Arbeitsschutz PV-Anlagen installieren: Nah an der Sonne, nah am Abgrund

Die Zahl der Photovoltaikanlagen in Deutschand nimmt kontinuierlich zu und mit ihnen die Zahl der Arbeitsunfälle bei der Installation. Wie sich Handwerker schützen können.

Der Bedarf an PV-Anlagen auf Privathäusern ist enorm. Doch schnelles Arbeiten in luftiger Höhe ohne Gerüst oder Haltegurt hat zu mehr Absturzunfällen geführt. - © AHatmaker – stock.adobe.com

Auf Deutschlands Dächern produzieren immer mehr PV-Anlagen Strom. Seit 2018 hat sich die Zahl der einspeisenden Anlagen laut Statistischem Bundesamt von knapp 1,8 Millionen auf gut 3,4 Millionen nahezu verdoppelt und die Bundesregierung will das Tempo noch steigern. Ab 2026 soll mehr als dreimal so viel Solarleistung wie bisher zugebaut werden.

Der massive Ausbau der PV-Anlagen wirkt sich auch auf die Zahl der Arbeitsunfälle aus. "Das ist eminent mehr geworden in den letzten Monaten", beklagt Marco Einhaus, Leiter des Referats Hochbau der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft und Honorarprofessor an der Technischen Universität München.

Neue Unfälle wegen PV-Anlagen

Zwei Risikobereiche bereiten ihm im Zusammenhang mit der Installation von PV-Anlagen Sorgen: Absturz- und Elektrounfälle. In den vergangenen beiden Jahren hat die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) insgesamt 1.586 Absturzunfälle gezählt, oft mit schweren oder sogar tödlichen Folgen.

"Wenn E-Handwerker bei der Montage von PV-Anlagen schwer verletzt werden, handelt es sich fast immer um Absturzunfälle", bestätigt Jörg Botti, Hauptgeschäftsführer der BG ETEM. Umgekehrt registriert die BG Bau ein ganz neues Unfallgeschehen im Zusammenhang mit Elektroarbeiten. Beide Bereiche zusammen hätten seit Jahresbeginn um etwa ein Drittel zugenommen, so Einhaus.

Rein statistisch steigt mit mehr verbauten Anlagen auch die Wahrscheinlichkeit für Unfälle. Allerdings kommt bei den "Solarteuren" hinzu, dass es sich um kein festes Berufsbild handelt. Verschiedenste Gewerke installieren PV-Anlagen. Sie kommen dabei mit Risiken in Berührung, die für ihren ursprünglichen Beruf untypisch sind. Rund 100.000 Beschäftigte zählt die Branche laut Bundesverband Solarwirtschaft, unter ihnen Dachdecker, Zimmerer, Elektriker, SHK-Handwerker, Spengler aber auch sehr viele Quereinsteiger.

Verbändevereinbarung zur sicheren Installation von Photovoltaikanlagen

Um Dachdecker vor elektrischen Gefährdungen und Elektriker vor Absturz zu schützen, haben die BG Bau, die BG ETEM sowie der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) und der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) jetzt eine Vereinbarung geschlossen. "Nur mit einer Absturzsicherung, also zum Beispiel mit Arbeits- und Schutzgerüsten, dürfen E-Handwerker auf Dächern arbeiten", stellt Botti klar. Eine Musterarbeitsanweisung (s. Kasten) zeigt, worauf Elektriker bei der Nutzung von Arbeits- und Schutzgerüsten achten müssen.

Für Dachdecker legt diese Vereinbarung fest, unter welchen Voraussetzungen sie Photovoltaik-Module verkabeln, Strangleitungen verlegen und Steckverbinder montieren dürfen. Hierzu ist immer eine Fortbildung zur elektrotechnisch unterwiesenen Person (EuP) für PV-Anlagen nötig. Außerdem muss der Dachdeckerbetrieb entweder selbst eine Elektrofachkraft beschäftigen oder eine Kooperation mit einem Elektrobetrieb eingehen, um den Fortgebildeten anzuleiten und zu beaufsichtigen.

Anschlüsse des Photovoltaik-Generatorfeldes an den Wechselrichter oder Arbeiten an der elektrischen Anlage dürfen weiterhin ausschließlich Elektrofachkräfte durchführen.

PV-Anlagen sicher installieren

Bei der Montage von Solaranlagen auf Dächern sind Handwerker verschiedenen Gefährdungen ausgesetzt.

Um sich gegen Abstürze zu sichern, brauchen sie sichere Zugänge zum Dach, Absturzsicherungen an der Traufe und am Ortgang sowie Maßnahmen gegen Durchsturz bei Lichtkuppeln oder Dachfenstern.

Wichtig sind zudem Vorrichtungen für einen sicheren Materialtransport auf das Dach. Leitern sind sehr unfallträchtig und laut BG Bau nicht geeignet als Zugang zum Dach, für die Montage von Dachschutzwänden und von Absturzsicherungssystemen.

Photovoltaikmodule produzieren bei Licht unmittelbar Strom. Darum bestehen elektrische Gefährdungen, mit denen grundsätzlich nur Elektrofachkräfte umgehen dürfen.

Der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH), der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) und die Berufsgenossenschaften der Bauwirtschaft (BG Bau) sowie die BG Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG Etem) haben in einer Verbändevereinbarung Regeln zur sicheren Installation von PV-Anlagen aufgestellt; darin enthalten auch sehr klare Vorgaben, wer welche Elektroarbeiten im Zusammenhang mit der Installation von PV-Anlagen erledigen darf.

