Harald Lesch, Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist, ist vielen aus der ZDF-Reihe "Terra X" bekannt. Regelmäßig hält er Vorträge über den Klimawandel. Er sieht im Handwerk den entscheidenden Faktor für das Gelingen der Energiewende.

Bei einer Fortbildungsveranstaltung für Realschullehrerinnen und -lehrer im Atrium des Service-Zentrums der Handwerkskammer (HWK) für Schwaben hat Astrophysiker Harald Lesch jüngst einen Vortrag zum Klimawandel gehalten. Er klärte die Lehrkräfte dabei unter anderem über die Auswirkungen des CO2-Gehalts in der Atmosphäre auf. Eine höhere CO2-Konzentration sorge für höhere Temperaturen und habe damit großen Einfluss auf Klima und Wetter, mit den damit verbundenen Konsequenzen wie heftigen Stürmen und Starkregen. Gemeinsam mit Christian Holler, Professor für angewandte Naturwissenschaften und Mechatronik an der Hochschule München, versorgte der Wissenschaftsjournalist die Lehrerinnen und Lehrer mit wichtigen Informationen auch zu den Faktoren für das Gelingen der Energiewende.Sascha Schneider von der Handwerkskammer Schwaben hat mit Harald Lesch, der vielen aus der ZDF-Reihe "Terra X" bekannt ist, gesprochen.
Herr Professor Lesch, wir finden es spannend, dass Sie bei so einer eher kleinen Veranstaltung auftreten und einen Vortrag halten. Warum machen Sie das?
Harald Lesch: Weil ich denke, dass Lehrerfortbildung das Allerwichtigste ist, was ich überhaupt machen kann. Also ich habe noch nie in meinem ganzen Leben etwas Besseres gemacht, als Lehrerinnen und Lehrer über das zu informieren, was wir in den Wissenschaften wissen, damit sie es möglichst schnell und möglichst klar in die Schulen weitertragen können. Ich kenne kaum ein besseres Publikum und eine bessere Situation, als mit Lehrerinnen und Lehrern bei solchen Fortbildungen zu arbeiten. Vor allem auch, weil sie sich intensiv mit ganz wichtigen Themen wie beispielsweise dem Klimawandel beschäftigen und sich Sorgen machen. Deswegen mache ich das.
Was wollen Sie den Lehrkräften mitgeben?
Das war natürlich eine harte Sache heute, mit Kernphysik am Montagmorgen (lacht) ... Aber mir geht es eigentlich darum, den Lehrerinnen und Lehrern eine Argumentationskette an die Hand zu geben, sie anzuregen, sich intensiv mit dem Klimawandel und wissenschaftlichen Erkenntnissen dazu zu beschäftigen. Denn sie kommen ja immer wieder in die Situation, dass Schülerinnen und Schüler mit irgendwelchen, sagen wir mal: alternativen Fakten kommen, die ihnen ihre Eltern erzählt oder die sie in irgendwelchen sozialen Netzwerken aufgeschnappt haben. Damit stellen sie die unterrichteten Inhalte infrage und die Lehrkraft auf die Probe. Und da ist es wichtig, dass eine Person vorne steht, eine Position hat und diese Position inhaltlich so füllt, dass das überzeugt.

Wie groß ist der Einfluss von Lehrerinnen und Lehrern und wie wichtig ist er?
Wir wissen aus ganz großen Studien, dass derjenige Faktor, der am meisten über den Lernerfolg entscheidet, die Lehrkraft und die Glaubhaftigkeit und die Souveränität des gesamten Lehrerteams sind. Das ist das Entscheidende. Nicht die Digitalisierung oder wie viele Kinder in der Klasse sind oder irgendwas, sondern nur diejenigen, die uns unterrichten. Das merkt man übrigens auch bei uns allen daran, dass wir uns noch an die guten Lehrkräfte erinnern, noch Jahrzehnte danach. Und daran merkt man schon, wie sehr wir alle von diesen Menschen geprägt werden. Und wenn wir Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ihnen helfen können mit Argumentationen, mit Daten, mit klaren Aussagen, dann ist es genau das, was wir machen wollen.
Wie schwierig ist es in der Diskussion um den Klimawandel, dass mittlerweile viele Menschen sehr verkürzt Nachrichten aufnehmen, manche nur noch Bilder und Schlagzeilen wahrnehmen? Sollte die Medienerziehung an den Schulen intensiviert werden?
Das ist sehr schwierig. Die Schulen müssen ja heute noch viel, viel mehr Funktionen erfüllen, als sie das früher mussten. Deswegen muss man da vorsichtig sein, der Schule noch mehr Aufgaben aufzudrücken. Das Problem ist ja, dass die Kinder viel früher mit den unterschiedlichsten Medien in Berührung kommen, als dass sie irgendwie in deren Nutzung erzogen werden könnten. Der frühe Kontakt mit dem Smartphone und damit mit dem Planeten Internet, mit all seinen dunklen und dunkelsten Facetten, aber auch den hellen Facetten, ist natürlich etwas, was ganz automatisch passiert. Du kaufst dir so ein Smartphone oder schenkst es deinen Kindern und dann machen die irgendwas damit. Das heißt: die Medienerziehung ist immer hinterher.
