Kolumne Pedanterie: Wenn Azubis zu genau arbeiten

Die Pedanterie ist eine übertriebene Genauigkeit und starke Ordnungsliebe. Mit dieser Eigenschaft geht aber häufig auch der Blick für die Zusammenhänge verloren. Ausbildungsberater Peter Braune erklärt, wie Ausbilder damit umgehen können, wenn Azubis sehr genau – oder auch zu genau arbeiten.

Pedanterie kann im Arbeitsalltag Vor- und Nachteile haben. Wichtig ist, den Umgang damit zu gestalten. - © Karin & Uwe Annas - stock.adobe.com

Ein Fall aus der Ausbildungspraxis: Ein Meister hatte es mit einem Lehrling zu tun, der sehr akribisch arbeitete und zur Pedanterie neigte. Nach vielen Bemühungen hatte er endlich einen Bewerber für eine Lehre als Kaufmann für Büromanagement gefunden. Im Verlauf der Probezeit und auch danach musste er jedoch feststellen, dass der junge Mann übertrieben gewissenhaft und gründlich war. Er hat große Angst vor Fehlern, Schuld und Strafe, die nach seinem Gefühl sogar zur Auflösung des Lehrvertrages führen könnten.

Pedanterie kann im Arbeitsalltag schwierig sein

Er hatte zwar einen sehr guten Blick auf alle Einzelheiten, es fiel ihm dann aber schwer, eine Entscheidung hinsichtlich richtig oder falsch zu treffen. Einwände hatte er nicht gelten lassen. Schnell schuf er sich ein sicheres Umfeld. Das wollte er möglichst nicht verlassen. Auch wenn scheinbar alles gut gelaufen war, beurteilte er sich, seine Umgebung und Arbeit schlecht.

Das alles hatte der Meister im Praktikum nicht bemerkt. Der Junge war während seiner Schulzeit vier Wochen im Betrieb. Doch erst später bemerkte er, dass der jetzige Azubi sich in seine Genauigkeit hineinsteigerte und zur Pedanterie neigte. Seine Unsicherheit oder empfindliche Wesensart konnte er lange verbergen.

Auf der einen Seite konnte der Meister keinen Erbsenzähler gebrauchen. Doch dann überlegte er, ob die Pedanterie nicht auch ein Vorteil sein könnte. Es gibt ja durchaus Berufe, bei denen dieses Merkmal im Zusammenhang mit den Finanzen wichtig ist. Solchen Leuten fällt es leicht, mit Zahlen umzugehen, nach Fehlern zu suchen und die Einzelheiten zu verfolgen, an die viele Menschen nicht denken.

Pedanterie: Die Vorteile nutzen

Er tauscht sich sicherheitshalber noch mit einigen Kollegen aus. Einer hat die Erfahrung gemacht, dass eine Pedantin sehr zuverlässig und verantwortungsvoll war. Aus weiteren Gesprächen sammelte er Hinweise zum Umgang mit der Pedanterie und gestaltete die Lehrstelle dann so, dass er die Eigenschaften bewusst nutzen konnte.

Er ging so vor und nahm sich Folgendes vor im Umgang mit dem Azubi:

  • Zunächst Sicherheit schaffen.
  • In vertretbarem Umfang verständnisvoll sein.
  • Erst einmal alles in Ruhe durchdenken lassen.
  • Die Genauigkeit durch inhaltliche und zeitliche Vorgaben steuern.
  • Die Talente nutzen.
  • Unaufgefordert Zwischenergebnisse zeigen lassen.
  • Immer wieder das Gespräch suchen.
  • Die Angst vor Kontrollverlust nehmen.
  • Aufgaben übernehmen lassen, die viel Sorgfalt erfordern.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.