

Roths Sammlung umfasst Bierzapfsäulen von 1895 bis Anfang der 1960er Jahre: "Danach kamen die Werbesäulen auf den Markt." Diese hatten die Logos der Brauereien aufgedruckt – für den Sammler uninteressant: "Ich mag die schönen Formen, die floralen Muster und die Figuren auf den alten Zapfsäulen." Die Zapfsäulen der Jahrhundertwende ordnet er gestalterisch in die Epoche des Jugendstils ein. "Schon ein bisschen kitschig, aber ein verdammt geiler Kitsch."

Die meisten Bierzapfsäulen bestünden aus Majolika-Keramik: "Das ist eine Art Terrakotta, die glasiert und gebrannt wird", erklärt er. Das mache die Säule für die Ewigkeit haltbar und die Farben kämen besonders gut zur Geltung. "Früher gab es aber auch schon Metallsäulen", sagt Roth. Diese seien meist aus Neusilber hergestellt worden, "dem gleichen Material, aus dem auch Blechblasinstrumente wie Trompete oder Tuba hergestellt werden". Die Nickel-Zink-Legierung lasse sich sehr gut polieren, sodass sie wie fabrikneu aussehe.

Besonders stolz ist Roth auf seine erste Bierzapfsäule im Jugendstil. Oben schmückt sie ein Adler, der seine Flügel öffnet. Die Figur steht auf einem Vasenaufsatz. In der Mitte der Säule aus Porzellan und Keramik sind drei Männer und zwei Frauen an einem Wirtshaustisch abgebildet. Eine Besonderheit an der Säule: Sie hat zwei Zapfhähne (siehe Bild): "Als ich die Zapfsäule bekam, bin ich total ausgeflippt. Die Figur sieht irre schön aus und die ganze Säule ist wahnsinnig stilvoll."

Urlaub und Sammlerausflug in einem

Der Weg zu dieser Bierzapfsäule war nicht einfach: "Ich habe die Zapfsäule auf einer alten Postkarte gesehen, aber im Internet nicht finden können". Der Sammler gab nicht auf. Nach sechs Telefonaten habe er den Nachfahren des ursprünglichen Besitzers der Kneipe am Apparat gehabt. Die Kneipe gab es zwar nicht mehr, aber die Säule stand noch auf dem Dachboden der Familie. Also plante Roth einen Urlaub in Dresden, um die Säule abzuholen. Der Postweg sei ihm zu heikel gewesen: "Ich finde das wirklich faszinierend, die Säule ist von 1915, hat also den Feuersturm im Zweiten Weltkrieg überlebt. Das finde ich schon brutal. So ein schönes Stück und das ausgerechnet aus dem zerbombten Dresden", sagt Roth – und strahlt dabei wie ein Kind, das gerade seinen Lieblingsspieler in das Fußball-Sammelheft einkleben durfte.