Studie sieht Win-Win-Situation Baubranche: Mit Sanierungen raus aus der Krise

Nach Jahren der Hochkonjunktur schlittert das Bauhauptgewerbe in die Krise. Hohe Zinsen und steigende Preise haben den Bauboom ins Gegenteil verkehrt. Vielen Betrieben droht eine Überkapazität beim Personal. Doch statt wertvolle Fachkräfte zu entlassen, sollte lieber die Sanierungsquote erhöht werden, schlägt eine gemeinnützige Initiative vor und hat dazu eine Studie erstellen lassen.

Dämmarbeiten am Haus
Mit mehr energetischer Gebäudesanierung könnte die Baubranche besser durch die Krise kommen und gleichzeitig dabei helfen, den Klimaschutzzielen ein Stück näher zu kommen. - © co2online.de/Phil Dera

Fazit der gemeinnützigen Initiative Klimaneutrales Deutschland (IKND): Mehr energetische Sanierungen ergeben eine Win-Win-Situation für die Baubranche, die Wirtschaft insgesamt, die Verbraucher und das Klima. Aktuell liegt die Sanierungsquote bei rund einem Prozent. "Bei diesem Tempo würde es 100 Jahre dauern, bis alle bestehenden Gebäude vollständig saniert wären. Dabei bräuchte es eine Quote von vier Prozent, um das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen", rechnet Lukas Meub vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen vor.

Sanierungsquote hinkt hinter den Klimazielen her

Der Autor der Studie "Raus aus der Baukrise – Energetische Sanierung als branchen-, konjunktur- und energiepolitische Chance" hat mit einem Kollegen verschiedene Szenarien untersucht, wie sich eine staatlich unterstützte Umlenkung der Nachfrage vom Neubau hin zur energetischen Sanierung auswirken würde. Meub sieht in der aktuellen Krise eine gute Gelegenheit, die Sanierungsquote auf relativ kostengünstige Weise dauerhaft zu erhöhen und eine tiefere Krise im Baugewerbe zu verhindern.

Geringe Preissteigerungen machen Sanierungen attraktiver

Denn in Zeiten der Niedrigkonjunktur würde eine zusätzliche Nachfrage nur geringe Preissteigerungen hervorrufen. Entscheidend sei die Preis-Elastizität des Angebots, die von der Auslastung der Betriebe abhänge. Sind die Auftragsbücher gut gefüllt, dann bedeutet eine zusätzliche Nachfrage zwar Preiserhöhungen, aber keine Zunahme von Bauprojekten. Eine schwächere Auslastung der Betriebe führt hingegen dazu, dass viele zusätzliche Bauprojekte durchgeführt werden können, die Preise aber nur gering steigen. Das macht energetische Sanierungen attraktiver. IKND-Geschäftsführerin Carolin Friedemann wünscht sich diesbezüglich eine Informationskampagne, die sich an die Immobilienbesitzer richtet. Das Wissen über Einsparmöglichkeiten durch energetische Gebäudesanierung sei leider nicht sehr ausgeprägt, findet Friedemann.

Abwanderung von Fachkräften in der Krise vermeiden

Constantin Terton, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik beim Zentralverband des Deutschen Handwerks, warnt jedoch davor, den Neubau aus den Augen zu verlieren. "Wenn wir das Ziel von 400.000 Wohnungen pro Jahr erreichen wollen, müssen wir Kapazitäten vorhalten, falls die Konjunktur wieder anspringt", so Terton. Deshalb sei es wichtig, dass in der aktuellen Krise keine Fachkräfte aus dem Bauhandwerk abwandern.

Mit mehr Aufträgen in der energetischen Gebäudesanierung könnte entsprechend gegengesteuert werden, zum Beispiel über die Kollegenhilfe, die im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz geregelt ist. Allerdings verhindern gesetzliche Restriktionen einen effektiven Einsatz dieses Instruments, beklagt der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB).

Gesetzliche Restriktionen

So ist das Baugewerbe zum Beispiel von einer Regelung ausgenommen, die es erlaubt, bei kurzfristigen Auftragsstornierungen personelle Überkapazitäten anderweitig zu nutzen, ohne dass bereits Kurzarbeit oder Entlassungen drohen. Außerdem ist eine Arbeitnehmerüberlassung selbst innerhalb des Baugewerbes nur zwischen Betrieben möglich, die seit mindestens drei Jahren bei der gleichen Sozialkasse sind. Das benachteilige zudem neu gegründete Unternehmen, die ohne ausreichende Rücklagen von der Krise besonders hart getroffen werden, aber von der Kollegenhilfe ausgeschlossen bleiben, kritisiert der ZDB und fordert eine Gesetzesänderung.

Arbeitsplätze sichern und gleichzeitig Klima schützen

In der IKND-Studie werden verschiedene Szenarien dargestellt, wie die Sanierungsquote gesteigert werden kann. Am realistischsten hält Autor Lukas Meub eine Mischung aus Umverteilung und Kapazitätsaufbau beim Personal. Das würde bedeuten, dass für eine Sanierungsquote von vier Prozent eine Verlagerung von 40 Prozent der Beschäftigten aus dem Neubau- und Bestandsbereich in den Sanierungsbereich nötig wäre plus einem Beschäftigungsaufbau von 30 Prozent. Noch ist das graue Theorie. Carolin Friedemann sieht in den aufgezeigten Szenarien aber die Chance, auf dem Weg zu einer klimaneutralen Zukunft einen großen Schritt weiterzukommen. "Durch gezielte Maßnahmen können Arbeitsplätze gesichert und gleichzeitig ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden", sagt die IKND-Geschäftsführerin.