Schlechte Gewohnheiten ablegen Self Nudging: Kleiner Stupser, große Veränderung

Rechnungen regelmäßig schreiben, Pausen einhalten, die Mitarbeiter häufiger loben: Schon mit kleinen Tricks können Handwerkschefinnen und -chefs ihren inneren Schweinehund bezwingen. Das verspricht die Strategie Self Nudging. So klappt's.

Illustration: Geschäftsmann läuft durch Köpfe.
Nudging ist eine Methode aus der Verhaltensökonomie. Dabei wird mithilfe eines zielgerichteten "Stupsers" das eigene Verhalten in die richtige Richtung gelenkt. - © Who is Danny - stock.adobe.com

Wieder liegt das Werkzeug herum, die Pause wurde übersprungen und die Rechnungen hätten schon längst verschickt werden müssen. Schlechte Gewohnheiten abzulegen, fällt auch Handwerkschefinnen und -chefs schwer. Die gute Nachricht: Schon klitzekleine Eingriffe können helfen, die eigenen Verhaltensweisen nachhaltig zu beeinflussen. Das zumindest verspricht die Methode des Self Nudgings. Dabei handelt es sich um eine Strategie der Verhaltensänderung. "Der Begriff 'Nudge' bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie 'Anstoßen' oder 'Stupsen'. Ein 'Nudge' ist ein zielgerichteter Impuls, der das Verhalten positiv beeinflusst", erklärt Dr. Sabine Meier, Unternehmensberaterin und Inhaberin von Health at Work in Bielefeld.

Self Nudging: Wie können Nudges aussehen?

Nudging ist eine Methode aus der Verhaltensökonomie. Die ursprüngliche Idee dahinter: Das Verhalten anderer Menschen soll mithilfe der Nudges beeinflusst werden. Ein Nudge kann ganz unterschiedlich aussehen: Es kann sich zum Beispiel um eine bereitgestellte Information, einen Warnhinweis oder eine automatische Einstellung handeln. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Fliege im Urinal. So werden in Männertoiletten häufig kleine Aufkleber angebracht, die wie Insekten aussehen. Das soll dazu motivieren, beim Pinkeln besser zu zielen. Mit Erfolg: Bei vielen solcher Toilettenanlagen konnten die Reinigungskosten gesenkt werden. Weitere Beispiele für Nudges: In der Corona-Krise halfen Linien auf dem Boden dabei, den Sicherheitsabstand einzuhalten. Und in Supermärkten werden einige Produkte bewusst in Sonderverkaufsflächen an der Kasse platziert, um im letzten Moment zum Kauf zu animieren.

Worum geht es beim Self Nudging?

Beim Self Nudging hingegen stellt man nicht das Verhalten anderer, sondern sein eigenes Verhalten in den Fokus. Diese leicht abgewandelte Methode wurde erstmals 2020 von Wissenschaftlern der Universität Helsinki und des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung vorgestellt. "Der Gedanke war: Wenn ich andere zu etwas anstupsen kann, warum kann ich mich dann nicht auch selbst anstupsen?", so Meier, die selbst Workshops zur Methode in Unternehmen und an Unis hält. Die Wissenschaftler unterscheiden vier Strategien des Self Nudging. Meier erklärt, wie diese aussehen und gibt Beispiele, wie Handwerkschefs die Strategien im Betriebsalltag anwenden können:

1. Erinnerungen platzieren

Die erste Strategie des Self Nudgings nutzen viele Menschen bereits intuitiv. "Es werden kleine Erinnerungen oder Aufforderungen platziert. Bekannte Beispiele sind das Post-it am PC-Bildschirm oder der Zettel am Kühlschrank", erklärt Meier. Die Reminder helfen nicht nur dabei, Aufgaben zu erledigen, sondern auch selbstgesteckte Ziele zu erreichen. Im Handwerksbetrieb könnte das zum Beispiel so aussehen: Ein festgelegter Termin im E-Mail-Kalender fordert täglich dazu auf, die Mittagspause wirklich einzuhalten. Oder ist das Ziel, den Mitarbeitern mehr Wertschätzung entgegenzubringen? Überall dort, wo der Blick häufig hinfällt – an den Schreibtisch oder der Tür zum Büro – kann ein Zettel den Chef darauf hinweisen. Um sich noch mehr zu motivieren, empfiehlt Meier zu einem kleinen optischen Trick: "Wählen Sie eine Postkarte mit einem kreativen Motiv oder lustigen Spruch, der Sie auf witzige Art und Weise daran erinnert, Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter häufiger zu loben."

