Die Stimmung auch im Handwerk ist schlecht, die Erwartungen negativ. Trotzdem wären Investitionen vielfach nötig. Die Banken wiederum agieren strenger bei der Kreditvergabe. Wie das sein kann, erklärt Finanzwissenschaftler Hans-Peter Burghof.
Die schlechte wirtschaftliche Stimmung sorgt dafür, dass die Unternehmen derzeit wenig investieren. Aus Sicht des Ifo-Instituts in München ein logisches Verhalten. "Man weitet keine Produktion aus, wenn man mit einem Rückgang der Aufträge rechnet", bestätigt Lara Zarges, Doktorandin in der Konjunkturabteilung des Ifo-Instituts. Umgekehrt wäre es wichtig, in die wirtschaftliche Transformation zu investieren. Stichwort Energieversorgung und Digitalisierung. Doch die Nachfrage beim Firmenkundengeschäft ist im Januar weiter zurückgegangen, so das Bank Lending Survey der Deutschen Bundesbank, eine Umfrage unter 33 deutschen Banken.
Die Banken wiederum sind selbst zurückhaltend bei der Kreditvergabe. Statt die Investitionsneigung zu fördern, wurden laut Bank Lending Survey gerade in den vergangenen Monaten die Zügel bei der Beurteilung der Kreditwürdigkeit angezogen. Eine Kreditklemme gibt es laut Ifo-Institut zwar nicht, aber auch die Wirtschaftsforscher aus München bestätigten eine strengere Vergabe.
20-Jahres-Tief bei der Investitionsbereitschaft
Fehlende Investitionsneigung und strengere Finanzierungsbedingungen werden auch durch die Ende Februar veröffentlichte Handwerkerumfrage der Wirtschaftsauskunftei Creditreform bestätigt. Demnach wollen nur noch 41,5 Prozent der Befragten investieren, so wenig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig berichtet über die Hälfte der Betriebe von schärferen Konditionen. Lediglich rund jeder fünfte Betrieb hat in den letzten sechs Monaten überhaupt ein Darlehen beantragt.
Aus Sicht von Hans-Peter Burghof ist das Verhalten der Banken nicht ungewöhnlich. Der Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim sieht die wirtschaftlichen Perspektiven der Unternehmen sowie das schwierige gesamtwirtschaftliche Umfeld als Ursache. Ausschlaggebend für die Gesamtstimmung seien derzeit drei Faktoren. Die Regierung sei nicht in der Lage, klare Linien vorzugeben, treibe täglich "neue Säue durchs Dorf" und sei damit in ihrem Handeln für die Wirtschaft nicht kalkulierbar. Besonders deutlich wird dies bei der Energieversorgung und den Energiekosten. Aber auch geopolitische Risiken spielen eine wichtige Rolle. Was etwa passiere, wenn der Suez-Kanal nicht mehr befahrbar sei oder wenn es in Ostasien zu einem Krieg komme? Viele kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) in Deutschland sind in den Weltmarkt eingebunden und wären von solchen weltpolitischen Ereignissen unmittelbar betroffen. Der gesamtwirtschaftliche Schaden beträfe aber alle Unternehmen, auch im Handwerk.
Kreditgeschäft ist den Banken das Liebste
Dass Kreditinstitute ihr Geld gerne an den Unternehmer bringen wollen, ist für Burghof keine Frage. "Das Kreditgeschäft ist den Banken von der Ausrichtung her das Liebste", sagt der Finanzexperte. Dennoch machen es die Umstände schwieriger, dass Volksbanken und Sparkassen auf der einen sowie Unternehmen auf der anderen Seite zueinanderfinden. Je unsicherer die Rahmenbedingungen und damit die Aussichten für die Betriebe, desto strenger urteilen die Banken. Die Welt sei riskanter geworden. Das müssten die Banken beim Zins berücksichtigen.
Für Burghof hat die Verpflichtung der Banken zur Kapitalbereitstellung dann eben auch ihre Grenzen. Die Prüfung der Kreditwürdigkeit sowie die Begleitung des Kredits gehörten sehr wohl zu den Aufgaben einer Bank. Doch eine Art Fürsorgepflicht wie die eines Eigentümers gehöre dann doch nicht dazu. "Wenn in der Risikoeinschätzung kombiniert mit dem aktuellen Zinsniveau ein zu hoher Zins rauskommt, dann fällt das aus dem Kreditspektrum der Bank eben raus", so Burghof. Und auch potenzielle Kreditnehmer werden durch hohe Zinsen abgeschreckt.
Das Kreditgeschäft wird zusätzlich durch umfängliche bürokratische Anforderungen und Aufzeichnungspflichten erschwert, die die Kreditvergabe in den vergangenen Jahren verkompliziert habe. Dazu gehören Basel-III-Richtlinien oder die EU-Taxonomie im Rahmen des Green Deal, die etwa Nachhaltigkeit als Maßstab zur Kreditvergabe anlegen. Nach Ansicht von Burghof schränken diese Informations- und Dokumentationspflichten die individuelle Entscheidungsfreiheit der Bänker ein. "Im klassischen Kreditgeschäft hatten wir immer ein Teil Fakten und ein Teil Gefühl", so der Hochschullehrer. Nun müsse alles belegbar sein, individuelle Einschätzungen sind nicht mehr erwünscht. Der Effekt: Manche guten Kredite werden nicht mehr vergeben, oder die Kreditverhandler präsentieren und selektieren ihre belegbaren Informationen so, dass möglichst die von ihnen bevorzugten Kredite durch die interne Prüfung kommen. Damit steht aber nicht mehr ihre wirkliche Einschätzung in den Kredit-Akten.
Burghof plädiert für weitere Konsolidierung – Zinssenkung wäre verfrüht
Um das Wachstum anzukurbeln, drängt ein Teil der Wirtschaftswissenschaftler auf eine frühere Zinssenkung durch die EZB. Davon hält Burghof allerdings nichts. Er plädiert für eine weitere Konsolidierung, denn nach seiner Auffassung ist die Inflation noch nicht da, wo sie sein sollte. "Wenn wir die Inflation nicht in den Griff kriegen, fliegt uns unsere Gesellschaft um die Ohren", fürchtet er. Der Kaufkraftverlust bei den Geldvermögen sei gewaltig, und dies treffe gerade die Sparer und Vorsorger der gesellschaftlichen Mittelschicht. Jetzt die Zinsen zu senken, sei eine Art inflationsgetriebene Wirtschaftsentwicklung, die nichts zu tun habe mit dem, was das Land langfristig brauche. Die Rolle der EZB beurteilt Burghof ausgesprochen kritisch. Die Zentralbank habe sich um alle möglichen politischen Themen gekümmert und dabei ihre Hauptaufgabe vergessen, die Geldwertstabilität zu gewährleisten.
Für Burghof liegt der Ball bei der Regierung. Das wirksamste Konjunkturprogramm sieht er in der Reduzierung von Bürokratiekosten, der Gewährleistung stabiler Rahmenbedingungen und der Verringerung der Risiken für die äußere und innere Sicherheit des Landes. Das koste zwar viel Mühe, erzeuge aber einen langfristigen Angebotseffekt, der viel besser sei als eine kurzfristig durch die Geldpolitik hochgetriebene Nachfrage.
