Interview "Kreishandwerkerschaften befinden sich im Strukturwandel"

Sebastian Hoffmanns, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Kreishandwerkerschaften, zu den Aufgaben seiner Organisation und wie er seine Rolle als Verbandschef in politischen Konflikten wahrnimmt.

Zwar nehme der Organisationsgrad ab, doch gerade große Betriebe seien vermehrt in den Innungen vertreten, sagt Sebastian Hoffmanns. - © aboutmomentsimages - stock.adobe.com

Herr Hoffmanns, Sie sind seit Anfang des Jahres Geschäftsführer des Bundesverbandes der Kreishandwerkerschaften. Erklären Sie den Leserinnen und Lesern doch bitte, was der Bundesverband ist.

Sebastian Hoffmanns: Der Bundesverband ist 2020 entstanden. Vorher war er als Bundesarbeitsgemeinschaft mehr eine Arbeitsplattform für die Kreishandwerkerschaften deutschlandweit. Bedingt durch geänderte Rahmenbedingungen, die unsere Organisationen betreffen, brauchen wir eine eigene Interessenvertretung. Deswegen treten wir jetzt vermehrt öffentlich in Erscheinung.

Welche Funktion hat denn der Verband und welche Sie als Geschäftsführer? Mit Kreishandwerkerschaften können viele Leute nichts anfangen.

(lacht) Wir sind dann auch gerne mal die Kreishandwerkskammer oder Ähnliches. Per Gesetz sind wir eine Dachorganisation der Innungen in einem Bezirk. In erster Linie verstehen wir uns daher als eine Unternehmer- und Arbeitgebervereinigung für selbstständige Handwerkerinnen und Handwerker. Das unterscheidet uns auch klar von den Handwerkskammern, die in ihren Gremien paritätisch besetzt sind, dementsprechend auch Probleme haben, nur die Position des Unternehmers zu vertreten. Was uns auch noch unterscheidet: Innungen sind Pflichtmitglieder in Kreishandwerkerschaften, aber getragen werden die Kreishandwerkerschaften in der Regel hauptsächlich durch die freiwilligen Mitgliedschaften in den Innungen.

"Wir bekommen mit, was zum Beispiel bestimmte Gesetzesvorhaben an der Basis auslösen."

Wie verorten Sie sich innerhalb der Handwerksorganisation?

Sebastian Hoffmanns
Sebastian Hoffmanns ist Geschäftsführer des Bundes­verbandes der Kreishandwerkerschaften. - © Keiner Art, Wetzlar

Da die Kreishandwerkerschaften nicht Mitglied im Zentralverband des Deutschen Handwerks sind, verstehen wir den Bundesverband als wichtige Schnittstelle und gelegentlich als Korrektiv. Da wir als Kreishandwerkerschaft von freiwilligen Mitgliedschaften getragen werden, haben wir viel Kontakt zu den Handwerksunternehmern vor Ort. Wir bekommen mit, was zum Beispiel bestimmte Gesetzesvorhaben an der Basis auslösen und können das gut nach oben kommunizieren und auffangen. Als Bundesverband sind wir auch Anlaufstelle für unsere Mitglieder, wenn es etwa Fragen gibt, die das Organisationsrecht betreffen, seien es Satzungen, Beiträge, Gebühren oder auch einfach mal für Kollegen, die ein bisschen Input brauchen, wie man mit der ein oder anderen Situation umzugehen hat.

Sie haben mit einem Halbsatz angedeutet, dass Sie – anders als die Kammern – nicht die Interessen der Arbeitnehmer im Blick behalten müssen. Ist das eine Chance, sich in die politische Diskussion einschalten und vielleicht etwas härter kommunizieren zu können?

Vor allen Dingen wollen wir natürlich in der Sache kommunizieren, aber ich gebe Ihnen recht, dass wir etwas flexibler sind, weil wir nicht in diesem Korsett stecken. Wenn es um das Gesamtinteresse der Kreishandwerkerschaften und deren Mitgliedern geht, können wir gegebenenfalls schneller und etwas direkter kommunizieren. Uns ist wichtig, dass wir die für uns organisationspolitisch relevanten Themen verstärkt aufgreifen und auch unmittelbar mit der Politik kommunizieren. Konkretes Beispiel ist das Berufsbildungs-, Validierungs- und Digitalisierungsgesetz. Das ist ein Gesetzentwurf, der die Basis stark bewegt.

Kann das auch innerhalb der Organisation zu Konflikten führen? Viele Kreishandwerkerschaften sind schließlich gar nicht Mitglied im Bundesverband, zum Beispiel in Bayern.

