Die Evolution hält nicht Schritt mit dem Tempo, in dem sich die digitale Welt entwickelt, sagt Augenoptikerin und Buchautorin Kerstin Herter. Die Folge: Milliarden Kurzsichtige. Im Interview spricht Herter über ihr "Wahnsinnshandwerk", dem sie goldene Zeiten voraussagt.
Der Sehsinn ist durch die digitale Welt gestresst. Probleme wie Kurzsichtigkeit können die Folge sein. Darüber und über die Zukunft des Augenoptikerhandwerks sprach Jan Peter Kruse, Moderator des Handwerker Radios, mit Kerstin Herter im Podcast "Handwerk erleben". Herter ist Augenoptikerin, Buchautorin und Augen-Expertin im Sat.1-Frühstücksfernsehen.
Lass uns über das Auge sprechen, genauer gesagt über das gestresste Auge. Du schreibst, der Sehsinn ist eigentlich für Jäger und Sammler gemacht – nicht für die digitale Welt …
Kerstin Herter: Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, dass wir den ganzen Tag auf Bildschirme schauen. Denn das Auge ist Sinnesorgan Nummer eins in der digitalen Welt. Unsere Evolution ist leider nicht so schnell, wie sich die digitale Welt entwickelt. Wir sind nicht für den ständigen Blick in die Nähe gemacht. Und das macht etwas mit unserem Wohlbefinden und auch natürlich mit unserer Gesundheit.
Also sind das Smartphone oder der Bildschirm nicht zwangsläufig die Ursache für Augenprobleme?
Das Grundproblem ist der Abstand. Man hat um sich herum einen Radius von sechs Metern. Und bei allem, was wir innerhalb dieser sechs Meter anschauen, ist unsere Augenmuskulatur angespannt. Das ist, als wenn Du den ganzen Tag in der Kniebeuge hockst. Das geht noch drei, vier, fünf Minuten morgens ganz gut. Nach drei, vier, fünf Stunden hast Du da größere Probleme. Unsere Augenmuskulatur lässt erst locker, wenn wir über diese sechs Meter hinausschauen. Das hat Folgen. Wir empfinden Daueranspannung und Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Nackenschmerzen. Und das kostet uns unheimlich viel Energie.
Das heißt, es ist der Abstand, der uns Probleme bereitet?
Genau dieser Abstand ist das Problem, denn die digitale Welt fordert diese Nähe von uns. Dazu kommen natürlich noch andere Faktoren. Ich bekomme am Bildschirm extrem viel Blaulicht ab.
Müssen wir damit rechnen, dass immer mehr Menschen kurzsichtig werden?
In Asien sind quasi 80 Prozent der Schulabgänger schon in der Kurzsichtigkeit. In Europa liegen wir noch ein Stück weit drunter, da sind wir knapp unter 50 Prozent in dieser Altersklasse. Aber die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass im Jahr 2050 etwa die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein wird.
Da kommt viel Arbeit auf die Augenoptiker zu. Wie siehst Du die Zukunft für dieses Handwerk?
Augenoptik ist ein Wahnsinnshandwerk mit großer Zukunft. Das Thema Gesundheit, das Thema Vorsorge wird an Bedeutung zunehmen. Und ich habe Wahnsinnsmöglichkeiten, mich fortzubilden, es gibt verschiedenste Spielwiesen. Ich bin das beste Beispiel dafür: Ich habe sowohl klassische Augenoptikgeschäfte gehabt, ich habe in der Industrie gearbeitet und ich mache heute immer noch Optik, wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise.
Du meinst, die Vielfalt der Möglichkeiten macht den Beruf so reizvoll?
Die klassische Augenoptiker-Ausbildung bis zum Gesellen dauert drei Jahre. Dann kann man den Meister draufsatteln. Du hast in der Augenoptik auch die Möglichkeit, Diplom-Ingenieur zu werden. Das sind oft diejenigen, die dann in den Bereich der Industrie gehen.
Und Diplom-Betriebswirtin bist Du auch noch …
Man muss dazu sagen, ich bin in eine Handwerkerfamilie geboren. Ich hatte von klein auf die Leidenschaft dafür. Schon als kleines Mädchen bin ich mit meinem Papa sonntags gerne in die Werkstatt gegangen und habe Brillen gebaut. Und trotz allem wollte ich dann zunächst überhaupt nicht in die Augenoptik, weil ich dachte, die ganze Familie ist in dem Bereich, da muss ich was anderes machen.
Und wozu hast Du Dich dann entschlossen?
(lacht) Ich bin so kreativ gewesen, dass ich dachte, BWL ist jetzt mal was ganz Außergewöhnliches. Dann habe ich BWL studiert, witzigerweise aber auch als Werksstudentin bei OBI. So ganz weg vom Handwerk hat es mich dann doch nicht geführt, auch wenn es dann etwas größere Maschinen waren. Das war eine spannende und lehrreiche Zeit.
Und wie kamst Du dann zurück in die Augenoptik?
Nach dem Studium habe ich mir überlegt, also wenn ich noch in die Optik will, muss ich eine Ausbildung machen. Mir war klar, BWL alleine reicht nicht, sondern ich brauche das wirkliche Handwerkszeug. Und dann habe ich mich entschieden, noch mal die klassische Augenoptikerausbildung zu absolvieren und zur Berufsschule zu gehen. BWL-Studium und Ausbildung, das war unterm Strich eine Wahnsinnskombination, auch wenn das im ersten Moment nie so geplant war.
Warum?
Die Kombination aus BWL und Handwerk hat mir viele Türen geöffnet. Ich habe im Prinzip alle Facetten der Branche kennengelernt. Ich habe für die Industrie gearbeitet. Ich habe für einen Marketingverbund in der Optik gearbeitet. Ich habe für Augenoptikketten gearbeitet und für die klassischen Augenoptiker. Ich habe die Branche von allen Seiten kennengelernt und das möchte ich nicht missen.
Wie wir unseren gestressten Sehsinn trainieren können, verrät Kerstin Herter im Podcast "Handwerk erleben". Die komplette Folge finden Sie in der Mediathek.
