Mitarbeiterführung statt Fachkräftemangel "Mitarbeiter sind das Herzstück des Betriebs"

Fabienne Gehrig, Personalberaterin bei der Handwerkskammer Konstanz, berät Betriebe, wie sie Personal finden und halten können. Ein Gespräch über die Bedeutung guter Mitarbeiterführung in Zeiten des Fachkräftemangels.

Personalberaterin Fabienne Gehrig.
"Mitarbeiter zu finden und zu halten hat etwas mit der Unternehmensführung, der Unternehmenskultur und den gelebten Werten im Betrieb zu tun", ist Personalberaterin Fabienne Gehrig überzeugt. - © Martin Bargiel/HWK Konstanz

Frau Gehrig, Sie sind Personalberaterin bei der Handwerkskammer Konstanz und unterstützen Betriebe bei der Suche nach Fachkräften. Was erleben Sie da?

Fabienne Gehrig: Uns rufen oft Unternehmer an, weil sie sehr dringend Mitarbeiter brauchen und auf eine schnelle Lösung hoffen. Aber die gibt es nicht. Noch ein Inserat in einem weiteren Portal genügt nicht. Man muss bei dem Thema viel weiter ausholen.

Was meinen Sie damit?

Mitarbeiter zu finden und zu halten hat etwas mit der Unternehmensführung, der Unternehmenskultur und den gelebten Werten im Betrieb zu tun. Wir haben wegen des demografischen Wandels einen Bewerbermarkt. Ich muss potenzielle Arbeitskräfte davon überzeugen, dass es bei mir besser ist als bei anderen Arbeitgebern und für mich als Arbeitgeber werben. Es genügt nicht, die Kunden zufriedenzustellen. Ich muss auch überlegen, was meinen Betrieb für Mitarbeiter attraktiv macht. Sie sind das Herzstück des Betriebs, ohne sie geht nichts voran!

Wissen die Unternehmer denn, was sie von anderen abhebt?

Oft nicht und oft ist es auch den eigenen Mitarbeitern nicht bewusst. Wir müssen also nach innen und nach außen werben. Zu Beginn empfehlen wir dazu eine Mitarbeiterbefragung. In einem anonymen Fragebogen können die Mitarbeiter schreiben, was das Unternehmen besonders gut macht und was verbesserungswürdig wäre. Auf diesem Weg lassen sich beispielsweise auch Gründe herausfinden, wenn die Stimmung im Betrieb oder die Leistung schlechter geworden ist. Aus den Antworten entwickeln wir dann gemeinsam mit dem Betrieb Maßnahmen.

Das klingt nach einem langwierigen Prozess in einer Zeit, wo der Betrieb unter akuter Personalnot leidet!

Ja, aber diese Arbeit am Unternehmen hilft, neue Mitarbeiter zu finden. Wir können die Suche nach neuen Kräften auch nicht getrennt von der Mitarbeiterbindung betrachten. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Einerseits muss ich überlegen, wie ich die guten Mitarbeiter, die ich habe, halten kann. Andererseits finden nach meiner Beobachtung Betriebe mit zufriedenen Mitarbeitern auch leichter neue Arbeitskräfte. Mund-zu-Mund-Propaganda ist nach wie vor die beste Werbung.

"Chefzentriertheit ist oft die Krux, wenn Mitarbeiter unzufrieden sind."

Wie viel Zeit muss ein Betrieb einplanen für die Befragung und darauf folgende Maßnahmen?

Im Schnitt müssen sie mit drei bis vier Terminen zur Vorbereitung der Befragung rechnen und hinterher die Zeit für die Maßnahmen, die sich aus den Antworten ergeben, wobei diese Beratungen in der Handwerkskammer für die Mitgliedsbetriebe kostenfrei sind. Wichtig ist, dass man am Prozess dran bleibt. Oft übernimmt das die Ehefrau oder jemand aus dem Büro.

Es muss sich also nicht unbedingt der Chef selbst um alles kümmern?

Im Gegenteil, die Chefzentriertheit ist oft die Krux, wenn Mitarbeiter unzufrieden sind. Früher war es üblich, dass alles über den Chef lief. Heute aber wollen Mitarbeiter wissen, wann und warum sie welche Arbeiten tun. Wir empfehlen dafür das Shopfloormanagement.

Wie geht das?

Diese Methode stammt ursprünglich aus der Industrie. Jeden Morgen bespricht sich das Team für 15 Minuten zu den aktuell wichtigen Themen und alle, die es angeht, sind dabei. Das verbessert den Informationsfluss, führt aber auch zu mehr Mitarbeiterzufriedenheit.

Allerdings muss der Chef dann auch bereit sein, zu delegieren. Kann man das lernen?

Es wird nicht jedem leicht fallen. Andererseits kenne ich Unternehmer, die massiv unter ihrer Arbeitsbelastung gelitten haben. Als sie gemerkt haben, dass ihre Mitarbeiter dank der regelmäßigen Besprechungen eigenständiger und mit mehr Verantwortung gearbeitet haben, waren sie sehr erleichtert.

