Olympische Spiele 2024 in Paris Der Konditor mit der olympischen Bronze-Medaille

"Das ganze Olympia-Erlebnis war einfach nur surreal", sagt Noah Hegge über seine ersten Olympischen Spiele. Seinen Bronze-Gewinn im Kajak-Cross hat der gelernte Konditor noch immer nicht ganz verarbeitet. Im Interview gibt er Einblicke hinter die Kulissen der Olympischen Spiele, erzählt vom Leben im olympischen Dorf und erklärt, welchen Anteil sein Ausbildungsbetrieb an seinem sportlichen Erfolg hat.

Paris 2024: Noah Hegge beim Kajak Cross
Bronze für Noah Hegge: "Keine Ahnung, was da mit mir los war, eigentlich habe ich meine Emotionen immer im Griff." - © picture alliance/dpa | Sebastian Kahnert

Am 5. August 2024 steht Noah Hegge im Finale des Kajak-Cross bei den Olympischen Spielen in Paris. Der Start verläuft nicht optimal: "Hegge hat Schwierigkeiten, er ist zwischen zwei Konkurrenten eingeklemmt, jetzt muss er sich durchsetzen", sagt die ARD-Kommentatorin. Und genau das gelingt dem gelernten Konditor: Knapp 70 Sekunden später beendet der 25-Jährige das Rennen als Dritter und sichert sich die Bronze-Medaille.

Dann sein großer Jubel, er schreit, er freut sich, er schlägt sein Paddel gegen das Kajak. Rückblickend erzählt er: "Keine Ahnung, was da mit mir los war, eigentlich habe ich meine Emotionen immer im Griff." Aber nach diesem Ergebnis seien alle Gefühle und Emotionen durch ihn durchgeschossen, es hätte sich wie im Film angefühlt. Im Interview verrät der Augsburger mehr über seine olympischen Leistungen, seine Erlebnisse im olympischen Dorf und warum er stolz ist, eine Ausbildung im Handwerk abgeschlossen zu haben:

Interview mit Olympia-Medaillengewinner Noah Hegge

Herr Hegge, in einem Interview direkt nach dem Rennen haben Sie gesagt, dass Sie noch ein paar Wochen brauchen, um das alles zu verstehen und zu verarbeiten. Ist Ihnen das inzwischen gelungen?

Noah Hegge: Es ist immer noch so surreal für mich, aber ich habe es jetzt schon mehr realisiert als kurz nach dem Rennen. Mein Team und ich haben so viel Arbeit und Zeit in diesen Moment und diese Medaille investiert und für mich ist dieser Erfolg immer noch nicht wirklich greifbar. Jedes Mal, wenn ich auf die Bronze-Medaille schaue, denke ich nur, wie verrückt das alles ist. Aber ich brauche noch ein paar Wochen, um das zu verarbeiten. Im Moment habe ich einfach noch sehr viele Termine und wenig ruhige Zeit. Sobald ich im Urlaub bin, kann ich alles sacken lassen und verarbeiten.

Wie ging es für Sie direkt nach dem Rennen weiter?

Alles war vom Veranstalter genau geplant und getaktet. Es war schon verrückt, wie viele verschiedene Termine es gab. Nach dem Rennen wurde ich aus dem Boot geholt und in die Umkleidekabine begleitet. Danach ging es direkt zur Siegerehrung. Es war ein unbeschreibliches Gefühl auf dem Treppchen zu stehen. Danach wurde ich in die Mixed-Zone gebracht, wo ich einigen Reportern Fragen beantworten musste. Als ich fertig war, wurde ich mit dem Shuttle in die Stadt gefahren, um dort weitere Interviews zu geben. Dabei wurde ich von einer Pressesprecherin begleitet, die mir immer gesagt hat, wo ich als nächstes hin muss. Erst danach ging es mit dem nächsten Shuttle zum Deutschen Haus, wo alle Olympioniken untergebracht waren. Dort habe ich dann endlich meine Familie und Freunde gesehen, das war circa fünf Stunden nach dem Finalstart.

Mit denen wurde die Medaille dann gebührend gefeiert, oder?

Genau, nach getaner Arbeit wurde endlich gefeiert. Elena Lilik (Kanuslalom; Anm. d. Red.) war auch dabei, sie hatte vorher auch die Silber-Medaille für Deutschland gewonnen. Wir hatten eine wirklich schöne Zeit und die Feier ging auf jeden Fall ziemlich lange.

Hätten Sie sich zu Beginn der Spiele vorstellen können, dass Sie eine Medaille gewinnen würden?

Noah Hegge im Ziel
Bronze-Medaille für Noah Hegge: Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris konnte sich der Augsburger für seine harte Arbeit belohnen. - © Lars Palmer

Mein Trainer und ich haben uns darauf geeinigt, dass wir uns nur auf uns selbst konzentrieren. Ich sollte alle meine Fähigkeiten abrufen, mich nicht aus der Ruhe bringen lassen und einfach mein Ding auf dem Kanal durchziehen. Wir wussten, wenn ich das schaffe, kann ich eine Medaille mit nach Hause nehmen. Nachdem es im Slalom leider nicht geklappt hat – ich wurde Neunter – mussten wir den Schalter umlegen und uns voll auf den Cross fokussieren. Das war unser Mindset.

