Früher hatte Fensterbauer Alexander Müller Probleme, Fachkräfte zu bekommen. Seit er in seinem Allgäuer Betrieb Menschen mit Schwerbehinderungen beschäftigt, ist das passé. Über Kundendienst trotz Hörbehinderung, glückliche Kunden und schlechte Beratung zur Inklusion.

Alexander Müller und Ludwig Haller verstehen sich gut. "Es ist mehr wie eine Familie als wie Chef und Angestellter", sagen beide Schreiner lächelnd, ein Glücksfall für alle. Denn Müller hat mit Haller eine zuverlässige Fachkraft gewonnen, Haller hat eine gute, unbefristete Arbeit. Für einen Menschen mit Schwerbehindertengrad ist das keine Selbstverständlichkeit.
Von Geburt an war Ludwig Haller auf dem rechten Ohr taub, auf dem linken Ohr kann er nur mithilfe eines Hochleistungshörgeräts hören. Hallers Eltern hatten ihn trotz der Behinderung eine Regelschule besuchen lassen. Der Lehrer sprach für ihn in ein Mikrofon, in der Freizeit übten die Eltern mit ihm den Schulstoff. "Alle dachten, dass ich es nicht schaffen würde", erinnert sich der 30-Jährige. "Und dann hatte ich den drittbesten Abschluss an meiner Schule", berichtet er stolz.
Viele Schwerbehinderte leben von Rente wider Willen
7,8 Millionen Menschen leben in Deutschland mit einer Schwerbehinderung, 3,13 Millionen von ihnen sind im erwerbsfähigen Alter. Aber nur die Hälfte von ihnen hat tatsächlich eine Arbeit, zeigen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Dabei würden viele gerne arbeiten. So wie Ludwig Haller. Er kassierte nach seiner Schreinerausbildung am Berufsbildungswerk für Gehörlose eine Absage nach der anderen. Erst als er seine Behinderung in einer Bewerbung nicht erwähnte, bekam er eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. "Der Meister war dann ganz überrascht und hat mich eingestellt, auf ein Jahr befristet", erinnert sich der 30-Jährige. Anschließend arbeitete er für einige Jahre bei seinem Schwiegervater und lernte dann Alexander Müller junior kennen.
Der Sohn des Buchloer Fensterbauers ist ebenfalls von Geburt an taub, kann aber dank einer Hörprothese – einem Cochlea-Implantat – seine Umwelt hören. Wie Haller machte er die Ausbildung zum Schreiner und arbeitet seit sieben Jahren im väterlichen Betrieb.
Für Müller senior bedeutet der Kontakt zur Gehörlosen-Community über seinen Sohn das Ende des Fachkräftemangels. "Die Gehörlosen sind eng vernetzt", weiß er von seinem Sohn. Viele hätten die Erfahrung gemacht, dass sie aufgrund ihrer Behinderung entweder gar keine oder nur befristete Arbeitsverträge bekommen. Unternehmen scheuen nach Ansicht Müllers eine unbefristete Anstellung aus Angst, dem Mitarbeiter hinterher nicht mehr kündigen zu können.
Kündigungsfrist und Schwerbehinderung
Der Grad einer Behinderung (GdB) wird in Zehnerschritten von 20 bis 100 angegeben, abhängig davon, wie stark sich die Behinderung auf die gesellschaftliche Teilhabe auswirkt. Ab einem Grad von 50 gelten Menschen als schwerbehindert.
Schwerbehinderte und ihnen gleichgestellte Beschäftigte haben nach §168 Sozialgesetzbuch IX einen besonderen Kündigungsschutz. Vor einer Kündigung muss der Arbeitgeber die Zustimmung des Integrationsamts einholen. Bei allen Kündigungen, die nicht im Zusammenhang mit der Behinderung stehen, muss das Amt zustimmen (§ 174 SGB IX). Ist die Behinderung Grund der Kündigung, erfragt das Amt, ob beispielsweise durch zusätzliche Leistungen und Unterstützung die Stelle erhalten werden könnte. Ziel ist immer eine gütliche Einigung. Bei Entlassungen innerhalb der ersten sechs Beschäftigungsmonate oder bei witterungsbedingten Entlassungen findet der besondere Kündigungsschutz keine Anwendung (§ 173 SGB IX). Einstellungen auf Probe sind möglich und müssen dem Integrationsamt angezeigt werden.
Müller hatte damit nie Probleme. Er stellt seine Mitarbeiter unbefristet an und unterstützt sie, wo immer er kann. Das habe sich in der Community herumgesprochen. Neben Sohn Alexander und Ludwig Haller arbeitet mit Sven Handwerk inzwischen ein dritter Schreiner mit Hörbehinderung in dem Ostallgäuer Acht-Personen-Betrieb.
Kundendienst trotz Hörbehinderung
Ludwig Haller ist im Team für den Kundendienst zuständig. Zehn bis 15 Termine am Tag arbeitet er ab. Dass ihr Fensterbauer eine Schwerstbehinderung hat, bemerken viele Kunden gar nicht, denn Haller spricht ganz normal. Die Sprache vieler anderer Hörbehinderter ist aber für Hörende schwer zu verstehen.
Das führte anfangs auch zu Irritationen bei einem Kunden von Müller-Fenster. "Der Kunde hatte den Kollegen von hinten angesprochen, aber das kann der nicht hören. Er reagierte also erst nach einer Weile und dann antwortete er mit seiner abgehackten Sprache", erinnert sich Alexander Müller senior, wie er den aufgebrachten Kunden wieder beruhigen musste.
Seither informiert der Chef Kunden immer vorab darüber, dass im Team hörbehinderte Fensterbauer sind. Das komme unheimlich gut an: "Wir haben kaum mehr Reklamationen. Die drei arbeiten sauber und haben eine gute Beziehung zu den Kunden. Vielen gefällt es, dass es mit den Dreien auf der Baustelle so leise zugeht!" Denn untereinander kommunizieren die drei Mitarbeiter per Gebärdensprache. Wenn sie mit den anderen fünf Kollegen nicht von Angesicht zu Angesicht sprechen können, nutzen sie "Facetime" für Videotelefonie oder man schreibt sich kurz per "Whatsapp".
Schlechte Beratung zur Inklusion
Extra Gerätschaften oder Einrichtungen brauchte Alexander Müller senior nicht zu beschaffen, um die drei zu beschäftigen. Allerdings dauerte es sieben Jahre, bis er erfuhr, dass er trotzdem Anspruch auf Fördermittel hat. "Menschen mit Behinderungen haben zum Beispiel fünf Tage mehr Urlaub im Jahr. Für Jahresgespräche müssten wir eigentlich auch einen Gebärdendolmetscher engagieren", nennt der Seniorchef zwei Posten, die ihn als Arbeitgeber mehr Geld kosten. Weder die Arbeitsagentur noch die Krankenkasse hatten ihn auf Fördermöglichkeiten hingewiesen. Erst die Inklusionsberatung der Handwerkskammer für Schwaben half dem Betrieb, die richtigen Anträge zu stellen.
Im Moment sucht Müller keine neuen Mitarbeiter. Aber wenn, dann würde er wieder über diese Community gehen, ist sich der Seniorchef sicher. "Bei uns gibt es keine Quote. Uns ist es egal, ob jemand schwarz ist oder weiß oder gehörlos oder im Rollstuhl. Er muss nur ein guter Handwerker sein und zu uns passen."