Wo ließe sich dann aus Ihrer Sicht ansetzen?
Man sollte einfach zusehen, dass politisch etwas geschieht, dass das Internet endlich mal aus dem Wilden Westen rauskommt und reguliert wird und dass Firmen, die eben die entsprechenden Daten nicht schnell genug löschen, auch rausfliegen, achtkantig rausfliegen, so wie das eben in anderen Bereichen der Fall ist. Wer da irgendwie straffällig wird, der muss die entsprechenden Konsequenzen spüren. Das Internet ist doch völlig ungeregelt, völlig unreguliert. Wir haben zwar mit der Datenschutz-Grundverordnung mal einen ersten Schritt gemacht, aber die sozialen Kanäle haben wir nicht gesetzlich reguliert, überhaupt nicht. Die machen, was sie wollen.
Sie haben in Ihrer Familie ja einen großen handwerklichen Hintergrund, Herr Professor Lesch.
Ich bin gewissermaßen der Exot in meiner Familie, der erste Akademiker. Ohne das jetzt hochhängen zu wollen, das wäre mir unangenehm. Mein Vater war Starkstromelektriker, Landwirt und Hausmetzger. Mein Sohn ist Elektromeister und Ingenieur für erneuerbare Energien. Wir haben richtig gute Handwerker in der Familie. Und einen der besten Kranführer Europas. Also ich komme aus einer Familie, wo Astrophysik und Philosophie eigentlich noch nicht vertreten waren.
Welche Bedeutung hat das Handwerk für Sie?
Ich weiß, und das nicht nur durch meinen familiären Hintergrund, dass das Handwerk eine enorme Bedeutung hat. Wir hätten das Handwerk niemals so schlecht behandeln dürfen, wie wir das in den letzten Jahrzehnten gemacht haben. Und dass es so weit gekommen ist, dass Eltern dann ihren Kindern sagen: Mach dir die Hände nicht schmutzig. Da beginnt schon der ganze Irrsinn. Dass wir meinen, unsere Kinder sitzen besser vor Flachbildschirmen, als sich mit der wirklichen Welt auseinanderzusetzen. Wir beschäftigen uns viel zu viel mit irgendwelchem virtuellen Zeug anstatt mit der Wirklichkeit, die zwar widerspenstig ist, in der es riecht und in der alles nicht so klappt, wie man sich das vorstellt, in der man aber lebt. Und wenn wir uns mit der wirklichen Welt nicht beschäftigen, dann werden wir sie einigen Leuten überlassen, die in schlechten Science-Fiction-Geschichten hängen geblieben sind, was KI betrifft oder die Reise zum Mars oder sonst irgendwas. Und deswegen plädiere ich für Handwerk, Handwerk, Handwerk. Und Energiewende in Bürgerhände, denn ohne unsere Hände wird die Energiewende nicht funktionieren.
Welche Rolle kommt dem Handwerk bei der Gestaltung der Energiewende zu?
Handwerk ist der Motor. Handwerk ist diese Wende. Handwerk ist genau der Bereich, wo all diese Dinge ja stattfinden. Da muss gebaut werden, es muss installiert werden, es muss repariert werden. Im Grunde genommen kann ich mir gar keinen größeren Bereich vorstellen, in dem dringend Leute gebraucht werden. Wir haben sehr, sehr viel Verwaltung, sehr, sehr viel Dienstleistung und sehr viele Berufe, wo man sich schon fragen kann: Muss das wirklich sein? Aber beim Handwerk, da haben wir eben viel zu wenig Leute und da gibt es richtig viel zu tun.
Warum sollten junge Menschen ins Handwerk gehen?
Vor allem, weil es etwas Befriedigendes hat. Ich meine, die Sinnhaftigkeit des Tuns kann eben nicht in der monatlichen Überweisung aufs Konto bestehen. Sondern man muss sich immer auch die Frage stellen: Was mache ich da eigentlich? Und ich glaube, Sinnhaftigkeit und Befriedigung kann man sich Tag für Tag holen, wenn man an der Energiewende mitarbeitet und zusieht, dass wir aus den fossilen Ressourcen rauskommen. Raus aus Kohle, Öl und Gas, rein in Photovoltaik, Solarthermie, Wärmepumpen, Windräder und all diese Sachen. Die Energiewende ist sowas wie die Mondlandung. Wenn wir das hinkriegen, dann können wir wirklich alle sagen: Der Adler ist gelandet.