Mit neuem Filmtitel: "Oslo Stories: Sehnsucht" Kinostart von "Sex": Wenn der Kaminkehrer zweimal klingelt

Schon bei der Berlinale sorgte ein norwegischer Film für Aufsehen, in dem sich ein heterosexueller Handwerker spontan auf ein Schäferstündchen mit einem männlichen Kunden einlässt. Nun startet der Film am 22. Mai im Kino – doch welches Bild vermittelt er vom Handwerk? Das erfahren Sie in der DHZ-Filmkritik.

Päuschen bei der Arbeit: Die beiden Schornsteinfeger (Jan Gunnar Røise und Thorbjørn Harr) tauschen sich auf dem Dach über ihre Erlebnisse aus. - © Motlys

Nageln, bürsten, ein Rohr verlegen: Handwerkliche Tätigkeiten und die schönste Nebensache der Welt verbinden im deutschen Sprachgebrauch bekanntermaßen eine ganze Menge. Und ja: Bisweilen bildet der Kundenbesuch eines Handwerkers in pornografischen Filmen auch die (schauspielerisch meist wenig überzeugende) Ouvertüre zum anschließenden Beischlaf.

Dass eine solche Begegnung aber auch im Arthouse-Kino als Auslöser für das weitere Treiben herhalten kann, zeigt Dag Johan Haugeruds sehenswertes Dialogdrama "Sex", das seinen norwegischen Originaltitel seit seiner Weltpremiere in der Panorama-Sektion der Berlinale 2024 inzwischen eingebüßt hat und nun den Namen "Oslo Stories: Sehnsucht" trägt: Ein Quickie mit einem männlichen Kunden stürzt darin einen eigentlich glücklich verheirateten, heterosexuellen Schornsteinfeger in eine tiefe Ehekrise. "Sehnsucht" ist der zweite Teil einer Filmtrilogie, deren dritter Teil "Oslo Stories: Träume" sogar den Goldenen Bären bei der Berlinale 2025 abräumte. Inhaltlich steht der Film aber für sich allein, ebenso der erste Teil "Oslo Stories: Liebe". Vorkenntnisse sind keine nötig.

Film "Sex": Zwei Beichten zu Beginn

Bevor der norwegische Regisseur und Drehbuchautor Haugerud sein erstes Dialogfeuerwerk abbrennt, sehen wir die zwei Handwerker bei ihrem Tagesgeschäft: Die Schornsteinfeger, die von Jan Gunnar Røise und Thorbjørn Harr gespielt werden und deren Namen wir den gesamten Film über nicht erfahren, balancieren bei strahlendem Sonnenschein auf Dächern, reinigen vor prachtvoller Kulisse schmutzige Schornsteine und hantieren gekonnt mit ihren Kaminbesen. Auch ohne Worte wird klar: Die beiden Norweger sind Handwerker mit Leib und Seele. Sie lieben ihren Job und führen ihn mit Leidenschaft aus. Auch ihre traditionelle schwarze Kluft mit den metallenen Knöpfen ist auf den ersten Blick kaum von der der deutschen Schornsteinfeger zu unterscheiden.

Wenige Augenblicke später verlagert sich das Geschehen nach innen. Wir befinden uns in einer Kaffeeküche, in der die Gesellenbriefe ("Svennerbrev") der beiden Fachleute gut sichtbar neben der Kaffeemaschine aufgestellt sind. Und hier platzt dann auch direkt die erste Bombe: Der blonde Schornsteinfeger gesteht seinem Kollegen nicht ohne Scham, dass er in der letzten Nacht geträumt habe, eine Frau zu sein – und dass ihn Poplegende David Bowie dabei beobachtet habe. Bitte was? Sein dunkelhaariger Kollege zieht ihn jedoch nicht damit auf, sondern offenbart ihm ein noch deutlich brisanteres Erlebnis: Er hat bei seinem letzten Kundenbesuch ein eindeutiges sexuelles Angebot von einem männlichen Kunden erhalten und ist nach kurzem Zögern darauf eingegangen.

Schornsteinfeger beichten in Kaffeeküche. Film "Sex"
Beichten in der Kaffeeküche: Der eine Schornsteinfeger hat davon geträumt, eine Frau zu sein, der andere hatte kürzlich seine erste homosexuelle Erfahrung. - © Motlys

Schwul oder nicht schwul – das ist hier die Frage

"Nur weil ich mal ein Bier trinke, bin ich noch lange kein Alkoholiker", erläutert der geständige Seitenspringer sein homosexuelles Abenteuer später bei der Aussprache mit seiner geschockten Ehefrau (Siri Forberg). Eine Wiederholung sei nicht geplant, er sei natürlich hetero und das sei doch keine große Sache gewesen. Weder fühle er sich schwul, noch messe er dem Ganzen eine Bedeutung bei. Dass seine Ehefrau schwer verletzt ist, scheint ihn fast zu wundern – und auch seinem Kollegen erzählt er die Geschichte mit einer Beiläufigkeit, als habe er gerade seine Autoversicherung gewechselt. Diese köstliche Nüchternheit sorgt einleitend für die ersten großen Lacher des Films, doch weder seinem irritierten Kollegen, noch seiner Ehefrau ist zum Lachen zumute.

