Orte mit Handwerkstradition Zu Besuch in der Region, wo Bürsten und Besen herkommen

Von Kehrbesen über Zahnbürsten bis hin zu Spezialbürsten für den gewerblichen Bedarf – die Palette der Bürsten und Besen ist erstaunlich breit. Ein Großteil davon wird in Schönheide, Stützengrün und Steinberg produziert. Die Gemeinden verstehen sich als "Deutsche Bürstenregion". Seit 200 Jahren prägt das Bürstenmacherhandwerk die drei Gemeinden. Konkurrenz aus China fürchtet man dort kaum.

Alexander Jäckel, Geschäftsführer der Erzgebirgischen Bürstenfabrik Michael Jäckel in Stützengrün.
Alexander Jäckel ist seit 2013 Geschäftsführer der Erzgebirgischen Bürstenfabrik Michael Jäckel in Stützengrün. Im Bild: Firmenchef Alexander Jäckel (47) mit Straßenbesen aus der Produktion. - © Andreas Wetzel

Kaum ein Haushalt, in dem sich kein Produkt aus dieser Gegend findet. In der Küche, im Bad, in der Garage oder im Keller: Überall gehören Bürsten und Besen wie selbstverständlich zum Inventar, werden täglich benutzt, ohne auch nur einen Gedanken an ihre Herkunft zu verschwenden. In den Gemeinden rund um den Kuhberg, dort wo das Erzgebirge aufs Vogtland trifft, sind Bürsten eine Art Lebenselixier. Der Landstrich versteht und vermarktet sich als "Deutsche Bürstenregion".

Seit gut 200 Jahren hat sich in Schönheide, Stützengrün und Steinberg das Bürsten- und Pinselmacherhandwerk etabliert. Damals aus der Not des versiegenden Bergbaus heraus geboren, beliefern die Bürstenmacher der Region heute die Verbraucher mit einer Vielzahl an Produkten, die beim Putzen helfen: Besen und Schrubber zur Bodenreinigung, Spül- und Flaschenbürsten für die Küche, Bürstenmatten als Fußabstreicher, Bade- und Handwaschbürsten für die Körperpflege, Klobürsten fürs WC. Das ist nur ein kleiner Auszug aus dem Produktportfolio der erzgebirgisch-vogtländischen Bürstenmacher. Sie selbst schätzen, dass jede zweite Zahnbürste in Deutschland aus ihrer Region stammt.

Die Deutsche Bürstenregion reiht sich damit ein in die Serie "Orte mit Handwerkstradition", in der die DHZ Gemeinden und Gegenden vorstellt, die einen besonderen Bezug zum Handwerk haben.

Bürsten für Müller und Bäcker

Bürsten aber auf Reinigungshilfen und Körperpflege zu reduzieren, wäre ungerecht. Gerade technische Anwendungen fordern handwerkliches Know-how. Einer, der damit seinem Betrieb nach dem Untergang der DDR das Überleben rettete, heißt Ulrich Hochmuth. "Nach der Wende waren 95 Prozent meiner Kunden weg und ich musste ganz von vorn anfangen", sagt der Bürsten- und Pinselmachermeister. Also klapperte er Mühlen und Bäckereien ab, in der Hoffnung auf Aufträge. "Ich hatte keine Ahnung von Mühlenbürsten. Aber ich konnte bauen, was die Müller sich wünschten", erinnert sich der 74-Jährige an den Neustart.

Heute führen seine Söhne Rico und André die Firma Spezialbürsten Hochmuth in Stützengrün. Zwar produzieren sie auch Massenware für den Haushalt oder Schneebesen für Windschutzscheiben, aber eben auch Kippbürsten für Grießputzmaschinen oder Sichterbürsten, die das leicht feuchte Mehl beim Mahlvorgang von den Sieben streichen. Oder Vitrinenbürsten, mit denen Bäcker und Konditoren ihre Verkaufstheken reinigen. "Dafür verwenden wir gebleichte Schweineborsten mit sehr guten Kehr­eigenschaften, die für Lebensmittel zertifiziert sind", erklärt Rico Hochmuth. Das Naturmaterial stammt von chinesischen Hochlandschweinen, deren Fell lange Borsten von hoher Qualität liefert.

