Was ist aus den Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) der ehemaligen DDR geworden? Die Beispiele von Metallbau Schubert und Elektrik Vacha zeigen, wie Risikobereitschaft, Unternehmergeist und Durchhaltevermögen belohnt werden.

Als Reiner Schubert mit seinem Enkel vor fünf Jahren mit der Fichtelberg-Schwebebahn zum höchsten Punkt Sachsens fuhr, war das für ihn ein erhabenes Gefühl. Hatte er doch erfahren, dass die Stahlstützen der Seilbahn, die 1986 unter seiner Regie gefertigt worden waren, gerade die TÜV-Revision bestanden hatten. "Da haben wir ja keine so schlechte Qualität geliefert", dachte sich der ehemalige Konstrukteur der PGH Metall in Girbigsdorf. Vier Jahre später führte der gelernte Landmaschinenschlosser und studierte Mathematiker die PGH in die Marktwirtschaft.
Im November 1989 hatte der Mauerfall das Ende der DDR eingeläutet. Die sozialistische Planwirtschaft schlitterte in die Pleite. Die knapp 3.000 Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) standen vor einer Zäsur. Wie soll es weitergehen? Das fragten sich auch Reiner Schubert oder Harald Weih, der 1960 bei der PGH Elektrik Vacha seine Lehre zum Rundfunkmechaniker begonnen hatte und schon bald in den Vorstand aufrückte.
Aus PGH wird GmbH
Im Rückblick zeigt sich: Dort, wo risikobereite Personen wie Schubert oder Weih mit Unternehmergeist Verantwortung übernahmen und engagierte Mitarbeiter hinter sich versammelten, haben sich leistungsfähige Handwerksbetriebe entwickelt. Umgewandelt in eine GmbH haben die PGH Metall Girbigsdorf in Ostsachsen und die PGH Elektrik im thüringischen Vacha ihre Chance genutzt und die schwere Phase nach dem Umbruch in eine Erfolgsgeschichte verwandelt. Inzwischen schreibt sie die nächste Generation fort.
Aber der Weg dahin war steinig. Als Elektromeister Harald Weih die PGH im ehemaligen Sperrgebiet an der Grenze zu Hessen übernahm, musste zunächst das Vermögen der Genossenschaft unter den 125 Angestellten aufgeteilt werden. "Das Modrow-Gesetz der letzten DDR-Regierung hat die Genossenschaftsmitglieder zu Eigentümern gemacht. So mussten wir über drei Jahre hinweg 1,6 Millionen D-Mark auszahlen. Viele PGHs sind daran kaputtgegangen", erinnert sich Harald Weih.

Zudem investierte die neue Firma weitere vier Millionen in einen Neubau, weil die alte Immobilie marode war. "Wir haben unser Haus und Grundstück der Bank als Sicherheit bieten müssen", berichtet der 80-Jährige von vielen schlaflosen Nächten. Tagsüber war er bundesweit unterwegs, um neue Kunden zu gewinnen. Mit dem Kalibergbau, einer Porzellanfabrik oder den Grenztruppen der NVA waren große Auftraggeber quasi über Nacht weggefallen.
Viel Lehrgeld gezahlt
Von nahezu identischen Problemen berichtet auch Reiner Schubert. Bis zu 1.300 Tonnen Stahl pro Jahr haben die 80 Mitarbeiter der PGH Metall Girbigsdorf zu DDR-Zeiten verbaut: individuelle Stahlkonstruktionen wie Kranbahnen und Kohlebunker oder eben die Stützen für die Fichtelberg-Schwebebahn. Einer der wichtigsten Abnehmer, der VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig, ging 1991 pleite. Da arbeitete Schuberts Firma längst in der Bayerischen Staatskanzlei in München. Der erste Großauftrag der ostsächsischen Metallbauer: Die Tragkonstruktion für die Haupttreppe über vier Geschosse, dazu 800 Meter Glasgeländer mit Metallhandlauf.
Trotzdem haben die unerfahrenen Subunternehmer aus dem Osten am Ende viel Lehrgeld gezahlt. "Einen Tag nachdem unser Auftraggeber sein Geld vom bayerischen Staat erhalten hatte, meldete er Konkurs an. Eine Million Mark haben wir damals verloren", sagt Reiner Schubert, der auf ein juristisches Nachspiel verzichtete. "Man soll schlechtem Geld kein gutes hinterherwerfen", zitiert der 72-Jährige ein englisches Sprichwort. Lieber investierte er vier Millionen in den neuen Standort in Markersdorf.
Verschiedene Bereiche von PGH übernommen