Die Organisation der Kreishandwerkerschaften ist eine sehr heterogene Gruppe. Insbesondere in Westdeutschland gibt es stark gewachsene Strukturen. Nordrhein-Westfalen hat sehr viele, sehr starke Kreishandwerkerschaften. In Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Hessen ist es ähnlich. In Bayern haben die Kreishandwerkerschaften eher eine untergeordnete Bedeutung. Dafür gibt es dort wiederum starke Innungen, die auch von Kreishandwerkerschaften unabhängig sind. Das ist eine ganz andere Struktur.

"Wir versuchen uns auf die Punkte zu konzentrieren, wo Interessen der Handwerksbasis betroffen sind und wir einen Konsens finden können."

Wie sieht es in Ostdeutschland aus?

Die Verbreitung von Kreishandwerkerschaften ist dort regional sehr unterschiedlich und längst nicht so stark wie in Westdeutschland. Als Verband versuchen wir Interessenkonflikte zu vermeiden und uns auf die Punkte zu konzentrieren, wo Interessen der Handwerksbasis betroffen sind und wir einen Konsens finden können. Das finde ich ganz wichtig.

Wir haben es letztes Jahr auch gerade in Ostdeutschland gesehen, dass sich Kreishandwerkerschaften mit deutlichen Worten in die politische Diskussion einmischen. Wie geht man damit um?

Auch im Kontext der Bauernproteste haben sich natürlich viele gefragt, ob Handwerker sich dort anschließen sollten. Das ist eine Frage, die sich nicht generell beantworten lässt. Wir sind tatsächlich aus verschiedenen politischen Richtungen angesprochen worden, sagen aber ganz klar, dass wir nie zu politischen Demonstrationen aufrufen würden und Protestaktionen immer durch Personen angestoßen werden. Die sollten sich persönlich kennen und auch genau wissen, für was sie einstehen. Als Organisation können wir da niemandem Vorschriften machen. Wir lehnen aber jede Form von Radikalismus, Fundamentalismus, Extremismus, Hass und Hetze gegen Personen oder Personengruppen ganz klar ab.

Ich will noch mal auf ein Beispiel aus dem Jahr 2022 zurückkommen, als die Kreishandwerkerschaft Dessau-Roßlau einen offenen Brief verfasst hat, in dem die Sanktionen gegen Russland kritisiert wurden. Der Bundesverband hat den Dessauern widersprochen. Ist das so ein Punkt, wo sie reagieren müssen als Bundesverband, weil eine rote Linie überschritten wurde?

In dem konkreten Fall war ja das Problem, dass sich hier einige wenige Personen auf die Fahne geschrieben hatten, für das Gesamthandwerk zu sprechen. Für uns war unklar, ob das wirklich die Meinung der Kreishandwerkerschaft ist oder die Meinung einzelner Personen. Wir wollen selbst nicht parteipolitisch in die eine oder andere Richtung Vorgaben machen, sondern hier geht es um die Beeinträchtigung von Organisationsinteressen und deswegen war es auch nachvollziehbar, dass sich die Verbandsspitze dazu geäußert hat.

"Rein quantitativ mag die Bedeutung abnehmen. Qualitativ gesehen, sind gerade die großen, sich entwickelnden Betriebe, oft stark in den Innungen vertreten."

Der Organisationsgrad gerade auch bei den Innungen nimmt stark ab, die Betriebe sind also gar nicht mehr unbedingt durch die verschiedenen Organisationsformen vertreten. Wie lässt sich das nach Ihrer Auffassung ändern?

Das muss man noch mal differenziert betrachten. Generell nimmt in Deutschland die Anzahl der Handwerksbetriebe zu, allerdings sind das viele Anlage-B-Betriebe, die schon immer wenig Berührungspunkte mit Innungen und Kreishandwerkerschaften hatten. Gleichzeitig beobachten wir, dass sich in vielen Gewerken, besonders in den technisch geprägten Branchen, die Anzahl der Betriebe verringert, sich aber größere und komplexere Betriebe herausbilden. Die meisten Betriebe verlieren wir nicht durch aktive Austritte, sondern durch Betriebsschließungen und Betriebsübergaben. Rein quantitativ betrachtet mag die Bedeutung abnehmen. Qualitativ gesehen sind gerade die großen, sich entwickelnden Betriebe, oft stark in den Innungen vertreten, sogar über mehrere Landkreise. Von dort kommen oft engagierte Personen, etwa in Prüfungsausschüssen oder auch in Innungsvorständen, die dann wiederum auch andere Gremien etwa bei Handwerkskammern und Verbänden besetzen. Letztlich ist das kein Bedeutungsverlust, sondern ein Strukturwandel.

Aber wozu brauchen wir denn überhaupt starke Innungen und Kreishandwerkerschaften?

