Im zwischen Wetterstein und Karwendel versteckten Mittenwald hat der Geigenbau Tradition. Vor 300 Jahren startete hier der rechte Mann zur rechten Zeit am rechten Ort eine Geschichte, die bis heute reicht und die voller Höhen und Tiefen ist.

In der Werkstatt herrscht geschäftige Ruhe. Zwölf angehende Geigenbauer sitzen an den Werkbänken, bücken sich konzentriert über ein winziges Werkstück, das so gar nicht nach Geige aussieht. "Thema Hobel bauen" steht an einer klassisch grünen Tafel mit Kreide geschrieben. "Natürlich könnte man solche Hobel auch kaufen", erklärt Franz Zunterer. Doch der Geigenbaumeister und Fachlehrer an der Instrumentenbauschule Mittenwald möchte seinen Schülern zeigen, wie sie ihr Werkzeug selber herstellen können.
Kaum daumengroß ist der Mini-Hobel, an dem Charalampos Dafermos feilt. Der 32-jährige Grieche ist gelernter Uhrmacher. Doch als er erfuhr, dass es in Mittenwald eine eigene Geigenbauschule gibt, lernte er Deutsch und bewarb sich.
Um einen der zwölf begehrten Plätze an der Berufsfachschule zu ergattern, müssen Interessenten eine strenge Aufnahmeprüfung bestehen. Derzeit bewerben sich pro Jahr zwischen 40 und 60 Anwärter. Früher waren es noch deutlich mehr. Dass Schüler wie Dafermos von weit her kommen, ist nicht ungewöhnlich. Die Schule hat einen Ruf und wer es hierher geschafft hat, ist hoch motiviert.
Geigenbauschüler aus aller Welt
Drei Jahre dauert die Ausbildung an der Berufsfachschule. Im ersten Jahr lernen die Schüler, den Geigenkorpus zu bauen, im zweiten arbeiten sie an Hals und Schnecken und lernen das Lackieren. Im dritten Jahr üben sie sich an Reparaturen und erarbeiten ihr Vorgesellenstück. "Eine Geige von vorn bis hinten können sie in der Zeit nicht bauen", sagt Zunterer. Die Instrumente müssen mindestens ein halbes lang im UV-Raum oder im Sonnengang hängen, bevor sie lackiert werden.
Dieses Aufhängen der Geigen ist wohl der Ursprung für den Spruch, dass in Mittenwald der Himmel voller Geigen hängt. Begonnen hatte alles mit der märchenhaften Geschichte des Mathias Klotz, geboren 1653 in Mittenwald. Als armer Jugendlicher war er in die Ferne ausgezogen und kehrte zurück als Mann, der es zu Wohlstand brachte und den Ort bis zum heutigen Tag prägt.
Idealbedingungen für den Geigenbau in Mittenwald
Dank einer Handelsroute war Mittenwald eng mit Venedig verbunden. Dort arbeiteten rund 1.000 deutschsprachige Handwerker. Mathias Klotz ging in die Lehre und arbeitete von 1672 bis 1678 als Geselle in einer berühmten Lautenbauwerkstatt in Padua. Ein prachtvolles Zeugnis bestätigt diese Gesellenzeit – heute stolz präsentiert im Mittenwalder Geigenbaumuseum.
Klotz’ Rückkehr in seinen Geburtsort war eine kluge wirtschaftliche Entscheidung. Hier gab es keine Zunftbeschränkungen für den Instrumentenbau, über die Handelsstraße konnte er Rohstoffe ein- und Instrumente verkaufen. Vor allem aber gab es hier aufgrund der klimatischen Bedingungen im Gebirge Bäume, die gutes Tonholz lieferten. Praktisch vor der Haustür konnte Klotz genügend Bäume schlagen, um den Hunger des Spätbarocks nach neuen Instrumenten zu stillen. Er baute nach dem Cremoneser Konstruktionsprinzip, und war damit ein absoluter Vorreiter diesseits der Alpen. Die Qualität seiner Geigen war weithin bekannt. Sein Können gab er in einer fünfjährigen Lehrzeit an Mittenwalder Schüler weiter, vor allem aber an seine Söhne und Enkel.