Und mit dieser Einstellung waren Sie auch erfolgreich. Wie lange haben Sie sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet?

Es ist super schwer zu sagen, wann für mich die reine Olympiavorbereitung begonnen hat. 2021 habe ich mich zum ersten Mal für das Herrenteam qualifiziert. Aus diesem Pool werden dann die Olympiateilnehmer ausgewählt. Ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich 2024 nach Paris will und dabei sein möchte. Mein Ziel war es, bis dahin der Beste in Deutschland zu sein. Damit begann für mich der Prozess, mich im Training und im Wettkampf kontinuierlich zu verbessern, Fehler zu minimieren und besser zu werden. Vor allem war es wichtig, den Wettkampfdruck kennenzulernen, um mit dem Druck bei der Olympia-Qualifikation und den Spielen selbst umgehen zu können. Im Frühjahr dieses Jahres war dann klar, dass ich in Paris dabei bin und damit mein Ziel erreicht habe.

Kurz vor dem Start, als Sie in der Start-Box waren, konnte man im Fernsehen sehen, wie Sie mit sich selbst gesprochen haben. Ist das ein Ritual von Ihnen und was haben Sie gesagt?

Ich hatte in meiner Karriere schon viele sportliche Rückschläge, deshalb arbeite ich seit etwa einem Jahr mit einem Sportpsychologen zusammen. Mit ihm habe ich viele Rhythmen und Abläufe vor dem Wettkampf erarbeitet. Diese helfen mir, mich zu konzentrieren und mental bei der Sache zu bleiben. Es sieht zwar aus wie ein Selbstgespräch, aber eigentlich gehe ich nur noch einmal laut die wichtigsten Punkte durch: Worum geht es jetzt? Was ist wichtig? Worauf kommt es jetzt an? Und bei der enormen Lautstärke vor dem Start war ich vielleicht ein bisschen lauter, dass die Fernsehzuschauer das gleich mitbekommen haben. Aber das war mir in dem Moment gar nicht so bewusst.

Was war Ihr nicht-sportliches Highlight bei den Olympischen Spielen in Paris?

Es ist sehr schwer, hier nur eine Sache zu sagen. Die ganze olympische Erfahrung war einfach crazy und ein Wahnsinnserlebnis. Ich glaube, es waren die Begegnungen mit all den anderen Athleten bei der Eröffnungsfeier und im Olympischen Dorf. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, wie das Leben vor Ort ist. Das ist einfach eine eigene Welt. Es war eine Reizüberflutung, weil man so viele verschiedene Eindrücke bekommt, die man gar nicht alle aufnehmen kann. Ich fühlte mich wie in einem Film und mein Kopf konnte das alles gar nicht verarbeiten. Ich habe fast einen Monat dort gelebt und wusste manchmal gar nicht, welcher Wochentag ist. Man lebt dort nach Daten und Terminen, nicht nach Tagen. Alltägliche Dinge wie Einkaufen fallen weg, alles wird einem abgenommen und es gibt immer etwas zu essen und zu trinken.

Hatten Sie mit den besten Sportlern der Welt auch Fan-Momente im Olympischen Dorf?

Ja, die hatte ich. Überall waren große Stars, egal ob Sportler, Prominente oder Ex-Sportler. Aber jeder muss sich natürlich auf seinen Wettkampf konzentrieren, deshalb habe ich nicht viele Leute angesprochen. Wir sind alle Sportler und wollen gewinnen. Mit den deutschen Basketballern Dennis Schröder und Franz Wagner habe ich ein Selfie gemacht, aber sonst habe ich mich sehr zurückgehalten. Unter den deutschen Athleten gab es eine gute Verbindung, wir haben uns auch immer an der Kleidung erkannt. Aber natürlich bin ich auch mit den Athleten aus den anderen Ländern ins Gespräch gekommen. Meistens ist es aber nur ein kurzer, oberflächlicher Smalltalk zum Kennenlernen. Einen kleinen Fan-Moment hatte ich bei Leuten wie dem Schwimmer Michael Phelps, dem Tennisspieler Rafael Nadal oder der Turnerin Simone Biles. Ich habe nicht mit ihnen gesprochen, aber ich habe sie gesehen. Und das sind alles Legenden, das ist schon verrückt.

Sie haben die Eröffnungsfeier in Paris erwähnt, was war das für ein Erlebnis?

