Gemeinschaftsdiagnose Deutsche Wirtschaft mit Schlagseite: Prognose für 2024 eingetrübt

Im Herbst wurden 1,3 Prozent vorhergesagt. In einem neuen Gutachten erwarten Wirtschaftsforschungsinstitute jetzt nur noch ein minimales Wachstum für 2024. Ein Lichtblick bleibt die Binnennachfrage.

Bei der Vorstellung der Gemeinschaftsdiagnose: Stefan Kooths (links) und Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. - © picture alliance / dts-Agentur - stock.adobe.com

Die deutsche Wirtschaft kommt nicht in die Gänge. "Die Wirtschaft in Deutschland ist angeschlagen", sagte Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel anlässlich der Vorstellung des Frühjahrsgutachtens. Eine bis zuletzt zähe Konjunkturschwäche gehe mit schwindenden Wachstumskräften einher. Insgesamt erwarten die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute für 2024 nur noch ein Wachstum von 0,1 Prozent. Im Herbst hatten sie noch ein Plus von 1,3 Prozent vorhergesagt. Die Industrie erholt sich deutlich langsamer als zuvor erwartet. Für 2025 bleiben die Forscher bei ihrer nahezu unveränderten Wachstumsprognose von 1,4 (Herbst: 1,5) Prozent.

Erholung im Winterhalbjahr ausgeblieben

Zwar wird nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher ab dem Frühjahr 2024 eine wirtschaftliche Erholung einsetzen, die Dynamik dürfte aber nicht allzu groß ausfallen. "Derzeit bewegt sich die Wirtschaftsleistung auf einem Niveau, das nur hauchdünn über dem vor der Pandemie liegt", betonte Kooths. Auch trete die Produktivität seitdem auf der Stelle. Das für das Winterhalbjahr erwartete Anziehen der Wirtschaftsleistung sei ausgeblieben. Insgesamt ist die Wirtschaft 2023 um 0,3 Prozent geschrumpft.

Institute: Energieintensive Unternehmen verlagern Produktion

Wie Kooths weiter sagte, ist die deutsche Ausfuhr gesunken, während die weltwirtschaftliche Aktivität bis zuletzt gestiegen ist. Als Grund nannte er eine schwache Nachfrage nach Vorleistungs- und Investitionsgütern. "Insbesondere bei energieintensiven Gütern hat auch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gelitten, und Produktion ist ins Ausland abgewandert", warnte er etwa mit Blick auf die Chemieindustrie.

Niedrigere Preisen beflügeln Binnennachfrage

Wichtigste Triebkraft für die Konjunktur 2024 ist nach Einschätzung der Forscher der private Konsum. "Nachdem der ab Mitte 2021 einsetzende Teuerungsschub die Massenkaufkraft zwei Jahre lang drastisch geschmälert habe, steigt sie nun wieder deutlich", betonte Kooths. Die Institute halten die Phase sehr hoher Teuerungsraten seit Mitte 2023 für ausgestanden. Dieses Jahr erwarten sie einen Anstieg der Verbraucherpreise um 2,3 Prozent, nächstes Jahr einen von um 1,8 Prozent.

Forscher rechnen erst 2025 mit Erholung im Wohnungsbau

Kaum verändert hat sich nach Einschätzung Kooths das Bild für die Bauinvestitionen, die vor allem unter einem sehr schwachen Wohnbau leiden. Dieser werde "erst im nächsten Jahr und dann auch nur langsam und auf dürftigem Niveau zulegen", fügte er hinzu.

Anziehen der Exportwirtschaft in der zweiten Jahreshälfte

Auch bei den Unternehmensinvestitionen ist der Ausblick eingetrübt. Dies gelte neben dem Wirtschaftsbau auch für die Ausrüstungsinvestitionen. Als Grund nannten die Forscher auch die fortwährende Unsicherheit über die Wirtschaftspolitik. Ab Mitte des Jahres rechnen sie mit einer besseren Lage für die deutsche Exportwirtschaft. "Während somit in diesem Jahr die konsumbezogenen Auftriebskräfte dominieren, trägt im kommenden Jahr vermehrt das Auslandsgeschäft die Konjunktur", betonte Kooths.

Mit Blick auf die Wirtschaftspolitik fordern die Forscher klarere Rahmenbedingungen. Unternehmensansiedlungen "durch Subventionen zu fördern, ist aus unserer Sicht der falsche Weg", sagte Torsten Schmidt vom RWI in Essen. Vielmehr müsse man die Rahmenbedingungen verbessern. Dazu zählten etwa klare Aussagen zur Energieversorgung der Zukunft.

Arbeitsmarkt zeigt sich robust

Auf den Arbeitsmarkt hat die Konjunkturschwäche bisher wenig durchgeschlagen. Die Arbeitslosigkeit dürfte nur noch geringfügig steigen und bereits ab dem Frühjahr wieder sinken, teilten die Forscher mit. Für das gesamte Jahr prognostizieren die Forschungsinstitute eine Arbeitslosenquote von 5,8 Prozent in diesem und 5,5 Prozent im kommenden Jahr.