Direkt an der B6 kurz vor Görlitz gelegen, lassen die blauen Werkhallen auf einem 15.000 Quadratmeter großen Areal, mehr als die Hälfte davon bebaut, eher Industrie als klassisches Handwerk vermuten. "Stahlbau ist platzintensiv", sagt Reiner Schubert. 70 bis 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet die Metallbau Schubert GmbH heute mit dem Stahlbau. Den Rest steuern die Bereiche SHK, Haustechnik und Fensterbau bei, erklären Kerstin Thun und Dirk Schubert. Die Kinder von Reiner Schubert führen seit 2018 die Geschäfte des Unternehmens mit mehr als 130 Mitarbeitern und 15 Lehrlingen. Die verschiedenen Bereiche des Betriebs gehen auf die PGH zurück.
1973 wurde sie von drei Schmiedemeistern gegründet. "Aber sie mussten noch einen Klempnermeister aufnehmen, weil jede PGH auch für den Bevölkerungsbedarf da sein musste", sagt Reiner Schubert. Heute erweist sich die Bandbreite des Betriebes als Glücksfall. "So können wir Schwankungen am Markt besser ausgleichen", sagt Dirk Schubert.
Elektromärkte helfen über schwierige Startphase
Auch die PGH Elektrik Vacha war von Beginn an breit aufgestellt. 1958 schlossen sich drei Betriebe zusammen: Ein Rundfunkmechaniker, ein Motorenwickler und ein Elektroinstallateur. Nach dem Neustart 1990 half der Handel in den Elektromärkten über die Zeit der Akquise neuer gewerblicher Großkunden hinweg. "Es gab ja einen riesigen Bedarf an Sat-Anlagen, Fernsehern, Waschmaschinen oder Kühlschränken", erklärt Frank Weih. Er hat 1981 als Lehrling in der PGH angefangen und ein Jahr vor dem Mauerfall seinen Meisterbrief erhalten. 2010 übertrug ihm sein Vater die Geschäftsführung.
Farbfernseher waren schon zu DDR-Zeiten bei der PGH-Kundschaft besonders beliebt. Allerdings mussten die Geräte vor dem Verkauf technisch so präpariert werden, damit die Bewohner im Sperrgebiet direkt an der grünen Grenze keine Westsender schauen konnten. "Nach Feierabend sind wir dann nochmal zu den Kunden hin und haben den Westempfang wieder eingerichtet. Selbst die Genossen oder Polizisten wollten ja Westfernsehen schauen", erzählt Harald Weih.
Kein Wunder, dass die Staatssicherheit ein Auge auf die PGH geworfen hatte, wie Harald Weih nach der Wende in seiner Stasiakte lesen konnte. "Da stand auch viel Blödsinn drin. Die Führungsoffiziere musste ja irgendwas abliefern. Aber ich habe leider auch erfahren, dass ich sogar von Familienangehörigen aus der Nachbarschaft bespitzelt worden bin“, sagt Weih.
Sehr gute Handwerker, die aus nichts etwas machen mussten
Auf viele seiner ehemaligen Kollegen in der PGH lässt er aber nichts kommen. "Das waren alles sehr gute Handwerker. Die mussten oft aus nichts etwas machen." Das sei heute anders. Den Wandel der vergangenen drei Jahrzehnte bekommt auch der aktuelle GmbH-Geschäftsführer zu spüren. "Nach der Wende wollten alle gutes Geld verdienen und sind gerne auf Montage in die alten Bundesländer gefahren. Heute geht es um Work-Life-Balance", sagt Frank Weih.

2015 habe man sich bei Elektrik Vacha daher von der Montage verabschiedet, nicht nur wegen der Mitarbeiter. "Wir haben bei den Aufträgen für Generalunternehmen viel Geld verloren, bis zu 30.000 Euro Anwaltskosten pro Jahr", ärgert sich Weih und setzt heute lieber auf partnerschaftliches Arbeiten. Aufträge werden nur noch im Umkreis von 100 Kilometern angenommen. Die Monteure sind jeden Abend bei ihren Familien. Und sie bekommen die Fahrten bezahlt, werden über Tarif entlohnt und mit Prämien am Erfolg der Baustelle beteiligt.
Referenzen von München bis Dresden
Mehr als drei Jahrzehnte nach der Privatisierung kann sich die Bilanz der beiden Handwerksbetriebe sehen lassen. Stahlkonstruktionen von Metallbau Schubert stecken in der BMW-Welt in München, dem gläsernen Plenarsaal des sächsischen Landtages oder dem Cube in Dresden, dem weltweit ersten Haus aus Carbonbeton. Nächstes Jahr wird Schubert die Stahlkonstruktion für eine 180 Meter lange S-förmige Radbrücke in Chemnitz beisteuern, blickt Dirk Schubert voraus. Sein Vater freut sich über die Reputation, die das Unternehmen genießt. Rückblickend sagt Reiner Schubert: "Ich würde das meiste wieder so machen. Der Erfolg hat mir recht gegeben."
Auch Harald Weih muss keine schlaflosen Nächte mehr haben. Elektrik Vacha ist gut aufgestellt, nicht zuletzt wegen des hohen Engagements in der Ausbildung. Über viele Jahre hinweg gehörten stets 15 bis 20 Lehrlinge zur Belegschaft, aktuell werden zwölf Azubis ausgebildet. Und mit Marcus und Tobias Weih steht die dritte Generation schon in den Startlöchern, das Werk des Großvaters einmal in die Zukunft zu führen.
Vacha
Die thüringische Kleinstadt lag bis zum Mauerfall im fünf Kilometer breiten Sperrgebiet entlang der grünen Grenze, direkt gegenüber dem hessischen Philippstal. Wer nach Vacha wollte, benötigte eine Art Passierschein. Heute sind Vacha und Philippstal wieder über die mittelalterliche Steinbogenbrücke über die Werra verbunden. Am 9. November feiern die Bürger beider Gemeinden jedes Jahr auf ihrer „Brücke der Einheit“ die Grenzöffnung.
Quelle und weitere Informationen: Grenz-Erinnerungen