Die brauchen wir, weil wir im Handwerk mit einem Wirtschaftssegment konfrontiert sind, das strukturell und in der Fläche eher kleinteilig organisiert ist. Egal in welchem Teil Deutschlands, überall brauchen die Betriebe eine eigene Interessenvertretung, weil viele Entscheidungen, die Handwerksbetriebe betreffen, auf kommunaler Ebene oder Landkreisebene getroffen werden. Kreishandwerkerschaften fungieren als Sprachrohr. Gleichzeitig sind wir die Keimzelle für ehrenamtliches Engagement im Handwerk. Ohne Innungen und ohne Kreishandwerkerschaften bekämen wir große Probleme, unser Prüfungswesen aufrechtzuerhalten. Handwerksunternehmer kommen mit jedweder betrieblichen Fragestellung zu uns. Entweder können wir selbst mit eigenen Angeboten helfen oder aber wir wissen, wo sich ein Betrieb hinwenden kann.

Das können doch prima auch Kammern oder Fachverbände übernehmen? Es gibt gerade in Süddeutschland sehr starke Fachverbände, starke und große Innungen.

Man muss die Organisation meines Erachtens im Ganzen betrachten. Die Zielrichtung der Verbände ist eigentlich eine ganz andere. Sie wollen die fachliche Schiene bedienen, sich um technische Fragen kümmern, vielleicht auch um Ausbildungsinhalte. Eine regionale, gewerkeübergreifende Interessenvertretung würde einen Fachverband schwächen. Die Handwerkskammern sind im Unterschied zu den Industrie- und Handelskammern Flächenkammern, die immer einen sehr großen Bezirk abdecken. Sie können daher nicht überall in der Fläche gleichermaßen präsent sein. Auch die Kammern, die eine eher ordnungspolitische Funktion erfüllen, müssten also wieder anfangen, regionale Strukturen aufzubauen.

"Ich gehe davon aus, dass sich die Anzahl der Kreishandwerkerschaften weiter reduzieren wird, vor allen Dingen durch strategische Fusionen. Das darf nur nicht aus der Not heraus geschehen, sondern muss gestaltet werden."

Sie haben gerade von der Kleinteiligkeit gesprochen. Muss es in Süddeutschland oder auch Ostdeutschland, wir reden nicht von NRW, zu Fusionen von Kreishandwerkerschaften kommen, um die Organisation zu stärken?

Ich gehe fest davon aus, dass sich die Anzahl der Kreishandwerkerschaften weiter reduzieren wird, vor allen Dingen durch strategische Fusionen. Es ist sinnvoll, mehr zusammenzuarbeiten. Wir haben auch Beispiele in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesländern, wo so etwas wunderbar funktioniert hat. Das darf nur nicht aus der Not heraus geschehen, sondern muss gestaltet werden.

Was bewegt denn die Innungen und Kreishandwerkerschaften vor Ort am meisten?

Was die Betriebe derzeit wirklich bewegt, ist die Angst um die wirtschaftliche Existenz vor dem Hintergrund gestiegener Kosten, einer stark schwächelnden Konjunktur und einer schwächer werdenden Kaufkraft der Verbraucher. Die bürokratische Belastung ist immer wieder ein Thema. Exemplarisch ist hier die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu nennen, die für eine Digitalisierung steht, die unglücklich gelaufen ist. Betriebsinhaber haben die Wahrnehmung, sie seien mehr mit Verwaltung als mit ihrer eigentlichen Arbeit beschäftigt.

Wenn wir jetzt noch mal abschließend direkt auf Sie kommen – was sind denn Ihre persönlichen Ziele als Geschäftsführer?

Ganz wichtig finde ich es, die Zusammenarbeit unter den Kreishandwerkerschaften zu stärken, weil wir viel Potenzial haben, die Organisation weiterzuentwickeln. Unsere kleinteilige Struktur ist einerseits eine Chance, bedeutet aber auch, dass man viele Dinge wie bestimmte Dienstleistungen nicht ortsnah dicht beieinander aufbauen muss. Es ist sinnvoll, viel mehr zu kooperieren und damit die eigene Organisation zu stärken. Zusätzlich möchte ich das Selbstverständnis der Kreishandwerkerschaften gemeinsam mit dem Präsidium und unseren Mitgliedern fortentwickeln. Das betrifft Fragen der Satzung und der Satzungsautonomie. Wir wollen den Kolleginnen und Kollegen Unterstützung bieten, wenn es Fragen gibt, etwa Abstimmungsfragen mit der Rechtsaufsicht. Wir wollen uns deutlich mehr bei organisationspolitischen Fragen, die unmittelbare Handwerksinteressen betreffen, positionieren, etwa beim bereits erwähnten Berufsbildungs- und Validierungsgesetz.