Ökologischer Fußabdruck So nachhaltig kann Bestattungskultur sein

Von "Grüner Linie" über das klimaneutrale Krematorium bis zur Reerdigung: Die Trauer- und Bestattungskultur durchlebt einen Wandel, in dem Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielt.

Friedhof
Das Thema Nachhaltigkeit spielt auch in der Bestattungs- und Trauerkultur immer größere Rolle. - © BDB

Viele Menschen möchten das Klima schonen, achten auf die Umwelt, denken an Nachhaltigkeit, bevor sie handeln. Längst beeinflusst der Nachhaltigkeitsgedanke auch die Bestattungskultur. Denn wer einen niedrigen ökologischen Fußabdruck hinter­lassen möchte, darf seinen Abschied von dieser Welt nicht aus den Augen verlieren.

"Grünen Linie" für mehr Nachhaltigkeit in der Bestattungskultur

Editha Kentrup-Bentzien und Werner Kentrup treibt das Thema schon länger um. Das Bestatterehepaar aus Bonn hat dafür ein Konzept ent­wickelt, dem bundesweit schon rund 80 Unternehmen der Branche mit mehr als 100 Filialen folgen. Unter dem Markenzeichen "Grüne Linie" versprechen die Bestatter den Hinterbliebenen, ihre Angehörigen im Einklang mit der Natur zu verabschieden. „Im Prinzip geht es um Respekt“, sagt Kentrup. "Respekt gegenüber dem Verstorbenen und Respekt gegenüber Mutter Erde."

Dabei seien viele Kleinigkeiten zu beachten, die in Summe zu einer nachhaltigeren Bestattungs- und Trauerkultur führen. Der Bestatter- und Schreinermeister zählt auf: Särge aus weichem Holz, das schneller verrottet. Verzicht auf Griffe aus Kunststoff oder Metall. Biologisch ab­baubare Urnen. Grabmale, die in handwerklicher Arbeit von ortsansässigen Steinmetzbetrieben aus einheimischen Natursteinen gefertigt werden. Blumenschmuck aus Freilandanbau einheimischer Gärtner, abhängig von der Jahreszeit.

Der Friedhof als Ort der Biodiversität

Werner Kentrup, Bestatter- und Schreinermeister
Werner Kentrup, Bestatter- und Schreinermeister. - © privat

Überhaupt fragt sich Kentrup, ob ein Friedwald oder Ruheforst dem Wunsch nach einer naturnahen Be­­stattung tatsächlich gerecht wird. "Gerade in den Städten bilden Friedhöfe eine ökologische Oase. Sie binden Staub und kühlen die Lufttemperatur. Anders als in beleuchteten Parks gibt es so gut wie keine Lichtverschmutzung, was Tiere anlockt“, schwärmt der Bestattermeister vom Friedhof als Ort der Biodiversität. Für ihn folgt eine Erdbestattung viel mehr dem Gedanken der Nachhaltigkeit als eine Feuerbestattung, weil der natürliche Kreislauf weitgehend erhalten bleibt. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Der Trend geht in der Bestattungskultur aber seit Jahren in die andere Richtung, nicht nur, weil die Gesellschaft immer mehr vom Glauben abfällt. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Bestatter (BDB) liegt der Anteil der Feuerbestattungen bei 78 Prozent, Tendenz steigend. Und mit ihr steigt der CO2-Ausstoß. Vergleichbare Zahlen zu Emissionen des klimaschädlichen Gases gibt es nicht. Der BDB rechnet im Schnitt mit mehr als 60 Kilogramm pro Einäscherung. Dem wollen immer mehr der reichlich 160 Krematorien in Deutschland entgegenwirken, allen voran die Feuer­bestattung Traunstein. In dem privat ge­führten Krematorium wird das Thema Nachhaltigkeit sehr ernst genommen.

Klimaneutrales Krematorium senkt CO2-Ausstoß

Seit Herbst 2023 gilt die Feuerbestattung Traunstein als klimaneu­tral. "Uns ging es nicht um Green­washing, indem wir Emissionen mit dem Kauf von Zertifikaten ausgleichen. Sondern wir haben alle Prozesse durchleuchtet und mit einem Bündel von Maßnahmen innerhalb von zwei Jahren optimiert", sagt Ge­schäftsführer Paul Engmann. So ist es dem ohnehin schon klimafreundlichen Betrieb gelungen, den CO2-­Ausstoß pro Kremation von knapp 15 auf weniger als drei Kilogramm zu senken.

Die größte Ersparnis brachte die Umstellung des Brennstoffs von Erdgas auf Biomethan, bestätigt das Institut für nachhaltige Energieversorgung in Rosenheim. Außerdem wurden die Dächer mit Sonnenkollektoren ausgestattet, der Fuhrpark auf Elektromobilität umgestellt. Mit der Abwärme werden die eigenen Ge­­bäude und die des nahen Friedhofs beheizt. In Summe konnten auf diese Weise die CO2-Emissionen der jährlich rund 8.000 Einäscherungen um 96 auf 22 Tonnen reduziert werden.

