In dieser Rubrik machen Leser ihrem Ärger Luft. Ob Chef oder Mitarbeiter, jeder Handwerker kann der Redaktion in einem kurzen Text sein Problem schildern. Die Redaktion prüft und bearbeitet den Inhalt, vertieft ihn aber nicht. Heute: Bürokratie am Bau, die durch Nachhaltigkeits-Zertifizierung verursacht wird.

Karl Braun, Senior-Chef des Unternehmens Karl Braun Innenausbau, hat von Bürokratie die Nase gestrichen voll. In einem Brief wendet sich der Bauunternehmer aus Haiterbach in Baden-Württemberg daher ans Bundesbauministerium und die Fraktionsvorsitzenden der Ampel-Koalition. Braun schreibt: "Seit vielen Jahren propagieren alle im Bundestag vertretenen Parteien den Abbau von Bürokratie. In Wirklichkeit passiert aber das Gegenteil. Der Ideenreichtum der Politiker ist äußerst kreativ, wenn es um neue Bürokratien geht. Vieles wird dabei in der EU kreiert und die nationalen Gremien bemühen sich, dann noch draufzusatteln."
36 Seiten Formulare
Er verdeutlicht das an einem aktuellen Beispiel: Aufgrund einer öffentlichen Ausschreibung bekam sein Unternehmen den Auftrag für den Innenausbau am Sportzentrum Buxtehude Nord. Kurz darauf erhielt seine Firma die Mitteilung, dass das Projekt nach DGNB-Zertifizierung abgewickelt werden muss. Diese Anforderung wurde mit 36 Seiten Text und Formularen hinterlegt.
"Darin werden Forderungen erhoben, dass alles, was an Material eingesetzt wird und alles was an Einrichtung benützt wird, eine besondere Zertifizierung braucht, unter Begriffen, die wir nicht kennen und nicht verstehen. Das Ganze erzeugt sinnlosen Aufwand und Kosten, die wir für unzumutbar halten." Braun spricht von einer "von den Grünen erfundenen Zusatzbürokratie". Sein Fazit: "Wenn alles wie verlangt 1 zu 1 umgesetzt wird, kommt es auch zu enormen Bauzeitverzögerungen, die zusätzlich Kosten erzeugen."
Bundesbauministerium und FDP antworten
Inzwischen hat Braun Antworten auf seine Brandbriefe erhalten – vom Bundesbauministerium und von der FDP-Fraktion. Beide betonen, wie wichtig ihnen der Bürokratieabbau sei, äußern sich allerdings nicht konkret zu dem von Braun geschilderten Fall.
FDP-Fraktionschef Christian Dürr führt das Wachstumschancengesetz, das Zukunftssicherungsgesetz und die Reform des Postgesetzes an. Außerdem die E-Rechnung und die fortschreitende Digitalisierung der Verwaltung. "Deutschland braucht insgesamt mehr Freiheit und mehr Tempo, damit es sich entfalten kann", schreibt er. Hoffnung setzt der FDP-Politiker auch in ein Online-Bürokratieentlastungsportal und die Reform des Vergaberechts. Das Bundesbauministerium verweist auf den "Pakt für Planungs-, Genehmigungs- und Umsetzungsbeschleunigung", führt die Novelle des Baugesetzbuchs und den "Gebäudetyp E" auf. "Die Bundesregierung teilt [...] Ihre Auffassung, dass in Deutschland Vieles zu langsam und zu bürokratisch ist", schreibt das Ministerium.
DGNB nimmt Stellung
Die von Braun erwähnte Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) nimmt ausführlich Stellung zu seinen Aussagen. "Gerne möchten wir ihn einladen, sich näher mit dem Thema Gebäudezertifizierung auseinanderzusetzen, um die dabei verfolgten Zielsetzungen des nachhaltigen Bauens genauer zu verstehen", heißt es auf Anfrage der Deutschen Handwerks Zeitung.
Eine DGNB-Zertifizierung sei ganz grundsätzlich etwas Freiwilliges und keine gesetzliche Pflicht. "Das heißt, dass der Bauherr sich entschlossen hat, seinen Bau unter ganzheitlichen Nachhaltigkeitsaspekten zu planen und zu bauen, begleitet durch eine unabhängige Nachweisführung, die die tatsächlich erreichte Nachhaltigkeitsqualität dokumentiert." Dabei diene das Zertifizierungssystem der DGNB als Planungs- und Optimierungstool, das dabei helfe, die unterschiedlichsten Aspekte des nachhaltigen Bauens frühzeitig zu berücksichtigen und in Einklang zu bringen – für die jeweils individuelle Bauaufgabe im Rahmen des vorhandenen Budgets.
"Anmerken möchten wir, dass das 36-seitige Dokument mit Vorbemerkungen zur Ausschreibung nicht von der DGNB selbst kommt, sondern von den Projektbeteiligten für die Zusammenarbeit mit den beteiligten Gewerken erstellt wurde. Dieses liegt uns nicht vor, sodass wir die Qualität des Formulars nicht beurteilen können. Es ist nicht gleichzusetzen mit dem durch die DGNB frei veröffentlichten Kriterienkatalog."
Angebote für Handwerker
Weiter schreibt die DGNB: "Unabhängig davon stimmt es, dass wir für das Handwerk bislang vielleicht noch nicht ausreichend viele Fort- und Weiterbildungsformate in unserer DGNB-Akademie anbieten, die Fachkräfte wie Herrn Braun bei der richtigen Einordnung besser unterstützen. Hier arbeiten wir aber bereits an der Entwicklung eines für die Zielgruppe passenden Angebots."
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