Eine Erfolgsgeschichte der erzgebirgischen Bürstenmacher

Konkurrenz aus China fürchten die Bürstenmacher weniger. "Die hohen Frachtkosten und schwer kalkulierbare Liefertermine schrecken unsere Kunden eher ab", sagt Alexander Jäckel. Dennoch spürt der Geschäftsführer der Erzgebirgischen Bürstenfabrik in Stützengrün, die den Namen seines Vaters Michael Jäckel trägt, steigenden Preisdruck. Vor allem vom Balkan drängen Anbieter in den Markt, gefördert von der EU. Aber Jäckel klagt nicht, verdankt doch seine Unternehmensgruppe einen Teil ihrer Erfolgsgeschichte ebenfalls Fördermitteln, die als Aufbau Ost in die Region ge­­flossen sind. "Damals herrschte eine richtige Aufbruchstimmung", erinnert sich Alexander Jäckel. Sein Vater nutzte die Gunst der Stunde.

Michael Jäckel hatte zehn Jahre vor der Wende die von seinem Großvater 1919 gegründete Haar- und Borstenzurichterei Walter Bretschneider übernommen, die bis heute zum Firmenverbund gehört und mit acht Mitarbeitern unter anderem Heizkörper- und Flaschenbürsten sowie Rinnenraupen zum Reinigen von Dachrinnen produziert. 1992 gründete der heute 71-jährige Bürsten- und Pinselmachermeister zudem die Erzgebirgische Bürsten­fabrik. Von anfangs drei Maschinen und fünf Mitarbeitern wuchs das Unternehmen binnen 15 Jahren auf 26 Maschinen und 145 Mitarbeiter, die im Drei-Schicht-System Bürsten produzierten. Ein neuer Standort im Gewerbegebiet Stützengrün bot Platz für Wachstum. Dort war 1998 auch die J&S Kunststofftechnik GmbH hinzugekommen, die passende Grundkörper aus Plastik liefert.

Berufsschule zu weit weg

Aber die goldenen Zeiten sind vorbei. Ende 2022 musste Alexander Jäckel erstmals einen Sozialplan aufstellen und 30 Leute entlassen. "Ob­wohl wir alle in Jobs in der Region vermitteln konnten, möchte ich so etwas nicht noch einmal erleben", sagt Geschäftsführer, der sich zudem um den handwerklichen Nachwuchs in der Bürstenregion sorgt. Kaum ein Schulabgänger möchte noch Bürsten- und Pinselmacher lernen, weil die einzige Berufsschule meilenweit entfernt im mittelfränkischen Bechhofen liegt.

Sortiment der Erzgebirgischen Bürstenfabrik
Ein kleiner Ausschnitt aus dem Sortiment der Erzgebirgischen Bürstenfabrik, das kürzlich von 1500 auf 700 Artikel reduziert wurde. - © Andreas Wetzel

Roy Aschmuteit ließ sich davon nicht abschrecken. Sogar für den Meisterbrief pendelte er wieder nach Bayern. Heute zeichnet der 35-Jährige in der Erzgebirgischen Bürstenfabrik für die Produktionsplanung verantwortlich und betreut auch Lehrlinge. "Meist sind das Industriemechaniker, die später als Maschinen- und Anlagenführer arbeiten", sagt Aschmuteit. Aber er könnte ihnen auch den Handeinzug beibringen. Während die Borsten für Massenware wie Besen von Maschinen im Sekundentakt eingestanzt werden, erfordern Spezialbürsten neben dem Wissen um Materialkunde und Arbeitsabläufe vor allem viel Fingerfertigkeit.

Manufakturarbeit für Restauratoren und Uhrmacher

Bei der Paul Bauer Bürstenfabrikation in Stützengrün ist solche Manufakturarbeit ein wichtiges Standbein. Inhaberin Ina Seidel beliefert die Schweizer Uhren­industrie mit technischen Bürsten oder stellt Pinsel her, mit denen Restauratoren behutsam alte Kunstschätze vom Staub der Zeit befreien. Als Bürsten- und Pinselmachermeisterin verfügt sie über das nötige Know-how für solche an­spruchsvollen Aufträge.