Krematorium
Bei der Feuerbestattung durchläuft der Sarg Haupt- und Nachbrennkammer, die in der Regel mit Gas befeuert werden. - © Andreas Reiner

Die Feuerbestattung Traunstein rechnet in ihre Klimabilanz aber auch die Emissionen ihrer Lieferanten und Kunden mit ein, darunter rund 50 Be­­statter in einem Umkreis von etwa 150 Kilometern. Sie verursachen jährlich weitere 122 Tonnen CO2. Insgesamt bleiben also 144 Tonnen, die letztlich doch noch über Zertifikate ausgeglichen werden müssen. "Wir verdoppeln das sogar, in­­dem wir uns regional und international engagieren", betont Engmann. Einerseits investiert das Krematorium über den Chiemgauer Klima­bonus-Fonds in die Installation von Balkonkraftwerken und ein Carsharing-Projekt in Südostbayern. Andererseits unterstützt man soziale Projekte in Sambia und Kambodscha.

Zufriedengeben will sich Paul Engmann mit der Klimabilanz der Feuerbestattung Traunstein aber trotzdem nicht. Noch in diesem Jahr soll eine dritte Ofenlinie in Betrieb gehen und eine neue ORC-Anlage die verbleibende Restwärme in Strom umwandeln. "Wir müssen alle Möglichkeiten nutzen, um den nachfolgenden Generationen einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen", sagt Engmann.

Mehr Immissionsschutz in der Bestattungskultur

Technologisch sind die deutschen Krematorien zwar recht unterschiedlich, insgesamt aber sehr gut aufgestellt. Umso mehr wundern sich Be­­treiber wie Bestatter über das Bundesimissionsschutzgesetz, das für die Einäscherung hohe Temperaturen vorschreibt, aber keine Grenzwerte für Stickoxide oder Quecksilber. Als nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine eine Gasmangellage drohte, wurde auf Initiative des BDB die vorgeschriebene Mindesttemperatur in der Nachbrennkammer der Öfen vorübergehend um 100 Grad auf 750 Grad Celsius gesenkt. "Das allein spart 30 Prozent Gas, ohne zusätz­liche Emissionen", sagt BDB-Generalsekretär Stephan Neuser. Auch Svend-Jörk Sobolewski, stellvertretender Vorsitzender der Bundes­arbeitsgemeinschaft Deutscher Krematorien, plädiert für eine Weiterentwicklung des Immisionsschutzes. "In Nachbarländern gelten längst Grenz­werte für NOx und Quecksilber, die unsere Betriebe sicher einhalten könnten." Seiner Meinung nach gibt es in ein paar Jahren, nicht zuletzt durch den Einsatz neuer Elektroöfen, nur noch grüne Krematorien.

Reerdigung nur in Schleswig-Holstein erlaubt

Befeuert wird die Debatte um mehr Nachhaltigkeit in der Bestattungskultur seit geraumer Zeit von einer neuen Be­­stattungsmethode, der sogenannten Reerdigung. Dabei handelt es sich um eine Humankompostierung, bei der alle organischen Teile des Körpers einer verstorbenen Person von Mikroorganismen zu Erde verstoffwechselt werden. Das geschieht innerhalb von 40 Tagen in einem sargähnlichen Kokon. Die verbleibenden Knochen werden gemahlen und zusammen mit der Erde auf einem Friedhof beigesetzt.

Erlaubt ist das gegenwärtig nur in Schleswig-Holstein, wo im Rahmen eines Pilotprojektes bisher 16 Reerdigungen vorgenommen wurden. Der Bundesverband der Bestatter steht der Humankompostierung kritisch gegenüber, bemängelt vor allem die fehlende Transparenz des Berliner Unternehmens, das hinter dem Angebot steht. Eine wissenschaftliche Studie der Uni Leipzig zu zwei der Re­­erdigungen hält der BDB angesichts von rund einer Million Verstorbenen pro Jahr in Deutschland für un­zureichend.

Viele Fragen würden nicht beantwortet. Bleibt die Würde der Verstorbenen während des ge­samten Prozesses gewahrt? Können Krankheitserreger zurückbleiben? Das sei bisher nicht ausreichend ge­klärt. Sogar in den Niederlanden, wo die Bestattungskultur als besonders liberal gilt, habe der nationale Gesundheitsrat die Reerdigung wegen unklarer Gefahrenlage abgelehnt. "Nur durch die Herstellung größtmöglicher Transparenz können die Zweifel rund um das Verfahren ausgeräumt werden", schreibt der BDB in einer Stellungnahme und bietet Austausch und Zusammenarbeit an. Denn das Pilotprojekt in Schleswig-Holstein läuft weiter.