Müssen jenseits der täglichen Besprechungen auch noch Mitarbeitergespräche geführt werden?

Ja, denn sie bieten die Möglichkeit, über die Dinge zu sprechen, für die im Alltag keine Zeit oder kein Raum ist. Das könnten Abläufe sein, bei denen es immer wieder hakt, oder jemand hat privat Probleme, die ihn auch bei der Arbeit einschränken. Oder es gibt Spannungen unter den Kollegen … Nützliche Eingangsfragen könnten sein, ob es etwas gibt, was dem Mitarbeiter den Arbeitsalltag erleichtern würde? Wie eine eingeführte Maßnahme ankommt? Wie er oder sie sich im Team fühlt? Es ist wichtig, diese Mitarbeitergespräche nicht als lästige Pflicht abzuarbeiten, sondern als Chance zu betrachten, dem Mitarbeiter sein Ohr zu schenken, ganz ohne Druck. Das kann einmal im Jahr eine Stunde sein, wie es oft empfohlen wird, oder auch öfter, dafür aber nur eine Viertelstunde.

Handwerker, die solche Dinge einführen, stoßen oft auf Widerstand bei ihren Mitarbeitern. Warum?

Zunächst ist das eine Typ- und manchmal auch eine Altersfrage. Jüngere erwarten sich meist mehr Engagement vom Chef, Ältere dagegen sind oft zunächst skeptisch, weil sie es anders kennen. Mitarbeitergeschichten brauchen Zeit. Chefs und Mitarbeiter sollten sich eine Ausprobierphase geben und die Maßnahmen so anpassen, dass sie für sie passen.

Welche Rolle spielt der Führungsstil in Klein- und Kleinstbetrieben?

Es ist egal, wie sich der eigene Führungsstil nennt. Wichtig ist, sich zu überlegen, wie man im Moment führt. Leitfragen können sein, ob man auf seine Mitarbeiter eingeht, wie man Entscheidungen trifft und ob das gut für einen selbst und gut für die Mitarbeiter ist. Mit dieser Klarheit kann dann jeder entscheiden, ob er so weiterarbeiten oder was er verändern möchte. Dieser Blick nach innen ist wichtig, um es nach außen hinzubekommen.

Tipps für bessere Mitarbeiterführung

Gute Mitarbeiterführung ist die Voraussetzung, um auch in Zeiten des Fachkräftemangels sein bestehendes Personal zu halten und neue Mitarbeiter zu finden. Einzelne Maßnahmen können nützlich sein. Letztlich geht es aber um die gesamte Unternehmenskultur, die nach und nach weiterentwickelt werden kann.

Handwerk BW, die baden-württembergischen Handwerkskammern und die Landes- und Innungsverbände haben in einem Projekt des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg auf der Plattform "Horizont Handwerk" viele Tipps zusammengetragen. Wo Betriebe weitergehende Beratung wünschen, können sie sich an die Betriebsberatung ihrer jeweiligen Handwerkskammer wenden.

  • VisMa - das visuelle Mitarbeitergespräch: Das Gesprächsinstrument bietet Handwerkern eine Vorgehensweise, um herauszufinden, welche Bedürfnisse der einzelne Mitarbeitender hat. Die Grundlage sind zehn Karten zu verschiedenen Themenfeldern wie Kommunikation, Betriebsklima oder persönliche Entwicklung, die Chef und Mitarbeiter gemeinsam durchgehen.
  • Shopfloormanagement: Diese Besprechungsmethode dient dazu, Informationen im Unternehmen effizient zu verteilen. So lassen sich Probleme schneller, effizienter und nachhaltiger lösen.
  • Arbeitgeberattraktivität: Auf Horizont Handwerk finden Handwerker erste Tipps, wie sie ihre Arbeitgeberattraktivität steigern können. Umfassendere Tipps gibt es in der Broschüre des Instituts für Betriebsführung Arbeitgeberattraktivität & Handwerk: Instrumente, Strategien und Prozesse.
  • Mitarbeiter binden: Auch wenn Handwerker vor allem Probleme haben, neue Mitarbeiter zu finden, spielt die Mitarbeiterbindung eine große Rolle, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.
  • Mitarbeiter führen: Kaum ein Handwerker hat Mitarbeiterführung von Grund auf gelernt. Dabei steht und fällt der Erfolg eines Unternehmens mit den Führungsqualitäten. Horizont Handwerk hat die wichtigsten Grundlagen skizziert.
    Wer mehr über Führungsstile und deren Auswirkungen erfahren will, findet hierzu Informationen in der Studie "Führung im Wandel. Führungsstile und gesellschaftliche Megatrends im 21. Jahrhundert" des Roman Herzog Instituts.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat Tipps zusammengetragen, wie Ausbilder in einer "VUKA-Welt" noch erfolgreich ausbilden können. VUKA steht für Volatility (Unbeständigkeit), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit).

Umfangreiche Informationen zu allen Fragen der Personalarbeit bietet außerdem das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung Kofa, ein Projekt im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums für Wirtschaft und Arbeit. Checklisten, beispielsweise zur Mitarbeiterbefragung, helfen bei der konkreten Umsetzung.