Amazons Streaming-Dienst Prime Video bringt ab dem 30. Mai den fiktiven Berufsalltag eines Servicetechnikers in die Fernsehzimmer – und lässt dabei leider kaum ein Handwerksklischee aus. Spaß macht die Comedy-Serie "Viktor bringt‘s" mit Moritz Bleibtreu trotzdem, auch weil für das Format ein erfolgreiches Handwerker-Vorbild Pate stand.

Er zählt neben dem animierten Baumeister Bob, Schreinermeister Eder aus "Pumuckl" oder Brösels Comic-Anlagenmechaniker Werner wohl zu den berühmtesten Handwerkern der hiesigen Film- und Fernsehlandschaft: "Der Tatortreiniger" Schotty. In der populären NDR-Serie, die 2018 (leider) nach sieben Staffeln endete, avancierte der von Bjarne Mädel so sympathisch gespielte Gebäudereiniger mit der Spezialfortbildung zum Säubern blutigster Tatorte nach wenigen Folgen zur Kultfigur. Schotty besuchte in jeder Episode ein neues Haus, in dem er skurrile Gesprächspartner traf – diese Begegnungen und der trockene schwarze Humor machten das Format über Jahre so erfolgreich.
Die von Drehbuchautor Marcus Pfeiffer geschriebene und von Regisseur Ed Herzog inszenierte Comedy-Serie "Viktor bringt’s", die ab dem 30. Mai 2024 für zahlende Amazon-Kunden (und für Test-Abonnenten gratis) bei Prime Video abrufbar ist, folgt nun einem sehr ähnlichen Prinzip. Auch hier nimmt uns ein Handwerker in jeder Folge mit an einen neuen Ort und trifft dabei auf eine illustre Kundenschar. Anders als Schotty ist der Vollblut-Servicetechniker Viktor (Moritz Bleibtreu) allerdings nicht allein unterwegs: Sein Sohn Mika (Enzo Brumm) fährt und begleitet ihn. Dabei zeigt sich schnell, dass der Philosophiestudent seinem im Gestern lebenden Vater nicht nur intellektuell überlegen ist, sondern mit seinem Weltbild auch im Hier und Jetzt angekommen ist.
Ein Handwerker aus der Steinzeit
Handwerker sind schmutzig, engstirnig und konservativ. Handwerker trinken gern Alkohol bei der Arbeit, ganz unabhängig von der Uhrzeit. Und Handwerker haben wenig zwischen den Ohren – sie sind eben Praktiker und keine Denker. "Ick denke mit den Händen", berlinert der stolze Viktor schon bei seinem ersten Kundenbesuch, kassiert aber prompt eine Abfuhr: "Das haben die Neandertaler auch gemacht und sind ausgestorben", kontert die belesene Hirnforscherin (Caroline Peters), der er ihren neuen Fernseher installieren soll. Kurz darauf rauchen die beiden während seiner Arbeitszeit einen Joint auf ihrer Dachterrasse und trinken Schnaps: "Bei kleinen Problemen hilft der Fachmann, bei großen Problemen hilft der Flachmann", feixt Viktor.

Schon die erste der acht Episoden gibt einen Vorgeschmack darauf, in wie viele Fettnäpfchen und Klischeefallen die Filmemacher tappen. Meisterbrief-Besitzer Viktor, dessen Tätigkeitsfeld zwischen dem von Elektronikern, Hausmeistern und Paketboten anzusiedeln ist, entspricht genau dem Stereotypen, der noch immer in (zu) vielen Köpfen vorherrscht. Und der es vielen Gewerken so schwer macht, junge Menschen für einen Ausbildungsberuf zu begeistern. Sicher, es gibt sie noch immer, die ewig gestrigen, unbelehrbaren Alphatiere. Aber es gibt auch das genaue Gegenteil: kluge, tolerante und gesund lebende Handwerkerinnen und Handwerker, die (anders als Viktor) Roger Whittaker von Forest Whitaker unterscheiden können. In der Serie kommen sie nicht vor.
Dafür Viktors genderfluider Sohn, der den Bulli seines vorübergehend führerscheinlosen Vaters durch die Hauptstadt lenkt und mit lackierten Nägeln und Perlenkette schon rein optisch nicht in Viktors Männlichkeitsbild passt. Mika erklärt seinem einfach gestrickten Vater, der in den 90er Jahren hängen geblieben ist, pausenlos die Welt. Ja, der Klimawandel ist ein Problem. Und ja, es gibt heute Menschen, die sich nicht auf ihr Geschlecht festlegen. Während Viktor nur das Hertha-Magazin und im Wartezimmer liest, hat Mika immer passende Statistiken parat. Trotzdem kann er die fachkundige Arbeit seines Vaters anerkennen: Er begegnet handwerklichem Know-how mit Respekt und hadert mit seinem praxisfernen Studium. Der tumbe Handwerker hingegen nennt seinen Sohn "Schlaubi-Schlumpf" und lästert: "Du mit deinem ganzen Wissen und ich mit meinem ganzen echten Wissen."