Es war eine wilde Erfahrung. Wir hatten eine Kleiderordnung, an die wir uns halten mussten. Da unser Deutschland-Boot sehr weit vorne war, wurden wir schon circa vier Stunden vor dem Start mit dem Bus abgeholt. Paris ist wirklich eine riesige Stadt, aber für die Busse war die ganze Strecke abgesperrt. Wir fuhren über völlig leere Straßen und Brücken. Die Fahrt über die Seine war surreal. Die Zuschauer am Ufer hatten einen Riesenspaß und auf unserem deutschen Boot war eine geniale Stimmung. Überhaupt sind alle Athleten im Team Deutschland ganz normale Menschen, die einfach ihr Leben leben und durch den Sport verbunden sind. Und das ist wirklich schön. Als es dann anfing zu regnen, wurde es natürlich etwas kälter. Das Organisationsteam wusste übrigens immer, wo die Kameras stehen. Da hieß es dann auch mal, dass die nächsten 30 Sekunden gewunken werden muss. Das kannte ich alles sonst nur aus dem Fernsehen. Es war schon lustig, das selbst zu erleben.

Sie sind gelernter Konditor, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihrem Sport und Ihrem erlernten Beruf?

Für meine sportliche Karriere war es sehr wichtig, dass ich diese Ausbildung gemacht habe. So habe ich gelernt, was alles zu einem Berufsalltag gehört, wie man mit den Händen etwas schafft und wie man im Team arbeitet, damit das Endergebnis stimmt.

Sie waren 16 Jahre alt, als Sie sich für eine handwerkliche Ausbildung entschieden haben. Warum wollten Sie damals Konditor werden?

Ich wusste, dass ich etwas Handwerkliches machen wollte und machte ein Schulpraktikum in der Augsburger Konditorei Euringer. Nach den zwei Wochen war ich einfach begeistert und hatte Spaß an der Arbeit, dem Zusammenhalt im Team und am Ende sehen zu können, was ich geschaffen hatte. Und mit meinen Kuchen und Torten konnte ich andere Menschen glücklich machen, was gibt es Schöneres? Nach dem Praktikum wusste ich sofort, dass ich in diesem Betrieb eine Ausbildung zum Konditor machen möchte.

Sie waren damals schon in der Jugendnationalmannschaft, wie konnten Sie das mit der Ausbildung verbinden?

Noah Hegge: "Für meine sportliche Karriere war es sehr wichtig, dass ich die Ausbildung zum Konditor gemacht habe." - © Michael Neumann

Das war nur möglich, weil die Konditorei Euringer meinem Sport gegenüber so aufgeschlossen war und mich immer unterstützt hat. Dafür bin ich auch heute noch unendlich dankbar. Außerdem ließ sich die Arbeitszeit super mit dem Sport vereinbaren, von morgens bis mittags arbeiten und dann mit dem Fahrrad zum Training oder Wettkampf. Meinem Chef habe ich schon beim Vorstellungsgespräch gesagt, dass ich in der Jugendnationalmannschaft bin und mein Ziel ist, Profi zu werden. Er war super kooperativ, was ich nicht für selbstverständlich halte. Ich hatte mehr Wettkampftage als Urlaubstage, also hat er mich auch oft freigestellt. Nur so konnte ich meine sportlichen Ziele mit den Ausbildungszielen verbinden und alles erreichen. Noch heute bin ich ein stolzer Handwerker und denke gerne an diese Zeit zurück.

Aber Spitzensportler und Kuchenliebhaber – lässt sich das überhaupt verbinden?

Nach dem Wettkampf kann ich das auf jeden Fall sehr gut kombinieren – da gibt es immer etwas Leckeres als Belohnung. Vor dem Wettkampf ist es natürlich schwierig, da muss ich mich an meinen strikten Ernährungsplan halten und da ist ein Kuchen leider nicht drin. Dafür schmeckt es danach umso besser, da darf es gerne etwas fettiger, ungesünder und leckerer sein. Außerdem brauche ich das für meinen Kopf, sich alles zu verbieten ist auch nicht gesund.

Haben Sie einen Lieblingskuchen als Belohnung nach dem Wettkampf?

Schwierig, weil die Auswahl so groß ist. Aber im Allgemeinen schmeckt das, was Mama kocht oder backt, immer am besten. Beim Kuchen bin ich aber sehr flexibel, ob fruchtig oder schokoladig. Das Wichtigste ist für mich, dass der Kuchen nicht zu süß und dafür schön luftig leicht ist. Beim Backen, sollte das Ziel sein, dass man quasi den ganzen Kuchen essen kann und nicht nach dem ersten Stück aufhören muss, weil es sonst zu viel für den Magen wird. Das ist meiner Meinung nach die große Kunst und wenn das gelungen ist, bleibt es bei mir nie bei einem Stück.

Nach der dreijährigen Ausbildung wechselten Sie direkt in die Sportfördergruppe der Bundeswehr und sind dort bis heute beschäftigt. Können Sie sich vorstellen, in Zukunft noch einmal in Ihren erlernten Beruf zurückzukehren?

Das kann ich mir gut vorstellen. Mein Bruder ist Koch, mit ihm könnte ich gemeinsam etwas aufbauen oder ihn unterstützen. Dann könnte ich wieder etwas mit meinen Händen machen und in den kulinarischen Bereich zurückkehren. Ob das dann nur Süßgebäck ist oder ob wir das breiter aufstellen, weiß ich noch nicht. Aber ich möchte auf jeden Fall etwas mit Lebensmitteln machen.

Noah Hegge im Kajak-Cross: Das komplette Finale