2. Entscheidungen einen neuen Rahmen geben

Beim sogenannten Framing gibt man Entscheidungen einen anderen Rahmen. "Sie entwickeln sozusagen ein Bild, wie Sie sich selbst sehen möchten", erklärt Meier. Die positive Zuschreibung hilft, die Entscheidung in die richtige Richtung zu lenken.

Ein Beispiel: Der Chef ist ständig gestresst, weil er alles selber macht und keine Aufgaben delegiert? Statt zu denken 'Keiner kann's so gut wie ich', sollte er sich folgenden Gedanken vor Augen führen bzw. die Entscheidung wie folgt framen: "Wenn ich anderen meine Aufgaben abgebe, gebe ich ihnen auch die Chance, sich weiterzuentwickeln. Denn ich bin eine Förderin bzw. ein Förderer."

3. Voreinstellungen vornehmen und Zugänglichkeiten erschweren

Ist der Kühlschrank vollgepackt mit gesunden Lebensmitteln, kann man nicht zum Schokoladenriegel greifen. Stehen die Sportschuhe direkt vor der Tür, wird man eher joggen gehen, als wenn sie im Keller stehen. "Bei dieser Strategie erreichen Sie das gewünschte Verhalten, indem Sie entweder die Zugänglichkeit erschweren oder eine Voreinstellung vornehmen, die es Ihnen leichter macht, diese durchzuführen", erläutert Meier. Heißt: Liegt das Smartphone verschlossen in der Schublade, kann der Handwerkschef nicht eben hingreifen, um sich in den sozialen Medien zu verlieren. Und eine radikale, aber wirksame Weise, um den Betrieb fortschrittlicher zu machen, könnte wie folgt aussehen: Nach Sicherung der wichtigsten Daten wird in einer umfassenden Aufräumaktion alles Papier aus dem Büro verbannt und endlich die Software installiert, die den Betrieb digitaler macht. So ist der Chef quasi gezwungen, sich mit den neuen Programmen auseinanderzusetzen. Der Weg zurück zum Papier ist deutlich erschwert. 

4. Sozialen Druck aufbauen

Wer sich gegenüber anderen verpflichtet, dem ist es meist unangenehm, wenn er seine Versprechen nicht einhalten kann. Es wird eine Verbindlichkeit geschaffen. Darauf setzt die vierte Strategie des Self Nudging. Ein Beispiel: Der Handwerkchef möchte seine Ordnung nachhaltig verbessern? Dann kann er sein Team mit ins Boot holen. Meier: "Führen Sie doch ein Punktesystem ein, bei dem Sie und Ihr Team gegenseitig Ihre Ordnung bewerten. Nach einiger Zeit wird dann geschaut, wer die Ordnungskönigin bzw. der Ordnungskönig ist." Übrigens: Auch eine selbstgewählte Strafe kann dazu motivieren, sich selbst Druck auszusetzen. Will der Handwerkschef sich etwa zum Rechnungenschreiben motivieren, kann er sich dafür einen bestimmten Zeitraum abstecken. Wird das Ziel nicht eingehalten, muss er zur Strafe eine hohe Summe an eine unliebsame Partei spenden. Wichtig: Es darf bewusst unangenehm sein.

Das ist noch beim Self Nudging beachten

Um den Erfolg zu erhöhen, können die Nudges auch miteinander kombiniert werden, so Meier. Wichtig: "Ein Nudge ist ein Stupser, kein Rempler." Damit die Verhaltensänderung gelingt, rät die Expertin dazu, Ziele klar zu definieren und diese in kleinen Schritten umzusetzen. Besonders wichtig für die Motivation: "Halten Sie Ihre Erfolge fest", rät die Diplom-Gesundheitswissenschaftlerin. "Möchten Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Beispiel häufiger loben, dann führen Sie eine Strichliste, um sich Ihren Fortschritt vor Augen zu führen."