Dunkelziffer an Unfällen bei PV-Installation sehr hoch

Warum die Installation von Photovoltaikanlagen die Unfallzahlen so in die Höhe treibt, erklärt Prof. Dr. Ing. Marco Einhaus, der bei der BG Bau das Referat Hochbau leitet.

Sicherheit muss von Anfang an mitgeplant werden, sagt Prof. Dr.-Ing. Marco Einhaus, Honorarprofessor der TU München und Leiter Referat Hochbau an der BG Bau. - © Andreas Heddergott/BG Bau/TU München

DHZ: Herr Prof. Einhaus, die BG Bau und verschiedene Verbände haben Alarm geschlagen, weil die Unfallzahlen bei der Installation von PV-Anlagen deutlich ansteigen. Woran liegt das?

Einhaus: Die Zahlen steigen zunächst, weil so viel mehr Anlagen installiert werden. Wegen der großen Nachfrage ist allerdings auch ein Markt unter dem eigentlichen Markt entstanden. Auf den Dächern arbeiten viele wenig ausgebildete Menschen, die die Teile günstig kaufen und direkt aus dem Kofferraum, nur mithilfe einer Leiter und ohne jegliche Absturzsicherung zusammenstecken. Ihre Arbeitsbedingungen sind ergonomisch schlecht und unsicher. Zudem untergraben sie den Markt, weil sie für ein Drittel oder die Hälfte des ortsüblichen Preises anbieten, auf Kosten der Betriebe, die über ihre Arbeitsvorbereitung und Sicherheitstechnik nachdenken und eine Gefährdungsbeurteilung erstellen.

Wie wirkt sich das auf die Unfallzahlen aus?

Einhaus: Genaue Zahlen haben wir nicht. Viele dieser Kofferraum-Anbieter sind nicht bei uns versichert, wir erfahren nichts von ihren Unfällen. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Aber unter den Versicherten der BG hat die Zahl der Absturzunfälle deutlich zugenommen. Daraus schließen wir auf einen Zusammenhang mit der Installation von PV-Anlagen. Wenn wir die Unfallpyramide betrachten, dann wissen wir, dass auf jeden tödlichen Unfall 30 schwere und weitere 300 leichte Unfälle kommen, außerdem 3.000 Erste-Hilfe-Fälle und 30.000 Mal sicherheitswidriges Verhalten.

Unfallpyramide nach DuPont
© Quelle: Martin Käfer, Hans-Böckler-Stiftung, Arbeitspapier 10, Grafik: Holzmann Medien

Welche Situationen sind bei der Installation von PV-Anlagen am unfallträchtigsten?

Einhaus: Ganz klar der Materialtransport und der Überstieg von der Leiter zum Dach. Die PV-Elemente sind zwar leicht, aber relativ groß und sperrig. Oft werden sie mit Schrägaufzügen hochgefahren oder sogar einhändig über die Leiter hochgetragen. Die Übergabesituation am Dach ist dann schwierig. Wenn es ein Gerüst gibt, dann entfernen manche für die Übergabe dessen Seitenschutz, weil der ihnen im Weg ist. Das erhöht die Absturzgefahr. Die maximalen Unfälle sind aber Leiterunfälle. Leitern sind ein Verkehrsweg und kein Arbeitsplatz. Ab einer Höhe von fünf Metern müsste jeder laut TRBS 2121 Teil 2 einen Treppenturm verwenden. Aber wir wissen, dass das in der Realität die wenigsten tun.

Weil es Zeit und Geld kostet. Wie können Handwerker also sicher und gleichzeitig zügig und wirtschaftlich arbeiten?

Einhaus: Eine sichere und wirtschaftliche Alternative wäre eine Hubarbeitsbühne mit Plattform. Es gibt Anhängerkrane für 400 Euro Leihgebühr am Tag. Damit kann man die PV-Platten sicher aufs Dach heben, die Übergabesituation fällt weg. Aktuell prüfen wir, ob wir bestimmte Hubarbeitsbühnen über Arbeitsschutzprämien fördern können. Unser Ziel ist, die Gefahren bei der Installation von PV-Anlagen zu entschärfen. Anstelle von Leitern sollten Arbeits- und Schutzgerüste eingesetzt werden. Abschnittsweise eingesetzte Dachfangerüste, wie sie oft kleinere Betriebe nutzen, sind für die meisten Situationen ungeeignet. Sie sichern nur ein Stück vom Dach ab, müssen immer neu versetzt werden und sind gar nicht so einfach korrekt zu installieren.

Nach der Installation ist die PV-Anlage ja nicht für immer wartungsfrei. Wie steht es dann um die Sicherheit?

Einhaus: Die muss von den Architekten von Anfang an mitgeplant werden. Auf den Dächern braucht es Anschlageinrichtungen, damit man sich für die Wartung, Reinigung oder Instandhaltung anseilen kann. Hier fördert die BG Bau über die Arbeitsschutzprämien sogenannte Lifelines, die man von einem Anschlagpunkt zum anderen spannt. Damit kann man mit einer einzigen Sicherungsmaßnahme das gesamte Dach erschließen. Das kostet wenig und dauert nicht lang zu installieren, ist also wirklich praktikabel.

Photovoltaik auf Dächern

Nach den Zahlen des Bundesverbands Solarwirtschaft wurden 2023 in Deutschland über 770.000 Photovoltaikanlagen installiert, Balkonkraftwerke nicht mitgezählt. Allein im Heimsegment sind 2023 knapp 750.000 neue Dachanlagen hinzugekommen. Ein erheblicher Teil der Installationen findet also in der Höhe statt, mit den damit verbundenen ­Risiken.