Einst kamen die begehrtesten Strohhüte der Welt aus Lindenberg im Allgäu. In der kleinen Stadt lässt sich studieren, wie ein Handwerk einer ganzen Stadt den Stempel aufprägte – bis sich mit John F. Kennedy alles änderte.

Das Städtchen Lindenberg im Westallgäu galt einmal als "Klein-Paris" der Hutmode. Nirgendwo in Deutschland wurden mehr Strohhüte gefertigt. Acht Millionen waren es 1913.
Was industriell anmutet, hat viel mit Handwerk zu tun. "Menschen und handwerkliche Fertigkeiten ließen sich aus dem Prozess nie wegrationalisieren", sagt Angelika Schreiber, Leiterin des Deutschen Hutmuseums, das in Lindenberg an 300 Jahre Hutgeschichte erinnert. "Es braucht immer den Menschen". Was kein Wunder ist: Ob Textil, Leder oder Filz – das Material wird gezogen, geklappt, gezerrt, gepresst und gebügelt, da braucht es der Hände Arbeit und viel Erfahrung. Schreiber sagt: "Die Hände machen es, der Kopf trägt es."
Auch Schreiner profitierten von der Hutproduktion
In Handarbeit brauchte eine Näherin für einen Strohhut etwa anderthalb Tage. Erfindung und Entwicklung der Nähmaschine mit Fußpedal veränderten diese Arbeit, jetzt schaffte eine erfahrene Näherin etwa 15 Hüte pro Tag. Auch andere Handwerke profitierten vom Aufstieg der teilautomatisierten Hutproduktion in Lindenberg: Schreiner etwa fertigen aus Lindenholz Formen für Hüte. In größeren Fabriken entstanden Gießereien für Metallformen. "Es gab in Lindenberg keine Familie, die nicht mit dem Hut konfrontiert war", sagt Schreiber. Beim Färben und Bleichen war chemisches Wissen gefragt, an den Maschinen Kraft, Technik und Materialgefühl. "Fingerfertigkeit und Sorgfalt bringen die Näherinnen mit, durch sie bekommt der Hut seinen letzten Schliff", schreibt Angelika Schreiber in einer Kurzbeschreibung des "Deutschen Hutmuseums". Das Herstellungsprinzip vergangener Tage ist bis zum heutigen Tag gleichgeblieben.