Exportschlager Mittenwalder Geigen
Um 1750 war der Name "Klotz" schon so bekannt, dass die Enkel des Ur-Geigenbauers gedruckte Zettel mit ihrem Namen in die Instrumente klebten anstelle der zuvor üblichen Modell-Zettel. Die Mittenwalder Instrumente waren ein Exportschlager. 1764 schrieb Leopold Mozart, "dass Paris und London mit Mittenwalder Geigen voll sind."
Doch der schwunghafte Handel entwickelte sich zum Nachteil der Geigenbauer. Musikinstrumentenverleger steuerten im 19. Jahrhundert den gesamten Produktionsprozess der Geigen. Sie unterhielten Sägewerke und Holzlager, sie besorgten Edelhölzer und Saiten. In ihrem Auftrag fertigten wirtschaftlich von ihnen abhängige Heimarbeiter nur noch Einzelteile der Geige anstelle ganzer Instrumente. In eigenen Werkstätten ließen die Verleger die Instrumente dann zusammenbauen und exportierten sie bis in die USA.
Um die Qualität des Mittenwalder Geigenbaus zu retten, gründete die Regierung von Bayern unter König Maximilian II. 1858 die Geigenbauschule. Anfangs war diese nur eine Musterwerkstatt für Mittenwalder Buben. Doch über die Jahrzehnte wandelte sich ihre Rolle und sie zog immer mehr Schüler aus der Ferne an.
Zu viele Geigenbauer
Dass heute nur in Ausnahmefällen Mittenwalder unter den Schülern sind, wirkt sich auch auf den Ort aus. Lediglich sechs Geigenbauer haben hier noch ihr Gewerbe angemeldet. Einer von ihnen ist Anton Sprenger. Der gebürtige Mittenwalder und Nachfahre des Mathias Klotz sieht die Entwicklung kritisch: "Es gibt viel zu viele Geigenbauer", sagt der 54-jährige Geigenbaumeister. Zwischen Mittenwald und München sei inzwischen in praktisch jedem Ort ein Geigenbauer ansässig. Allein in München seien es 50. Und vielen gehe es wirtschaftlich nicht gut.
| Jahr | Geigenbaubetriebe in Oberbayern |
| 2023 | 82 |
| 2010 | 73 |
| 2000 | 47 |
Quelle: Handwerksrolle der Handwerkskammer für München und Oberbayern
Auch Sprenger selbst empfindet den Verkauf der Geigen oft als frustrierend. "Die Leute kommen hierher, verlieben sich in ein Instrument, kaufen es; und dann schicken sie es nach ein paar Tagen zurück, weil ihr Geigenlehrer bei einem anderen Geigenbauer Prozente bekommt und sie da kaufen sollen", beschreibt er. Zudem habe Industrieware die Preisvorstellungen beeinflusst. "Viele glauben, sie können für 300 Dollar eine Mittenwalder Geige samt Kasten und Bogen bekommen", beobachtet Sprenger. Das Preis-Leistungsverhältnis für handwerklich gefertigte Geigen sei in Mittenwald außergewöhnlich gut. "Aber das würde gerade einmal die Materialkosten decken!"
Tourismus im Geigenbauidyll
Immer weniger Menschen kommen hierher, um sich ein Instrument zu kaufen, wohl aber als Touristen. Der idyllisch-beschauliche Ort ist weltweit für seine Geigenbauer berühmt. "Ich kann auf einer Weltkarte überall eine Nadel stecken für die Orte, wo eine meiner Geigen gespielt wird. Dank Zeitverschiebung rund um die Uhr", sagt Sprenger. In kaum einem Beruf könne man sich so sehr ein Denkmal setzen wie als Instrumentenbauer; immer werde gefragt, von wem das Instrument stammt.
Als Beleg, als Markenzeichen und als Erinnerung für die Nachwelt klebt Sprenger deswegen in jedes seiner Instrumente einen Zettel mit seinem Stempel – und mit einer kleinen Geschichte, was ihn oder die Welt zum Zeitpunkt des Baus bewegte.
In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Uhrmacherstadt Glashütte, Hutmacherort Lindenberg im Allgäu, Leitermacherdorf Weißenborn, Bürstenregion Schönheide, Stützengrün und Steinberg, Modeschmuck-Mekka Neugablonz, Genussregion Oberfranken, Korbmacherstadt Lichtenfels und Bootsbau in Lübeck.