Und so entwickelt sich "Oslo Stories: Sehnsucht" auch keineswegs zu der aberwitzigen Komödie, für die man den Film nach den irritierenden Auftaktminuten halten könnte: Haugerud reiht in seinem Film lange Dialogpassagen aneinander, trennt sie mit gemütlichen Jazzklängen und reichert sie nur stellenweise humorvoll an. Die Tonalität ist wechselhaft, eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es kaum. Der Film wirkt wie eine Momentaufnahme. Es wird geredet, geredet und geredet – im Wohnzimmer, im Schlafzimmer oder auf dem Dach. Einschläfernd sind die vielen Gespräche allerdings nicht, denn vor allem die einfühlsam illustrierte Ehekrise baut eine emotionale Wucht auf, der man sich kaum entziehen kann. Beide Parteien agieren dabei besonnen: Weder der Schornsteinfeger, noch seine hintergangene Gattin neigen zum Aufbrausen oder zum Drama. Man sucht eine Lösung.

Der Nacht für Nacht wiederkehrende (und auch durch einen Traumfänger nicht zu verhindernde) Traum vom Frausein des anderen, deutlich verklemmteren Handwerkers und der damit verbundene David-Bowie-Running-Gag nehmen weniger Raum in Anspruch. Zwar ergeben sich aus den Gesprächen mit seiner mäßig interessierten Ehefrau (Birgitte Larsen) einige reizvolle Gedankenspiele darum, wie die Blicke anderer unsere Persönlichkeit formen, aber zu einem Ergebnis kommt der Schornsteinfeger nicht wirklich. Als Identitätsdrama funktioniert "Oslo Stories: Sehnsucht" daher nur bedingt. Stattdessen ist der Mann vor allem als Vater gefragt: Sein Sohn will beruflich nicht in die Fußstapfen seines Erzeugers treten, sondern einen YouTube-Kanal starten und beschäftigt sich auch schon mit seiner Rente. Auch in solchen heiteren Momenten sind die Lacher des Publikums garantiert.

Film "Sex" Schornsteinfeger mit Frau und Sohn
Hat sich nach dem Traum vom Frausein womöglich auch seine Stimme verändert? Der irritierte Schornsteinfeger lässt seine Zunge von der Musiklehrerin seines Sohnes untersuchen. - © Motlys

Lebensmüde Kunden und glückliche Hochzeitspaare

Das Handwerk und die Eigenschaft, die man Schornsteinfegern im Volksmund beimisst, halten ebenfalls Einzug in die Handlung: Während die regelmäßig eingeflochtenen Impressionen vom Kaminkehren sich auf das traditionelle Berufsbild beschränken, werden wir auch Zeuge eines Hausbesuchs. Bei dem muss der ahnungslosen Kundschaft geduldig erklärt werden, dass ein Kamin mit Blick auf den Brandschutz wohl nicht der allerbeste Ort zum Anbringen einer Tapete ist. Der Sohn des fremdgehenden Schornsteinfegers wiederum prahlt in der Schule mit dem vermeintlich üppigen Einkommen seines Vaters, was seinen Eltern direkt einen Anruf der Lehrerin beschert. Und als sich der von seiner betrogenen Gattin getadelte Kaminkehrer eine Auszeit auf dem Marktplatz nimmt, kommt zufällig ein frisch vermähltes Brautpaar vorbei: Es freut sich sehr über diese Begegnung am Hochzeitstag, weil sie auch in Norwegen großes Glück verspricht.

Dass "Oslo Stories: Sehnsucht" nach seiner Weltpremiere bei der Berlinale 2024 nun endlich den Weg in die deutschen Kinos findet, ist angesichts seiner skandinavischen Herkunft, der unspektakulären Handlung und der gewöhnungsbedürftigen Erzählform keineswegs selbstverständlich, aber sehr erfreulich.  Dag Johan Haugeruds Auszeichnung bei der Berlinale 2025 dürfte dazu beigetragen haben. Einen Blick ist das Drama ab dem 22. Mai nicht nur für Schornsteinfeger wert – man sollte aber das Sitzfleisch für ein ausgedehntes Dialogdrama mitbringen.