Doch wie konnte ein Dorf im Allgäu überhaupt zum Zentrum der Hutproduktion aufsteigen? Im 16. Jahrhundert war der Getreideanbau überlebenswichtig für die Allgäuer Familien, doch der Ertrag reichte nicht, um die Menschen zu ernähren. Eine zusätzliche Einnahmequelle bestand darin, übriggebliebene Halme von den Weizenfeldern zu verarbeiten, daraus lange Strohborten zu flechten und in Heimarbeit zu einfachen Hüten zusammenzunähen. Die ganze Familie half dabei mit, aber vor allem die Frauen nähten am Abend und in der Nacht. Kinder wurden zum Flechten herangezogen, ihnen wurde "eine Zahl aufgl’egt", also die Mutter bestimmte, wieviel Meter Stroh die Kinder am Tag flechten mussten.
Pferdehändler brachten die Hutherstellung voran
In dieser Zeit handelten die Lindenberger Männer zudem mit edlen Pferden aus Norddeutschland, die sie über die Alpen nach Italien trieben. Von dort brachten sie das Wissen mit, wie schönere Hüte angefertigt werden könnten. Denn in den ertragreichen Gegenden Italiens konnten es sich die Bauern leisten, das Getreide vor der kompletten Kornreife abzuernten; sie erhielten dadurch einen jungen biegsamen Halm für die Herstellung der Geflechte.
Davon konnte beim Allgäuer Weizen keine Rede sein. Daraus ließen sich nur Borten machen, denn für einen am Stück geflochtenen Hut war das Stroh zu steif. Es musste geerntet, gesäubert und sortiert werden, dann gebleicht, gespalten, geflochten, geplättet und gefärbt, bevor es zusammengenäht, gebügelt und garniert wurde. Viele Arbeitsschritte und viel Erfahrung sind nötig – eben echtes Handwerk. Seit 1880 bezogen die Lindenberger Hutmacher Borten aus Asien, um den inzwischen gewaltigen Bedarf zu decken. Sie ließen sich besser verarbeiten.
Roter Fleck im schwarzen Allgäu
Lindenberg ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Handwerk eine ganze Stadt prägen kann. Der Ort sieht ganz anders aus als die benachbarten malerischen Bergdörfer im Allgäu mit ihren Kühen und Käsereien oder die pittoresken ehemaligen Reichsstädte in Oberschwaben. Lindenberg ist in gewisser Weise schroff. Einen Stadtkern gibt es nicht, dafür aber prächtige Bürgerhäuser aus der großen Zeit der Hutfabriken, die neben den einfachen Bauernhäusern entstanden. In Lindenberg lebten Arbeiter und Handwerker, Unternehmer und Fabrikanten Tür an Tür. Diese für das Allgäu untypische Sozialstruktur bescherte Lindenberg eine Besonderheit: Der Ort wurde zum roten Fleck im konservativen Allgäu – lange Zeit stellte die SPD den Bürgermeister.
Exporte nach Übersee
1755 wurde die erste Hut-Compagnie in Lindenberg gegründet, 150 Jahre später gab es 34 Strohhutsteller, darunter 14 Hutfabriken mit insgesamt 3.000 Beschäftigten. Vor dem Ersten Weltkrieg schwang sich Lindenberg auf zum Zentrum der Herrenstrohhutproduktion. Hüte aus dem Allgäu-Städtchen wurden sogar in die USA und nach Südamerika exportiert. In den 1950er-Jahren wurde die Produktion um Filzhüte und die Verarbeitung von Pelzen, Leder und Kunststoffen erweitert.
Standen in Lindenberg zunächst die Herrenhüte im Mittelpunkt, spielten nun mehr und mehr Damenhüte eine Rolle. Ein fertiger Filzhut hat bis zu 70 Arbeitsschritte hinter sich. Denn es gibt nun einmal keine Maschine, in die vorne das Hasenfell gesteckt wird und hinten ein Filzhut herauskommt. Für die Hutherstellung aus Filz verwendete man ausschließlich Tierhaare, die sich gut und rasch miteinander verhaken: Kaninchen, Hase und Biber. Ein Hut aus Kaninchenfell ist hochwertiger als ein Hut aus Schafswolle und zierte die Häupter vieler Frauen in der Wirtschaftswunderzeit.
Zylinder und Melone
Neben Gürtel und Tasche gehören Kopfbedeckungen zu den ältesten "Accessoires" der Welt. Berühmte Comicfiguren wie Dagobert Duck oder Asterix oder Stars wie Udo Lindenberg sind ohne ihre Kopfbedeckungen nicht denkbar, die preußische Pickelhaube symbolisierte den Obrigkeitsstaat. Einst drückten Hüte auch die Zugehörigkeit einem gesellschaftlichen Stand aus. Zylinder und Melone gehörten im 19. Jahrhundert beispielsweise zum Gesamtbild des konservativen Bürgers und standen zusammen mit der verstärkten Hemdbrust und dem Spazierstock für Strenge, Anstand und Moral. Reiche Damen verzierten ihre Hüte Anfang des 20. Jahrhunderts liebend gern mit ausgestopften Vögeln – und brachten so in den deutschen Kolonien die Paradiesvögel an den Rand der Ausrottung.
In der Weimarer Republik emanzipierten sich die Frauen, was sich auch in der Hutmode ausdrückte: Frauen trugen selbstbewusst den "Bubikopf" und bevorzugten den praktischen Topfhut als Kopfbedeckung. Die 1950er-Jahre waren das letzte Jahrzehnt, in dem der Hut noch ein gesellschaftlich verpflichtendes Accessoire war. Das änderte sich ab den 1960er-Jahren: Strahlende junge Politiker wie John F. Kennedy verzichteten demonstrativ auf eine Kopfbedeckung, mit der 68er-Revolution wurde der Hut als Symbol des Biederen regelrecht abgelehnt. Beim Autofahren waren Hüte unpraktisch. In der Folge wurde der Hut mehr und mehr zum "Anlasshut" und nur noch bei besonderen Ereignissen und Festen getragen oder – bis heute – als Bestandteil von Trachten.

Huttag und Hutkönigin
Lindenberg machte diese Entwicklung zu schaffen. Die einst größte Hutfabrik meldete 1997 Konkurs an. Heute befindet sich dort das Hutmuseum. Es ist das sichtbarste Zeichen einer jahrhundertealten Handwerkstradition, an die auch noch der Huttag und die Krönung der Hutkönigin erinnern. Eine einzige namhafte Hutfabrik gibt es noch in Lindenberg. Wenige hoch spezialisierte Modisten halten das Handwerk in Deutschland am Leben und bewahren so auch das Erbe der Allgäuer Bauernfamilien.
Deutsches Hutmuseum Lindenberg, Museumsplatz 1, 88161 Lindenberg
In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Uhrmacherstadt Glashütte, Geigenbau im Mittenwald, Leitermacherdorf Weißenborn, Bürstenregion Schönheide, Stützengrün und Steinberg, Modeschmuck-Mekka Neugablonz, Genussregion Oberfranken, Korbmacherstadt Lichtenfels und Bootsbau in Lübeck.