Warum die Serie trotzdem Spaß macht
Dass die 20- bis 25-minütigen Episoden trotz dieser Klischeeparade so kurzweilig sind, liegt ähnlich wie beim "Tatortreiniger" an der erstklassigen Besetzung und der bunten Schar schräger Kunden, denen wir bei den Besuchen begegnen. Das sind etwa ein vorzeitig in den Ruhestand versetzter, herrlich herrischer Oberst A.D. (Heino Ferch), der sich einen Kaiman hält, oder zwei zankende Eltern (Jasna Fritzi Bauer und Jakob Matschenz) mit einem Faible für Astrologie und Espresso. Zwei Masseurinnen (Bella Dayne und Caro Cult) führen Viktor und Mika sogar in die hohe Kunst des Tantra ein. Hier und da entwickeln sich köstliche Dialogfeuerwerke, wenngleich Viktors One-Liner manchmal nur das Niveau von T-Shirt-Sprüchen erreichen ("Ich bin nicht stur, ich bin meinungssicher"). Böse sind wir ihm für seine Einfältigkeit nie, denn er hat das Herz eindeutig am rechten Fleck.
Hinzu kommt ein weiterer Pluspunkt: Statt den Servicetechniker in acht Episoden zu acht Kunden zu schicken und dort von der Siebträgermaschine über den Smart-Home-Controller bis hin zur Fritteuse technische Geräte installieren zu lassen, wird das Prinzip variiert. In Episode 4 müssen sich die beiden einer rabiaten Räuberin (Gro Swantje Kohlhof) erwehren, während sie in Folge 6 die Waschmaschine von Mikas Freundin Ruby (Soma Pysall) retten. Und während Viktor, so charismatisch der tolle Moritz Bleibtreu ihn auch spielt, sich nie von seiner Schablonenhaftigkeit löst, werden die Klischees auf der Seite der Kunden amüsant aufgebrochen. Ein opportunistischer Pfarrer (David Kross) leistet sich etwa auf Kosten der Kirchensteuerzahler einen Mähroboter, hört Punkrock und spekuliert an der Börse.

Viel Handwerk und wenig Berlin
Auch für alltägliche Probleme von Handwerkerinnen und Handwerkern schärfen die Filmemacher mit entlarvenden Beobachtungen den Blick: Schweres Gerät auf Socken zu schleppen, wäre ein Verstoß gegen die Arbeitsschutzvorgaben, da kann die Kundin noch so energisch darauf bestehen. Ohne Handwerker-Ausweis wird die Suche nach einer Parklücke in Innenstädten zum Ding der Unmöglichkeit (Viktor verrät dafür schon im Trailer einen pfiffigen, wenn auch letztlich nicht erfolgreichen Trick). Und wenn der Star-Architekt beim Einziehen einer Wand gepfuscht hat, lässt sich daran eben kein TV-Gerät anbringen. Auch bei diesen kurzweiligen Kuriositäten landet aber nicht jede Pointe im Ziel: Schlecht übersetzte chinesische Bedienungsanleitungen etwa haben als Witz einen Bart, der länger ist als der Fernsehturm am Alexanderplatz.
Apropos Berlin: Wenngleich die Serie an der Spree spielt, ist von der Hauptstadt wenig zu sehen. Wären da nicht einige Touri-Attraktionen im Hintergrund, Einblendungen der besuchten Stadtteile und Viktors (ziemlich gekünstelte) Berliner Schnauze, könnte die Serie genauso gut im Ruhrpott oder in einer anderen Großstadt spielen. Auch dort gibt es schließlich Ecken, an denen es heißen könnte: "Hier in der Gegend musste aufpassen, da klauense dir die Hose beim Laufen". Die Vater-Sohn-Probleme, die Viktor und Mika meist im Auto aufarbeiten, sind ebenfalls schon häufig und ortsunabhängig erzählt worden, bergen hier allerdings viele Allgemeinplätze ("Manchmal sind die einfachsten Dinge im Leben halt nicht so einfach."). Ein später Cliffhanger riecht in diesem Kontext nach einer weiteren Staffel der Serie – dann gern mit einem etwas moderneren Blick aufs Handwerk.