Orte mit Handwerkstradition Weißenborn: Das Leitermacherdorf im Thüringer Holzland

Obwohl der Leitermacher längst kein Lehrberuf mehr ist, bewahren einige Betriebe in Weißenborn den Ruf des Ortes als Leitermacherdorf.

Roger Dämmrich, Betriebsinhaber im Leitermacherdorf Weißenborn
Roger Dämmrichs Betrieb mit 13 Mitarbeitern gehört zu den führenden Herstellern von Holzleitern in Deutschland. - © Andreas Wetzel

Zu Pfingsten binden sich die Männer im Thüringer Holzland blaue Schürzen um und ziehen in den Wald. Mit Muskelkraft holen sie eine mächtige Fichte, die sie in einer langwierigen Prozedur als Maibaum aufstellen. Im Leitermacherdorf Weißenborn zieht das Spektakel alljährlich viele Schaulustige an. Traditionell ist hier am Dienstag nach Pfingsten ein zusätzlicher Feiertag, an dem beim Anschuhen des Gipfels, mit dem der Baumstamm verlängert wird, die Holzhandwerker ihr Können zeigen.

Das Maibaumsetzen in dem waldreichen Landstrich geht auf das Zunftfest der Zimmerer zurück. In Weißenborn aber prägen seit Generationen die Leitermacher das Selbstverständnis des Ortes, auch wenn ihre Bedeutung schrumpft. In den 1960er-Jahren fertigten Leiter-, Rechen- und Stellmacher noch in 60 Betrieben Holzprodukte, war der Leitermacher ein Lehrberuf. Heute halten nur wenige Holzhandwerker die Tradition hoch, meist in vierter oder dritter Generation wie Torsten Jäger oder Roger Dämmrich. 

Warmes Holz statt kaltes Metall

Der Familienbetrieb "Jäger Leitern und Holzwaren" besteht seit 100 Jahren. Eigentlich ein Grund zum Feiern, aber Torsten Jäger blickt eher skeptisch in die Zukunft. Die Qualität des Fichtenholzes für die Holme ist zu­­rückgegangen seit der Borkenkäfer sich durch die heimischen Wälder frisst. Seine beiden Kinder gehen beruflich andere Wege und zuletzt sorgte die Baukrise für einen Absatz­einbruch bei den Bauleitern. "Dafür sind die Obstleitern wieder im Kommen. Während der Corona-Krise haben viele Leute ihre Leidenschaft für den Garten wiederentdeckt oder pflegen ihre Streuobstwiesen", sagt der Tischlermeister, der 1993 in den Familienbetrieb eingestiegen ist und ihn seit 2021 in vierter Generation als Inhaber führt.

Lange Zeit war Holz das klassische Material für den Bau von Leitern. Bis leichte Aluleitern die Baumärkte er­­oberten. Dennoch spricht aus Sicht von Torsten Jäger vieles für die Holzleiter. "Holz ist ein Naturprodukt. Es ist nachhaltig und fühlt sich im Vergleich zum kalten Metall warm an", benennt Jäger die Vorteile. Auch viele Handwerker schätzen Holzleitern. Maler ärgern sich über schwarze Hände, die der Metallabrieb der Aluleitern hinterlässt. Dachdecker wählen Holzleitern zum besseren Schutz der lasierten Dachziegeln. Und Elektriker schützt das Holz vor Stromschlägen.

Torsten Jäger, Betriebsinhaber im Leitermacherdorf Weißenborn
Torsten Jäger feiert 2024 das 100-jährige Bestehen des Familienbetriebes, den er in vierter Generation führt. - © Andreas Wetzel

Trotzdem könnte Torsten Jäger, der noch von seinem Vater und seiner Frau unterstützt wird, nicht allein von den Holzleitern und -gerüsten leben. Schon vor Jahren wurde der Betrieb um eine Bautischlerei erweitert. "Damit hoffe ich, die Tradition im Leitermacherdorf noch lange aufrecht halten zu können. Aber irgendwann wird es damit wohl vorbei sein", be­fürchtet der 51-Jährige.

CNC-Technik sichert Zukunft im Leitermacherdorf

Daran mag Roger Dämmrich gar nicht denken. Um seinen Betrieb, der 1925 von seinem Großvater gegründet wurde, fit für die Zukunft zu machen, hat der Inhaber in CNC-Technik in­vestiert. Seit 2020 läuft ein Teil der Produktion in einer neuen Werkhalle im benachbarten Bad Köstritz automatisiert, während am Stammsitz in Weißenborn Leitern noch traditionell mit viel Handarbeit entstehen. Die 13 Mitarbeiter fertigen zwischen 25.000 und 30.000 Leitern pro Jahr. Damit zählt "Dämmrich Leitern" zu den führenden Holzleitermachern in Deutschland. "Unser größter Kunde ist ein Hersteller von Aluleitern, der weltweit liefert und eben auch Holzleitern anbieten möchte", sagt Roger Dämmrich.

Besonders viele der Dämmrich-Leitern landen auf Baustellen. Sie sind billiger als Metallleitern, wärmer beim Anfassen und leichter zu entsorgen. "Nach Abschluss der Arbeiten werden sie einfach zersägt. Bauleitern sind ein Wegwerfprodukt", klärt Roger Dämmrich auf. Dennoch muss das Holz für den Bau der Leitern aus Sicherheitsgründen bezüglich Astverteilung, Faserverlauf, Blaufäule, Trocknungsrisse oder Harzgallen strengen Vorschriften genügen. Sein Holz bezieht Dämmrich daher schon längst nicht mehr aus der Region. "Die Sortierung wäre den Revier­förstern viel zu aufwendig", glaubt der Unternehmer.

Blind vertrauen können die Leitermacher aber auch dem standardisierten Rohstoff nicht. Während des ge­samten Arbeitsprozesses führen die Mitarbeiter Sichtkontrollen durch. "20 bis 30 Prozent des Holzes sind Ausschuss", schätzt Dämmrich, in dessen Betrieb neben Fichte auch Buche, nordische Kiefer und Gelbkiefer aus den USA verarbeitet werden.

Frühzeitig auf Personalsuche

Wie viele Betriebsinhaber im Handwerk treibt auch Roger Dämmrich die Sorge um geeignetes Personal um. Selbst kann er keine Lehrlinge ausbilden. Alle seine Mitarbeiter sind angelernt, kommen aus verschiedenen Branchen, unter ihnen Möbeltischler, aber auch Fleischer, Hotel- oder Molkereifacharbeiter. Wegen des hohen Altersdurchschnitts in der Belegschaft sucht er stetig nach Verstärkung. "Die Einarbeitungszeit dauert bei uns ein Jahr, daher müssen wir frühzeitig mit der Personalsuche be­ginnen, bevor ein Mitarbeiter in Rente geht", erklärt Roger Dämmrich. Sein Ziel: Je ein Drittel seiner Leute soll fest an den beiden Standorten arbeiten, die anderen könnten als Springer für die nötige Flexibilität sorgen. Wenn es gelingt, dann kann die Tradition im Leitermacherdorf Weißenborn noch lange weiterleben – nicht nur über die Pfingstfeiertage.

In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Uhrmacherstadt Glashütte, Hutmacherort Lindenberg im Allgäu, Geigenbau im Mittenwald, Bürstenregion Schönheide, Stützengrün und Steinberg, Modeschmuck-Mekka Neugablonz, Genussregion Oberfranken, Korbmacherstadt Lichtenfels und Bootsbau in Lübeck.