Ina Seidel setzt eine Familientradition fort, die vor mehr als 100 Jahren mit der Gründung einer Bürstenholzfabrik im nahen Hartmannsdorf ihren Anfang nahm und eine Generation später von ihrem Opa Paul Bauer um einen Produktionsbetrieb erweitert wurde. In der DDR zwangsverstaatlicht, gelang Seidels Vater Richard Bauer nach der Wende die Reprivatisierung. "Leider ist mein Vater 1990 tödlich verunglückt. Da hatte ich aber meinen Meisterbrief schon in der Tasche und konnte das Geschäft übernehmen", blickt Ina Seidel zurück. Die Hölzerei mit aktuell 15 Mitarbeitern wird inzwischen von ihrem Sohn Robert geleitet. Rund 4.000 Kubikmeter Buchenholz pro Jahr verarbeiten hier Fräs­automaten zu Rohlingen für die Bürstenmacher sowie zu Haushalts- und Werbeartikeln. Aber das Geschäft ist schwieriger geworden seit die Discounter weniger Aktionsaufträge vergeben und billiges Buchenholz aus der Ukraine in den Markt schwemmt.

Dem Rohstoff nach Osten gefolgt

Der Markt verschiebt sich. Das weiß auch Alexander Jäckel, nicht erst seit den Problemen vor zwei Jahren. Schon zuvor hatte die Erzgebirgische Bürstenfabrik eine Niederlassung in der Ukraine aufgebaut. "Wir sind einem unserer wichtigsten Rohstoffe in den Buchwaldgürtel der Karpaten gefolgt", sagt Jäckel. Vom Krieg ist der Standort in Mukatschewo nicht direkt betroffen, zu nahe liegt der Ort am Nato-Gebiet. Allerdings komme es immer wieder zu Stromausfällen.

Im heimatlichen Erzgebirge liegt inzwischen ein Jahr der Konsolidierung hinter dem Unternehmen. Alexander Jäckel hat das Geschäftsmodell verändert, das Sortiment von 1.500 auf 700 Artikel mehr als halbiert. Die Belegschaft von insgesamt gut 100 Beschäftigten wächst wieder. Seit Jahresbeginn wurden drei neue Stellen besetzt, bis Ende 2024 sollen weitere acht hinzukommen. "Wenn wir in Zukunft bestehen wollen, müssen wir anspruchsvollere Produkte für die technische Reinigung herstellen", sagt Jäckel und verweist auf die Jalousienbürste mit Wasseranschluss sowie konkav und konvex angeordneten Borsten, die für einen namhaften Anbieter von Gartengeräten entwickelt wurde.

Die Massenproduktion für die klassische Reinigung sieht Jäckel eher ins Ausland wandern, während in der heimischen Bürstenregion die Entwicklung von Prototypen und Manufakturarbeit Chancen bieten. "Aber dafür brauchen wir das Handwerk. Deshalb sollten wir alles daransetzen, wieder eine Ausbildung für Bürstenmacher hier zu etablieren. Der Region würde etwas fehlen, wenn dieses Wissen wegstirbt", betont Alexander Jäckel.

Museum lässt Geschichte der Bürstenmacher aufleben

Einblicke in die Geschichte des Pinsel- und Bürstenmacherhandwerks bietet das Bürsten- und Heimatmuseum in Schönheide. Hier finden sich zum Beispiel historische Maschinen wie der Bohrbock, an dem früher die Löcher für die Borsten in die Grundkörper gebohrt wurden. Um den Staub des Buchenholzes zu binden, ­haben die Arbeiter jede Menge Dünnbier getrunken. Womöglich war das die Vorlage für die Redewendung "saufen wie die Bürstenbinder".

Anhand von kurzen Videos werden im Museum die wichtigsten Arbeitsschritte beim Herstellen von Bürsten und Pinsel dargestellt, darunter heute kaum noch verwendete Techniken wie das Pechen. Dabei werden Borsten aus Tierhaaren mit Pech, das aus dem Harz von Lärchen gewonnen wird, in das Bürstenholz geklebt.

Die Besucher erhalten zudem nützliche Tipps für den Alltag, zum Beispiel warum eine teure Haarbürste mit Kalkuttaborste nicht nur die Kopfhaut sanft massiert, sondern auch das Haarfett gleichmäßig verteilt. Das hebt sich von billigen Kunststoffbürsten ab.

In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Uhrmacherstadt Glashütte, Hutmacherort Lindenberg im Allgäu, Geigenbau im Mittenwald, Leitermacherdorf Weißenborn, Modeschmuck-Mekka Neugablonz, Genussregion Oberfranken, Korbmacherstadt Lichtenfels und Bootsbau in Lübeck.